Edith Lutz
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Mit Macbeth in den Untergang - Der Wald von Birnam bewegt sich

Der Wald von Birnam bewegt sich auf Netanyahu zu

Im gleichnamigen Drama von William Shakespeare ist Macbeth ein schottischer Edelmann. Rang und Namen sind weniger von Bedeutung. Vielmehr spiegelt Macbeths moralischer Abstieg bis hin zur psychischen und physischen Zerstörung den Weg eines Menschen, der unfähig ist, Fehler zu erkennen oder einzugestehen und zu korrigieren. Ohne Eigenkorrektur oder Hilfe von außen folgt der Abstieg in das eigene Verderben.

Macbeth, der schottische Edelmann, wird zu Beginn der Tragödie als ein Mensch mit widersprüchlichen, aber überwiegend positiven Eigenschaften vorgestellt: Er ist mutig, sensibel, nobel, loyal. Aus einer möglicherweise falsch verstandenen Vision heraus - drei Hexen prophezeien die Königskrone für Macbeth - begeht er den ersten schwerwiegenden Fehler. Um diesen zu verdecken, erfolgt der zweite, der dritte. Alle folgenden Rechtsbrüche dienen der Verdeckung der vorangegangenen. Er mordet, lässt morden, verbreitet Lügen und beordert Spione in die Häuser anderer Regenten. In diesem verzweifelten und paranoiden Zustand sieht er sich von allen Seiten von Feinden umgeben. Je verzweifelter die Lage für Macbeth wird, desto größer ist der Verlust des moralischen Empfindens. Es scheint für Macbeth kein Zurück zu geben. Er muss weiter töten, bis er selbst im Kampf mit dem Feindbild getötet wird. Mit Laubzweigen des nahen Waldes getarnt nähert sich das feindliche Heer der Burg Macbeths und erfüllt eine weitere Vision der Hexen: der Wald von Birnam bewegt sich – auf Macbeths Untergang zu.

Verlegt man die Bühne von Schottland nach Israel, drängt sich ein Vergleich auf. Auch Netanyahu wird nachgesagt, früheres Fehlverhalten durch weiteres und weitaus schlimmeres zu kompensieren. Die Stimmen mehren sich, die in Netanyahus Festhalten an Krieg und Zerstörung nichts anderes sehen als den verzweifelten Versuch, sich selbst zu erhalten. Sie werfen ihm vor, die gesteigerten Angriffe auf Gaza zu nutzen, um von juristischen und innenpolitischen Problemen abzulenken. Möglicherweise spielen bei der Ablenkung neben bekannten Faktoren wie dem Korruptionsprozess auch noch unbekannte eine Rolle. Inwieweit er selbst Verantwortung trägt für die Ermöglichung des Überfalls vom 7. Oktober, ist eine Frage, die aufgrund der Schocksituation mit traumatischen Folgen bislang ungeklärt ist. Wie Macbeth scheint auch Netanyahu von Angst getrieben. wie sein ehemaliger Geheimdienstchef Ami Ajalon bestätigt: „He is always afraid“ (https://www.ardmediathek.de/film/the-bibi-files-die-akte-netanjahu/Y3JpZDovL25kci5kZS80ODc4IHByb3BsYW5fMTk2Mzc1NzI5).

Dabei setzt Macbeth Netanyahu nur fort, was seine Vorgänger im Amt begonnen haben. Politische Führer als Macbeth-Figur? Der Weg zur Staatsgründung wurde durch die hoffnungsfrohe Vision geleitet, nach Jahrhunderten der Verfolgung und grausamer Pogrome endlich unbehelligt leben zu können und einer Beschäftigung nachzugehen, die den jüdischen Einwanderern in ihren Herkunftsländern untersagt worden war, wie etwa die Betreibung der Landwirtschaft. Doch hier zeigt sich der erste verhängnisvolle Fehler: Die Siedler unter ihrer zionistischen Führung schließen die arabische Beteiligung von der Bewirtschaftung aus. Die arabischen Bauern, die bis zum Verkauf durch Großgrundbesitzer das Land als Pächter bestellt hatten, sehen sich nicht nur ihrer Erwerbsquellen beraubt, sie sehen auch eine fremde Mentalität in immer größer werdender Zahl in das Land eindringen. Sie wehren sich mit Angriffen. Gegenangriffe der Eingewanderten erfolgen. Die ersten Fehler werden nicht erkannt oder ignoriert. Warnende Stimmen wie Martin Buber und der Kreis gleichgesinnter Zionisten bleiben eine Minderheit.

Das Ausmaß der Übertretungen vergrößert sich. Noch vor der Staatsgründung werden auf Geheiß der zionistischen Führung arabische Dörfer vernichtet. Während des Krieges von 1948 setzen sich Vernichtungs- und Vertreibungsaktionen fort. In den Aufbaujahren werden Spuren der Vernichtung beseitigt, Parkanlagen und Wälder entstehen über den Stellen vernichteter arabischen Dörfer und Landgüter. Die Verdeckung vorangegangener Fehler lässt Propagandalügen entstehen. Israel sieht sich von Feinden umgeben, zum Töten gezwungen, lässt töten ... Israel als Verkörperung der Macbeth-Figur?

Hinter den Beschlüssen eines Staates stehen Menschen. Betrachtet man den derzeitigen Regierungschef Benjamin Netanyahu als Macbethfigur, wird hinter der wortgewandten selbstsicheren Fassade geballte Angst, totale Hilflosigkeit sichtbar. Eigenkorrektur scheint nicht mehr möglich zu sein und gute Freunde scheint es nicht zu geben. Schlecht geschützt ist Israel, stellte schon der Rabbi von Bacharach in Heines gleichnamigem Romanfragment fest: »Falsche Freunde hüten seine Tore von außen.« Sie helfen mit, Israel mit einem Waffenarsenal gefährlichen Ausmaßes zu bestücken. Die Waffenlieferungen mögen geeignet sein, das Gewissen ›historischer Schuld‹ zu besänftigen, aber sie beseitigen nicht die Angst des Empfängers, der sich von Feinden umgeben sieht. Die Angst wird zusätzlich genährt durch die Vorstellung, sich auf niemanden verlassen zu können. Die geschichtliche Erfahrung des Holocausts hat gezeigt, dass diese Angst nicht unbegründet ist: Selbst nach Bekanntwerden des Ausmaßes der Gräueltaten war kaum ein Land bereit, die Gestrandeten aufzunehmen. 

Mit einem egomanischen Freund in Amerika, einer „Lady“ zur Seite und dem Diktat faschistischer Regierungsmitglieder unterworfen ist für und mit Netanyahu Macbeth keine Wendung zum Positiven zu erwarten. Die öffentliche Meinung ist längst gegen Netanyahu gerichtet, der Wald von Birnam ist nahe an ihn herangerückt. Er bewegt sich auch im eigenen Land mit Demonstranten, die in großer Zahl gegen seine Politik auf die Straße gehen. Er bewegt sich auf dem Meer mit einer Flotte nach Gaza. Er bewegt sich mit propalästinensischen Demonstrationen weltweit. Wo auch immer er wächst, er scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die letzte Stufe im Eskalationsmodell ist erreicht: Gemeinsam in den Abgrund.

Gibt es auf dieser Stufe noch einen Ausweg? Vielleicht. Wenn echte Freunde Israels Waffenlieferungen einstellen und friedenswillige Kräfte in Israel ideell, finanziell und durch Dialogförderung unterstützen. Wenn jüdische Stimmen sich mehren, die im Sinne Martin Bubers ein „Stop. Zurück!“ fordern. Buber, ein Zionist, der seine jüdischen Zeitgenossen vor Gegengewalt und araberfeindlicher Gesinnung warnte, stellte 1958 („Israel und das Gebot des Geistes“) fest: „Unser geschichtlicher Wiedereinzug in unser Land ist durch ein falsches Tor erfolgt.“  Es war ein nationalistisches Tor, das die Werte jüdischer Ethik ignorierte. Das richtige Tor ist immer noch offen. Noch bleibt ein Fünkchen Hoffnung, dass es rechtzeitig gefunden wird.

 

 

 

 

Down the Abyss with Macbeth

Edith Lutz 

Down the Abyss with Macbeth - Birnam Wood is Marching Towards Netanyahu 

Macbeth, in Shakespeare’s famous tragedy, is a Scottish nobleman. Rank and name are of little importance. More relevant, the story of Macbeth’s moral descent leading to his mental and physical destruction is a demonstration of the consequences when one is unable to recognize or acknowledge his errors and to correct them. Without self-examination or help from outside the descent into one’s own ruin seems inevitable. 

 At the beginning of the tragedy Macbeth is introduced as a person of contradictory but predominantly good character: he is courageous, sensitive, noble and loyal. Due to a possibly misinterpreted vision by three witches predicting the royal crown for Macbeth, he commits a fatal mistake. Concealing his error another one follows, a third, a fourth. Each new breach of the law serves for covering up preceding ones. Macbeth commits murder and lets others murder for him. He lies and plants spies in the homes of other rulers. In his desperate, paranoid condition he imagines enemies everywhere. The more desperate the situation becomes , the more he loses his sense of morality. He sees no possibility of turning back. He must continue to kill until he is himself killed. Disguising themselves as the forest of Birnam Wood with branches, the hostile army approaches Macbeth, fulfilling another vision of the witches: Birnam Wood is marching towards the destruction of Macbeth.

If the stage is transferred from Scotland to Israel, a comparison can be made. Netanyahu, too, is said to compensate former misconducts by further ones and even worse ones. There are more and more voices that interprete Netanyahu’s adherence to war or warlike destruction as a desperate attempt not to lose his position  of power. They accuse him of using attacks on Gaza in order to sidetrack the public attention away from his juridical and inner-political problems. It is possible that still unknown factors may also play a role in his diversionary tactics, besides those well-known ones, such as his process of corruption. In how far he himself is responsible for enabling the horrible invasion of October 7 is a question that still remains unanswered, because of the enduring social state of shock, fear and paralysis. Like Macbeth, so Netanyahu seems to be driven by fear, as his former chief of the intelligence service, Ami Ayalon, confirms, „He is always afraid.“[i]

But Macbeth Netanyahu is only continuing what his predecessors began. The Zionist leaders had a vision, just as Macbeth had in the beginning of his career. The first Zionist’s vision was not a crown, but land: Eretz Jisrael, as they called it. After centuries of persecution and cruel pogroms they dreamt of an untroubled life where it would be possible to participate in work that had always been barred to them in their countries of origin, such as agriculture.

But here the first fatal error occurs: they excluded the Arab population from their agricultural activities. The Arab farmers who had tilled the land as tenants until the big landowners sold it to Zionist agencies were not only deprived of their means of livelihood but saw an alien mentality increasingly invading their country. They fought back with attacks. Counter-attacks by the immigrants followed. Warning voices advocating for dialogue instead of violence were disregarded. These first mistakes went unrecognised or were ignored during the years that followed.

The scope of violations increased. Before the state of Israel was founded, the destruction of Arab villages had begun. Destruction and expulsion were continued during the war of 1948. During the following years the evidence of this destruction was removed; parks and forests were created to conceal any evidence of former Arab villages. The need to cover over mistakes required misleading propaganda. Instead of Macbeth‘s spies, institutions were created to observe any criticism of Israeli politics and to stigmatize those who dared to speak out, labelling them as „antisemites“. Dubious methods according to the Roman strategy „Divide and rule“ were applied. Israel saw enemies everywhere; it felt compelled to kill and to have others kill. Had Israel become a reincarnation of Macbeth?

