How many miles to Bethlehem?
- Three scores and ten.
Can I get there by candlelight?
- Yes, and back again.
Meine Schüler lieben dieses Weihnachtslied. Sie singen es in verteilten Rollen.
 
Wie weit ist es bis Bethlehem? Wie kann ich dort hin kommen?
     -  Früher, da konnte man ...
     - Hm, früher, da ging man ...
     - Ja früher, da nahm man ...
Am Informationsschalter ist nur noch einer vor mir. Früher liegt nur ein paar Jahre zurück. Früher war Bethlehem in einer schönen Wanderung zu erreichen, oder man nahm den Bus nach Bethlehem.
     - Das geht heute nicht mehr. Sie nehmen den Bus 163 bis Kever Rachel, passieren den Checkpoint und nehmen dann ein Taxi nach Bethlehem.
 
Das Taxi werde ich nicht nehmen, sondern ein bisschen wandern. Kever Rachel. Rachels Grab, ein Pflichtprogramm. Linie 163, Ausgang 1. Sechs oder sieben ältere Frauen warten vor mir. Das Einsteigen über die hohen Stufen des Busses macht ihnen Schwierigkeiten. Sie machen nicht den Eindruck, als würden sie - wie Tradition - an Rachels Grab um Kindersege bitten. Aber leidend sehen sie aus, vielleicht klagen sie der Stammesmutter ihr Leid.
An jeder Haltestelle die gleiche Frage an den Busfahrer:
Kever Rachel?
     - Kever Rachel.
Eine Frau steigt zu, manchmal zwei oder drei. Sie sehen ähnlich aus. Jiddische Frauen, mit Kopftuch, oder mit gehäkeltem Netz. Bis in den Nacken hält das Netzt die Haare koscher gebunden. Und auf dem Schoß ein kleines Gebetbuch. In dem faltigen Gesicht bewegt sich der Mund unhörbar.
Was mögen die Frauen von mir denken, eine Ungläubige? Eine Touristin? Gar nichts denken sie. Sie beachten mich nicht, ich bin gar nicht da. Ich existiere auch nicht für den schwarzen starken Mann, der sich hinter den Fahrer setzt. Mit schwarzem Hut, ein Orthodoxer. Er beugt sich nach vorne, redet mit dem Fahrer, redet, redet, viel zu laut. Sie sind im Taxi, nur wir Frauen sitzen im Bus, fahren zu Kever Rachel. Er steigt vorher aus.
Wir nähern uns der Mauer. Ganz dicht fährt der Bus an das graue Monstrum heran. Eine Mauer? Eine Mauer links, eine Mauer rechts, sind wir zwischen den Mauern? Der Bus fährt langsam eine Straße zwischen den grauen, hohen Ungetümen entlang.
   - Kever Rachel!!
Der Busfahrer öffnet die Türen. Die Frauen erheben sich, verlassen so langsam wie ihre Gelenke empfehlen den Bus. Ich folge ihnen, sie werden den Eingang kennen. Nur ein paar Schritte. Hinter dem Eingang ein langer Gang. Im Innern der großen Mauer? Am Ende des Gange, der Raum für die Männer. Was beten die Männer hier? Und der Raum für die Frauen. Einige aus dem Bus haben schon angefangen zu beten. Ihr ganzer Körper beweg sich, mit dem aufgeschlagenen Gebetbuch in den Händen. Wie an der Klagemauer. Klageweiber. Am Grab.
Es hält mich nichts hier, am Grab. Raus, raus an die Sonne. Nach draußen, zur Auferstehung. Vor dem Eingang zur Grabstätte hält mich ein Soldat mit Maschinenpistole auf. Ein olivgrün gescheckter Engel.
   - Sie dürfen nicht raus. Erst wenn der Bus kommt.
Ich sehe ihn stirnrunzelnd an.
   - Aus Sicherheitsgründen.
     Aber mir wird übel da drin. Ich brauche frische Luft.
   - Tut mir leid, nicht gestattet.
Ein Ziviler wendet sich zu mir, gehört er mit hierher?
   - Sie wissen, Terroristen.
Wollen sie mich vor Terroristen beschützen, oder bin ich die Terroristin? Ich öffne meinen Rucksack, zeige meine Habseligkeiten, look here, und setze mich auf den Zementboden. Sonne!
Sonne über Zement. Asphalt und Stacheldraht.
Die beiden werfen sich Sätze zu. Verboten, höre ich den Olivgrünen, die lange Knarre an der Seite. Sein Arm greift nach einem Stuhl hinter dem Tisch, dem fromen Tisch mit den Gebetbüchern, ... Andenken? Er kommt zu mir mit dem Stuhl. Danke.
     Was ist denn mit den Terroristen, was war denn?
   - Vor drei Wochen. Sie wissen, Hamas. Leute von Hamas kamen hier hin.
Zu Besuch bei Rachel! Rachel weint um ihre Kinder. Warum weint Rachel? Weil ihre Kinder Soldaten sind? Oder Terroristen? Weil sie sich um ihr Grab streiten? Weil sie von ihnen eingebunkert wurde? Weil so wenige sie besuchen auf dem Weg nach Bethlehem? Eine laute Stimme:
   - Der Bus ist da!
Die Tür zum Grab öffnet sich, ich erhebe mich, sie strömen hinaus. Stimmen, Bewegung, Rufen, Schlurfen, die Türautomatik: tsch.
Ich lasse die alten Frauen vor mir einsteigen.
Rachel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen.