Edith Lutz
  1. Aktuelle Seite:  
  2. Startseite
  3. Israel/ Palästina
  4. Hope Against Despair
  5. Uncategorised

"Jeder, der hungrig ist, komme und esse"

- Neuere Ansichten zu Pessach  

(Jüdische Zeitung, April 2014)

„Jeder der hungrig ist, komme und esse“. Mit diesen Worten aus der Haggada, der Erzählung von dem Auszug aus Ägypten, wird am ersten Abend des Pessachfests beim gemeinsamen festlichen Mahl der Sederteller in die Höhe gehoben. Das hört sich sehr sozial an. Jedoch haben manche Juden den traditionellen Sederabend aufgegeben, weil ihnen die Geschichte, die an diesem Abend erzählt wird, gar nicht so sozial vorkommt. Wie kann es sein, fragen sie, dass die Rettung des eigenen Volkes gefeiert wird, während ein anderes mit schweren Plagen geschlagen wird und schließlich jämmerlich im Meer ertrinkt. 

 Die Frage der Moral ist nicht neu. Der bekannte Bibelkommentator, Philosoph und Staatsmann Don Isaak Abrabanel berichtet zu Ausgang des Mittelalters in seinem Pessach-Kommenatar vom Brauch des Versprengens einiger Weintropfen. Das Versprengen soll die verminderte Freude nach der Errettung andeuten, denn „wegen uns wurde ein ganzes Volk bestraft“. Dieser Brauch wurde vom amerikanischen Reformjudentum wieder aufgegriffen. Ihre Haggada weist die Festgesellschaft an, zehn Tropfen Wein aus dem „Becher der Freude“ zu gießen, „so nimmt der Wein im Becher der Freude ab“.

 Wer das Buch Exodus, die Geschichte des Auszugs, als Mythos versteht, könnte auch ohne Rotweinflecken auskommen. In der Bildsprache des Mythos erzählen grausame Vorkommnisse, Symbolwörter, Wortspiele und Zahlensymbolik von Gegebenheiten und Zuständen, die über die historische Ebene hinausgehen. In der modernen Bibelwissenschaft gilt es heute als unbestreitbar, dass der in der Bibel beschriebene Auszug historisch so nicht stattgefunden hat. Warum dann aber ein „Fest der Erinnerung“ begehen, das an diesem Auszug festhält? 

 Die Zahl derer wächst, die im Buch Exodus einen Mythos sehen. Die neuere Mythenforschung hat dazu wesentlich beigetragen. Die Grundstruktur der mythischen Erzählung, die Wanderung des Mythenhelden, ist auch in der Exodusgeschichte erkennbar. Der mythische Schwellenübergang ist kaum zu übersehen und ist schließlich auch im Namen der Feier enthalten: „Pessach“, ‚Übersprung’. Das Gewässer, das in den Mythen der Völker häufig die Schwelle darstellt, kann in der hebräischen Erzählung im Jordan und im Schilfmeer,„ Jam Suf“ gesehen werden („Suf“ heißt auch ‚zu Ende sein’, ‚sterben’). Von Tod und Wiedergeburt erzählen die Erlebnisse des mythisch Wandernden, die Schwelle kennzeichnet den Übergang zu einem neuen Leben. Bereits das prä-israelitische Frühlingsfest feierte mit „Pessach“ die Wiedergeburt.

Für Rabbiner Arthur Waskow (The Freedom Journey) sind die„Ivrim“ (Hebräer) wortgemäß‚Überschreitende’. „Mitzrajim“ (Ägypten) übersetzt er als ‚Land der Enge’. Wie Waskow, so sehen auch Psychoanalytiker in dem „Land der Knechtschaft“ eine Metapher für die Unfreiheit des Menschen, von der er sich 

befreien müsse. Die Haggada der „Jewish Voice for Peace“ (JVP) distanziert sich ebenfalls von Ägypten als einem nationalen Begriff und will auch „Israel“ nicht in einem national-völkischen Sinne verstanden wissen. Ein „Israel“ sei vielmehr ein Mensch, der wie der gleichnamige biblische „Ahn“ mit Gott gerungen habe.

Eine wortgetreue Auslegung, wie sie noch immer verbreitet ist, kann zu Nationalstolz, unberechtigten Ängsten und politischem Fehlurteil verführen. Uri Avnery weist auf Gefahren im Text der traditionellen Haggada, die Kinder von früh an in der feierlichen Geborgenheit der Familie oder der Gesellschaft hören. „In jeder Generation“ heißt es da beispielsweise, „stehen Boshafte wider uns auf, uns zu Grunde zu richten.“ Kinder, die Jahr für Jahr diesen Spruch als „Gottes Zusicherung“ vernehmen und spätestens als Erwachsene dem Antisemitismus begegnen, neigen zur Entwicklung einer „die-ganze-Welt-ist-gegen-uns-Mentalität“, die von der Boykottbewegung vielleicht zu wenig bedacht wird. Sehr wohl bedacht und politisch instrumentalisiert wird die angstgenährte Mentalität, wenn die politische Führung ein Feindbild aufbaut bzw. sich weigert es abzubauen, weil es für die eingeschlagene politische Richtung benötigt wird. 

Braucht der Sederabend eine neue Haggada? Gott bewahre, rufen die Traditionalisten. Rabbiner Waskow hält ihnen entgegen: Auch für unsere Weisen war das heutige in der Haggada festgelegte Sedermahl eine völlige Umgestaltung des Brauchs, am Tempel zu Jerusalem ein Pessachlamm zu opfern. Er hält die Zeit für gekommen, dem Übergang durch das Meer eine neue Bedeutung zu geben. Die neuen Pharaonen sind Diktatoren, Konzerne, alle Ausbeuter und Unterdrücker. Sklaven sind Menschen, die den Pharaonen anhängen oder sie durch Duldung fördern. Die Streitwagen von einst liefert heute die Rüstungsindustrie - Drohnen braucht ein Pharao nicht einmal zu besteigen.

Neue Versionen der Haggada gibt es bereits. Manche Gemeinschaften konzentrieren sich auf bestimmte Themen. So nimmt sich die Haggada, die „Jewish Voice for Peace“ vorschlägt, besonders der Unterdrückung der Palästinenser an. Unter den Symbolspeisen auf dem Sederteller findet sich hier die Olive. Die Haggada erklärt dazu: „Wir nehmen diese Olive auf als ein Erinnerungszeichen, dass wir alle Träger von Frieden und Hoffnung in der Welt sein müssen. Wir essen diese Olive aber auch mit sorgenvollen Gedanken, da die Olive, eine Lebensquelle für Palästinenser, regelmäßig von israelischen Siedlern und Behörden abgehackt, verbrannt, ausgewurzelt wird.“ Anstelle der traditionellen Aufzählung der Plagen in Ägypten zählt diese Haggada die Bedrückungen für die Palästinenser auf, wie Sperrmauer, Wasserentzug, Häuserzerstörung oder politische Gefangenschaft.

Eine andere alternative Haggada ist die sogenannte „Flüchtlingshaggada“, entworfen von Rabbinern für Menschenrechte (T´ruah) in den USA. Seit sieben Jahren feiern Mitglieder von T´ruah und israelische Organisationen einen Seder mit Flüchtlingen in Tel Aviv. Diese für jedermann zugänglichen Sederabende mit viel Musik und Gesprächen dient einem vielseitigen Zweck. Er soll die Aufmerksamkeit auf die Probleme der vielen Flüchtlinge in Israel werfen, die Angriffen, Diskriminierung, Einsperrung und Deportation ausgesetzt sind. Er soll ein Zeichen der Solidarität sein und er soll Juden daran erinnern, dass die eigene Freiheit unzureichend ist, solange andere sie noch nicht erreicht haben. Aus den Seder-Erfahrungen der vergangenen Jahre ist eine Haggada entstanden, die 2014 zum ersten Mal vorgestellt wird. In ihr erzählen Flüchtlinge von ihrem Schicksal. 

 Vielleicht ist die „Flüchtlings-Haggada“ eine Anregung für jüdische Gemeinschaften, sich des weltweiten Flüchtlingsproblems anzunehmen, der im Mittelmeer Ertrinkenden oder den aus Syrien oder woher auch immer Flüchtenden. Also doch eine neue Haggada? Vonnöten ist gewiss ein Seder, der aus der Knechtschaft herausführt in das „Gelobte Land“, in dem Mitmenschen als Geschöpfe Gottes erkannt werden. Auf das Heben des Sedertellers wird keine Fassung verzichten können: „Jeder, der hungrig ist, komme und esse“.

 

 

Der Durchzug durch das Rote Meer als ein Weg zur Befreiung

 

Dass die biblische Geschichte des Durchzugs der „Kinder Israels“ durch das „Rote Meer“ keine exakten historischen Begebenheiten widerspiegelt, ist nicht erst seit dem Erscheinen des Buches Keine Posaunen vor Jericho (Finkelstein/Silberman) bekannt. Doch konnten die neueren archäologischen Forschungsergebnisse, die in diesem Buch vorgestellt werden, die Ansichten derer stärken, die in der Geschichte des Exodus einen Mythos sehen. Mythenforscher weisen darauf hin, dass allen Mythen der Welt eine ähnliche Struktur zugrunde liegt, die sich in etwa folgendermaßen widerspiegelt: An den Mythenhelden ergeht ein Ruf zu einem Aufbruch, dem er folgt. Gewöhnlich wird er zu einer Wanderung aufgerufen. Auf dieser gelangt er bald an eine Schwelle, die er unter dramatischen Herausforderungen passiert. Auf dem Höhepunkt seines Weges, auf dem er Prüfungen bestehen muss, aber auf dem ihm auch Helfer zur Seite stehen, erwartet ihn die Begegnung mit der Gottheit. Von ihr erhält er ein Elixier, das er der Welt nach seiner Rückkehr mitbringt. Für seine Rückkehr muss er abermals eine Schwelle überschreiten. Die Wanderung jenseits der Schwelle stellt sich als eine Wanderung durch das Unbewusste dar.

Die biblische Exodusgeschichte ließe sich als ein solcher Mythos – hier im Diagram nach Campbell - folgendermaßen darstellen (selbstverständlich ist das Diagram nur als Erkenntnishilfe zu verstehen für Vorgänge, die eine grafische Darstellung an sich ausschließen):

 

Dem Ruf aus dem brennenden Dornbusch folgt der Übergang über die Schwelle. Häufig wird im Mythos der Schwellenübergang durch ein Gewässer dargestellt. Im Mythos Exodus stellt die Schwelle das Schilfmeer dar, besser bekannt unter dem Namen „Rotes Meer“. Der hebräische Name für das Schilfmeer, „Jam Suf“, wörtlich ‚Meer des Endes’, verweist deutlich auf den Übergang zu einem neuen Leben. Der Mythenheld lässt die Welt seiner bisherigen Erfahrungen hinter sich. Er durchwandert den ihm unbekannten Bereich des Unbewussten und kehrt nach Passieren der Schwelle gleichwie ein Neugeborener in die alte Welt des Bewusstseins zurück. Das Motiv der Wiedergeburt ist in den kanaanitischen Frühlingsfesten enthalten, die der biblischen Heilsgeschichte als Fundament dienten und in der jüdischen Pessachfeier und dem späteren christlichen Osterfest einen Ausdruck fanden.

Der Bilderreichtum der Mythen, Metaphern, Zahlensymbolik und Wortspiele finden sich auch im Exodus-Mythos, doch werden letztgenannte oft nur aus der Originalsprache erkennbar. So steht das Land Ägypten nicht als geografische Wirklichkeit im Vordergrund (auch wenn ägyptische Eroberungspolitik dem kleinen Landstreifen mitunter hart zusetzte), es ist vielmehr der symbolische Gehalt des Wortes „Mizrajim“, übersetzt ‚Ägypten’, das der Mythos verwendet. Mizrajim ist verwand mit „Mezarim“, ‚Bedrängnisse’ und die Endung „ajim“ als eine Dualendung könnte auf die dualistische materielle Welt verweisen. Denn diese lässt der Mensch zurück, wenn er die Schwelle passiert, vom Bewussten in das Unbewusste, von der materiellen in die geistige Welt, oder auch vom Leben in den Tod. Die im Meer Ertrinkenden, die Ägypter, sind seine Ängste und Bedrängnisse, seine Abhängigkeiten vom Materiellen und - mit Pharao, dem mächtigsten Ägypter, so scheint es, – sein Ego.

Das „Meer des Endes“, das immer zugleich auch einen Neuanfang bedeutet, erscheint in der biblischen Geschichte noch einmal auf einer anderen Erzählebene. Wie die Odyssee (die im gleichen Zeitraum redigiert wurde wie das Buch Exodus) sich in einzelne mythische Geschichten aufteilen lässt, so lässt auch „Exodus“ sich in mehrere Geschichten aufteilen, die mit dem gesamten Zyklus in Verbindung bleiben, die sozusagen einen kleinen mythischen Erzählkreis innerhalb des großen bilden. Eine dieser Geschichten beginnt mit der letzten der zehn Plagen, die uns die Schwelle als die Türschwelle vor Augen führt. Die hinter der Schwelle wohnenden „Ebräer“ – übersetzt die ‚Jenseitigen’ – sterben nicht. Der Todesbote erkennt das Zeichen des Übergangs: das Blut, an die beiden Pfosten und an den Türsturz gestrichen, und zieht vorüber (man beachte die in der Bibel mehrfach anzutreffende Zahlensymbolik der „3“, zusammengesetzt aus der „1“ und der „2“ als dem symbolischen Ort des Zusammentreffens der Einheit mit der Dualität an der Schwelle). In diesem kleinen Erzählkreis bildet das Schilfmeer oder das „Rote Meer“, Jam Suf – das Meer des Endes – die Schwelle zur Rückkehr ins Leben. Der biblische Mythos zeigt eine Austauschbarkeit der Begrifflichkeiten: Anfang und Ende, Leben und Tod. Die materielle Welt der Bedrängnisse und Abhängigkeiten kann die tödliche sein, die geistige Welt die lebendige.

Schon seit längerem unterstreichen Tiefenpsychologen den allegorischen Gehalt dieser Geschichte der Befreiung „aus der Knechtschaft Ägyptens“. Ähnlich den Märchengestalten spiegeln die Handlungsfiguren der biblischen Erzählung Seelenzustände wieder. Die menschliche Seele fürchtet sich vor der Freiheit, dem Neuen; sie hält sich lieber an den sicheren „Fleischtöpfen der Ägypter“ fest. Die Seele mag zaudern wie Pharao, sie will an der gewohnten Materialität und der Macht seines Ichs festhalten und wird doch zum Aufbruch und zur Aufgabe seines Egos gezwungen. Pharao hortet materielle Güter – er baut „Proviantstädte“ – aber er kann ihnen keine geistigen Werte entnehmen und verlangt stattdessen nach mehr. Er wird süchtig nach mehr bis zur Selbstbetäubung– wie der moderne Mensch, sagt der Psychoanalytiker Gabriel Strenger (Universität Jerusalem): „Wir betäuben uns durch Überreizung wie Musik, Fernsehen und Internet, welche uns im Smartphone überallhin begleiten. Dazu kommt eine reiche Palette von Suchtmitteln – von Zigaretten über Alkohol bis zur Esssucht und Drogen aller Art. Der Konsumdrang lenkt uns vom inneren Gefühl der Sinnlosigkeit ab (…) Der ‚Hebräer’ hingegen will Gott in der Wüste dienen – der Geist braucht Ruhe, Zeit und Raum zu spüren“ (Tachles 11/04/2014).

Für eine Änderung seines Lebensstils braucht „Pharao“ die Krise, die sein gewohntes Ordnungsgefüge stufenweise zerstört. Diese Stufen stellen die Zehn Plagen dar, die in gesteigertem Maße seine Verletzlichkeit und Vergänglichkeit aufdecken, bis der Zusammenbruch mit der letzten Krise, dem Schlagen der Erstgeburt, den Weg frei macht für einen Aufbruch, für eine Neuentwicklung. Auch Pharao zieht aus der Enge Mizrajims und holt die Kinder Israels („Israel“, ‚Gottesstreiter) am Schilfmeer ein (in einer weniger bekannten jüdischen Erzählung sowie im Koran ertrinkt Pharao nicht im Meer, da er Gottes Allmacht einsieht und bereut).

Der das Meer Überschreitende findet zu sich selber, zu seiner Freiheit. Er wird frei von den Abhängigkeiten, von den Mächten, die sein Leben zuvor in der Knechtschaft bestimmten. Er weiß von der Führung durch seinen Gott in der Wolken- und der Feuersäule und steht „ihm Antwort“ durch seine Taten. Er trägt Verantwortung für das Wohl seiner Mitmenschen, für eine ethische Erneuerung der Wirtschaft, für die Gesundung der Natur. Seine Verfolger, die ihm Ängste einjagten, sind im Meer versunken.