Behind political decisions are people. Comparing Benjamin Netanyahu to Macbeth, enormous fear and total helplessness become visible behind a facade of self-confidence and linguistic scills Self-examination seems no longer possible, and good friends seem non existent. How badly garded is our Israel, observed the rabbi of Bacherach in Heinrich Heine’s unfinished novel of the same name: „False friends guard its gates from without and within its watchers are folly and fear”. [ii] Alleged friends are helping Israel with an arsenal of weapons of dangerous enormity. This delivery may be useful in calming the conscience of those who feel historical guilt, but it does not banish the fears of its recipient. Israel sees itself surrounded by enemies. Anxiety is exacerbated by the feeling of having no one to rely upon. The experience of the holocaust proved that this anxiety is not unfounded. Even after the atrocities had become known, hardly any country was willing to accept the traumatized exiles.

With an egomaniac friend in America, a Lady at his side and subdued to the dictation of fascist members of government, a positive turn cannot be expected for and with Macbeth Netanyahu. Public opinion has long sinced turned against Netanyahu and the wood of Birnam is approaching. The wood is moving in his own country, with demonstrators in large numbers against his politics. It is moving on the sea with flotillas, it is moving with pro-Palestinian demonstrations worldwide. Wherever the wood is growing it cannot be held back. It seems the largest step in the escalation model has been reached: Together in the abyss.

Can a solution still be found at this step? Perhaps. If reals friends of Israel stop their delivery of weapons and instead support peace and human rights groups in Israel, financially, ideologically and by promoting dialogue. Peace cannot be won by force, it can only be approached patiently, step by step. The path to peace demands an effort to approach “the other side,” the courage to voice facts openly, and a feeling of empathy with the adversary which can enable a joint search for solutions.

If, in the spirit of Martin Buber, those Jewish voices that demand a „Stop! Back!“ get multiplied, there will be real choices. The philosopher Buber, a Zionist, who warned his Jewish contemporaries against counter-violence and a hostile attitude towards Arabs, maintained 1958: „Our historic returning to our land has been realized through a wrong gate.“ [iii] It was a nationalistic gate, that ignored the values of Jewish ethics. The „right door“ is still open. There still remains a spark of hope that it will be found just in time.

 

 

 

[i] Alexis Bloom, The Bibi files: https://www.imdb.com/de/title/tt33338697/
[ii] https://en.wikisource.org/wiki/The_Works_of_Heinrich_Heine/Vol._1/The_Rabbi_of_Bacharach (line 217)
[iii] Martin Buber „Israel and the Command of the Spirit“. In: A Land of Two Peoples, 2005. Quoted and translated from the German original.

Israelische Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen - Warum schweigt das organisierte Judenum in Deutschland?

Eine Offene Frage (nicht nur) an den Vorstand des Zentralrats und an Mitglieder jüdischer Gemeinden

von Edith Lutz

 

Nein, keine übliche Israelhetze, wie jüdische Menschen vielleicht spontan aufgrund des Titelbeginns denken mögen (wohl nicht so die Mitglieder der „Jüdische Stimme“, die seit 2003 die Politik Israels kritisiert – und dafür kritisiert wird; und vermutlich auch nicht eine Mehrheit aus dem nichtorganisierten Judentum, deren Stimmen weniger zu hören sind).

Meine Position ist eine in der Mitte einer Brücke stehende, von der aus ich gleichermaßen auf die israelische und die palästinensische Seite blicke, jeder Seite zuhöre und mich im Mitempfinden unterschiedlicher Leiden und Empfindungen übe. Diese Position ist eine gewachsene. Ihr Beginn liegt in der Vergangenheit auf israelischer Seite.

Als ich in jungen Jahren im Rahmen einer Begegnungsreise zwischen Deutschen und Israelis in einem Kibbuz arbeitete – im Kibbuz Mefalsim nahe der Grenze zum Gazastreifen – hörte ich in einer Gesprächsrunde von den israelischen Gastgebern zwei Sätze, die bis heute in mir nachhallen.

Der eine stellt eine Warnung dar: „Geht nicht nach Gaza, dort ist es zu gefährlich.“ Natürlich befolgten wir den Rat. Vierzig Jahre später war ich nicht mehr so folgsam. Ich hatte in der Zwischenzeit Palästinenser persönlich kennengelernt, meine Angst war gewichen, Vorurteile weitestgehend abgebaut. Ein kleiner christlich-jüdisch-muslimischer Freundeskreis beabsichtigte, in Gaza einen Kindergarten für stark traumatisierte Kinder zu errichten. Ich wollte erkunden, ob und wie dies möglich wäre. Nur, es war 2007 – der Gazastreifen abgeriegelt. Ich versuchte die Einreise ein Jahr später auf dem ersten Schiff der „Freegaza“-Bewegung, die dank der Olmert-Regierung störungsfrei gelang. Vom Schulkind bis zum Regierungspräsidenten begegneten mir Menschen, die mich – mit dem Davidstern – willkommen hießen und mir ein anderes Bild von Gaza vermittelten als gewohnte Medien.  Viele meiner Gesprächspartner sind durch israelische Bombenangriffe getötet worden oder leben in größter Verzweiflung.

Verzweiflung ist auch bei Menschen auf der anderen Seite der Brücke, jüdischen Israelis oder dem mit Israel verbundenen Judentum anzutreffen. Wer nur den arroganten Soldaten sieht, den Rächer, der Grausamkeit mit noch größerer Grausamkeit rächt, verkennt oft die tiefsitzende Angst, die in ihm steckt. Es ist nicht nur die Erblast jahrhundertelanger Verfolgungen; die Angst vor Vernichtung in unseren Tagen oder die Angst, den „Rettungsanker Israel“ zu verlieren, ist keineswegs realitätsfern. Und sie wächst in dem Maße, wie sie nicht erkannt wird. Dass grausames Verhalten auch einer falsch verstandenen Ideologie entspringen kann, sei hier unberücksichtigt (s. hierzu „Mit Macbeth in den Untergang “

Verzweiflung und Angst kennen auch Israelis, die sich nicht an der Zerstörung in Gaza oder in der Westbank beteiligen oder sie billigen und sich stattdessen zusammen mit Palästinensern einsetzen, um ihr entgegenzuwirken. Häufig hat ein besonderer Schicksalsschlag wie der Verlust eines lieben Angehörigen durch Feindeshand dazu geführt, Angst zu überwinden oder Gleichgültigkeit abzulegen und sich der Verständigung beider Völker zu widmen. Sie mögen verzweifelt ob des zunehmenden Faschismus ihrer Regierung sein, des Alleinseins in einem Strom von mehr oder weniger (zunehmend weniger) Regierungskonformen oder fehlender Unterstützung aus dem Ausland und hier besonders der jüdischen „Diaspora“.

Jüdinnen und Juden außerhalb Israels haben Einsichten in Bilder der Zerstörung, die Israelis von den Medien vorenthalten werden, doch ein Aufschrei ist nicht zu hören. Vielleicht ist ein bekanntes psychologisches Phänomen dafür verantwortlich, dass er unterbleibt und Kritik nur vorsichtig und oft nur unter seinesgleichen geäußert wird. Die menschliche Psyche trägt Sorge vor zu viel Beachtung „der anderen Seite“ bei Missachtung des eigenen Leids, der Angst in all ihren Facetten. Und die Angst vor Antisemitismus steigt mit seinem Ansteigen. Folglich ertönt der Aufschrei „Antisemitismus!“

Der innere Aufschrei scheint die Wahrnehmung des gefährlichen Ausmaßes einer rechtsgerichteten, zunehmend faschistischer werdenden israelischen Regierung zu übertönen - eine angemessene Reaktion auf eine menschenverachtende Besatzungspolitik und deren Folgen fehlt. Hier einige Äußerungen von israelischen Verantwortlichen, zu denen ein Aufschrei von jüdischer Seite zu erwarten gewesen wäre:

- Der ehemalige Verteidigungsminister Yoav Galant: „Wir bekämpfen menschliche Tiere.“
- Knessetsprecher Nissim Vaturi: „Israels Ziel sollte sein, den Gazastreifen von der Erde zu tilgen. Wir müssen da hineingehen und töten, töten, töten.“
- Finanzminister Bezalel Smotrich: „Gaza ist zerstört und verwüstet und so wird es auch bleiben.“

In sozialen Medien finden sich Posts von israelischen Soldaten in Gaza, die zur Tötung von Arabern, dem Verbrennen ihrer Mütter und zur Niedermachung Gazas aufrufen. Schon seit Jahrzehnten gibt es Graffiti an öffentlichen Mauern in Israel, „Kill the Arabs“ oder „Arabs to the gas chambers“ – Wir haben uns vielleicht daran gestört, aber nicht geschrien.

Ob es diese Aufrufe schon bei meinem ersten Aufenthalt in Israel gab, entzieht sich meiner Erinnerung. Aber noch einmal zurück in den Kibbuz Mefalsim (es ist übrigens der gleiche Kibbuz, der im Januar 2008 von Gush Schalom gesammelte Spenden lagerte, die für einen Hilfskonvoi nach Gaza bestimmt waren). Die zweite Äußerung aus der Gesprächsrunde mit den israelischen Bewohnern lautete: „Wir haben sie doch weggehen sehen!“ Gemeint waren die palästinensischen Flüchtlinge während des ersten israelisch-arabischen Kriegs, von denen einer der deutschen Jugendlichen meinte, sie seien nicht freiwillig gegangen.  Wer hatte Recht? Damals, ganz klar, die Israelis. Im neuen Jahrtausend, nachdem die Archive längst geöffnet sind, kann sich jeder über Vertreibung von Palästinensern und Zerstörung ihrer Dörfer informieren. Die „freiwillig“ Geflüchteten folgten dem Diktat ihrer Angst angesichts erlebter oder berichteter Grausamkeiten.

„Wo bleibt die Erwähnung arabischer Grausamkeiten“, werden Leser/Hörer sich vielleicht fragen. Doch geht es hier nicht um die eine oder andere Seite und schon gar nicht um Verurteilung der einen oder anderen Seite. Angesprochen sind Vertreter der jüdischen Religion, meine Sorge gilt ihr. Wenn sie an Glaubwürdigkeit verliert, steigt auch der Antisemitismus. Und sie verliert an Glaubwürdigkeit, wenn ihre Vertreter fordern, Israel bedingungslos die Treue zu halten. Die Frage „welchem Israel?“ ruft nach einer klaren und deutlich zu vernehmenden Antwort. Die derzeitige israelische Regierungspolitik kann nicht von jenen unterstützt werden, die jüdischer Ethik treu bleiben. Unterstützen wir all jene in Israel, die sich für ein friedliches Zusammenleben von jüdischen Israelis und Palästinensern einsetzen; NGOs wie den Parents Circle, Combatants for Peace, Standing Together , viele andere Organisationen und Einzelpersonen.

„Suche Frieden und strebe ihm nach“. Wer den Psalm befolgt, wird sich fragen, ob er der israelischen Politik der Gewalt (selbst wenn sie als Verteidigung verstanden wird) etwas entgegensetzen will; einen öffentlichen Aufruf, eine Stellungnahme zum Töten von Zivilisten oder zur Einfuhrverweigerung dringend benötigter Mittel beispielsweise; ein Aufruf „Nicht in meinem Namen!“.  Und er wird sich dem Dialog nicht verweigern – einem Dialog der Gewaltfreien Kommunikation/GfK beispielsweise. Sie sieht vor, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu äußern und denjenigen der Gesprächspartner zuzuhören, mit Respekt vor dem Anderen als einem göttlichen Geschöpf mir gleich. Wer sich darin übt, bewahrt die „Treue“ zur Religion, von der Martin Buber spricht („Der Jude und sein Judentum“, in: Martin Buber und die Vision einer jüdischen Erneuerung. Er mag gegen den Strom schwimmen, wie seinerzeit die Propheten, oft einer Minderheit zugehörig. Es waren zumeist Minderheiten, die den unauslöschlichen Kern jüdischer Religion, gefüllt mit Liebe und dem steten Ruf nach Verantwortung, in eine neue Phase des Judentums trugen.

Combatants for Peace

 

Die israelisch-palästinensichen Friedensstreiter - Combatants for Peace/CfP - sind in Deutschland nicht unbekannt. 2014 nahmen sie in Bonn von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden/ EAK einen Friedenspreis entgegen. Combatants for Peace werden in Deutschland von "Forum ZFD", "Die Schwelle",  "New Israel Fund", "Rosa-Lusemburg-Stiftung" und anderen Organisationen unterstützt. In den Veröffentlichungen des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises /DIAK sind die "Combatants" ein wiederkehrendes Thema.

Im Oktober 2023 starteten CfP-Mitglieder Osama Iliwat und Rotem Lewin eine erfolgreiche, viel beachtete Vortragsreise durch Deutschland. Im Januar waren sie zu Gast im Kreis Euskirchen. Am 27. Januar waren sie zu Filmaufnahmen (Dokumentarfilm über Gewaltfreiheit) in Vogelsang IP, am 28. gastierten sie im Gemeindesaal der Mechernicher Kirchengemeinde St. Johann Baptist mit der Ankündigung "Es gibt einen anderen Weg".
Medienberichte:
"In Mechernich werben ein Israeli und ein Palästinenser für Frieden" 
"Frieden ist möglich"
 

Eigendarstellung "Wer wir sind" nach der Website von CfP:

Wir, Combatants for Peace, sind eine Graswurzelbewegung von Israelis und Palästinensern, die gemeinsam für eine Beendigung der Besatzung, für Frieden, Gleichheit und Freiheit in ihrem Heimatland arbeiten. Von Beginn an sind wir der Gewaltfreiheit verpflichtet. Unsere Mittel sind ziviler Widerstand, Erziehung und kreative Aktivität, um Systeme der Unterdrückung zu transformieren und eine freie friedliche Zukunft von Grund auf vorzubereiten.

Seit dem Gründungsjahr 2006 sind wir die weltweit einzige Bewegung, die von früheren Kämpfern auf beiden Seiten des Konflikts gegründet wurde. In der Folge wurden wir 2017 und 2018 für den Nobelpreis nominiert.

Unsere Vision: Wir glauben an eine Zukunft, in der alle Menschen in Frieden mit Würde, Gerechtigkeit und Freiheit leben können.

Unsere Mission: Combatants for Peace (CfP) ist eine israelisch-palästinensische Gemeinschaft, die sich für ein Ende der Besetzung, Diskriminierung und Unterdrückung aller Menschen, die in unserem Land leben, einsetzt. Geführt von den Werten gewaltfreien Widerstandes zeigen wir der Welt: Es gibt einen anderen Weg.

Combatants for Peace wird durch einen Führungskreis geleitet (ähnlich einem Vorstand oder "Board of Directors"), der sich für Management, Direktion und Vision der Bewegung verantwortlich zeigt. Die israelische Belegschaft arbeitet von ihrem Büro in Tel Aviv aus, die palästinensische aus Bejt Jala. Zusammen arbeiten sie an der Infrastruktur und kümmern sich um die finanzielle Unterstützung für die Bewegung. Es gibt eine Führungsriege für Aktivitäten, die lokale Kampagnen und Aktivitäten steuert und koordiniert. 

 
 

 

 

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