 

 

Der Mythische Zirkel in der Literatur

 

- Der Rabbi von Bacherach

- Pictures of Fidelman

- Der Durchzug durch das Rote Meer als ein Weg zur Befreiung

 - Pessach - Die Heilsgeschichte nach dem Mythischen Zirkel

 

 

Das "Lachen" der ungleichen Brüder Jizchak und Ischmael

(zuerst erschienen in Jüdische Zeitung August/September 2014)

 

Jizchak und Jischmael, Söhne Abrahams, Erstgeborene ihrer Mütter, sind ein ungleiches Geschwisterpaar in der biblischen Geschichte. Das Motiv des Lachens verbindet sie – und trennt sie. Jizchak (‚er lacht’) trägt das Lachen in seinem Namen, und Jischmael (‚Gott hört’) lacht. Er lacht und wird für sein Lachen verbannt. 

„Lachen“ hat in biblischen Texten verschiedene Bedeutungen. „Lachen“ kann als Ausdruck reiner Freude oder als „Spottlachen“, der Freude über den Schaden eines Anderen, verstanden werden. Auf einer anderen semantischen Ebene entspricht „Lachen“ einer sexuellen Handlung. Lexika für biblisches Hebräisch übersetzen die Grundform „zachak“ [צחק] mit ‚lachen’, die erweiterte Form „zechak“ mit ‚verstärkt lachen’, ‚spaßen’, ‚scherzen‘‚ liebkosen’ oder auch ‚spielen’. 

Wie ugaritische Texte zeigen, „lachen“ menschliche Gestalten schon in vorbiblischen orientalischen Mythen bei der Verkündung eines Sohnes. In der biblischen Erzählung wird bei der Ankündigung der Geburt Jizchaks viel gelacht: „Abraham fiel auf sein Antlitz und lachte“ (17,17); “Sara dein Weib gebiert dir einen Sohn, seinen Namen sollst du rufen: Jizchak - Er lacht“ (17,19). Sara hört am „Eingang des Zeltes“ die Ankündigung der Geburt ihres Sohnes durch den seltsamen Fremden (18,10) und „lachte in sich hinein“ (18,12). Die Bedeutung des Lachens unterstreicht ein Dialog, in dem Gott fragt: „Warum lacht Sarah“ (18,13). Auf Saras Leugnung „Ich habe nicht gelacht“ (18,15) folgt Gottes Entgegnung, „Nein, wohl hast du gelacht“ (18,16) - alle in der Form „zachak“. 

Mag in dieser Geschichte der Ankündigung die sexuelle Konnotation noch angezweifelt werden, so tritt sie in der Erzählung des mit Rebekka „scherzenden“ Isaaks (21,6) deutlicher zutage. Der Erzählrahmen ist der gleiche wie in einer anderen Erzvater-Geschichte. Wie Abraham, so siedelt auch Jizchak aufgrund einer Hungersnot in Gerar. Wie Abraham seine Frau Sara als Schwester vorstellt, aus Angst, man werde ihn umbringen, so stellt auch Jizchak seine Frau Rebekka als Schwester vor. König des Gastlands ist in beiden Erzählungen ein „Abimelech“. Während Abimelech in der Geschichte Abrahams Sara begehrte und „nahm“, aber sich ihr nicht nahte“ (20, 4), „lugte“ der „Abimelech“ aus der Zeit Jizchaks „durchs Fenster, und sah, da, Jizchak scherzte  mit Ribka seinem Weibe“ (26,8; wörtlich:  „… und sah, da, Jizchak ‚jizchakend’ die Ribka, seine Frau“). 

Die gleiche Verbform „Zachek“, (lachen, scherzen, …), mit der Abimelechs Beobachtung beschrieben wird, verwendet die Frau des Potiphar, als sie in Gegenwart ihres Gesindes Joseph beschuldigt, dass er bei ihr „liegen“ wollte: „Seht, einen hebräischen Mann hat er uns herkommen lassen, dass er sein Spiel mit uns treibe“ (1.Mos 39, 14; in der Übersetzung nach Luther: „Mutwillen treibe“). 

In der Bibel finden sich weitere Stellen, in denen sexuelles Vergnügen mit „lachen, scherzen, spielen, …“ umschrieben wird. Zum Fest des Goldenen Kalbs in der Wüste stand das Volk auf, „um sich zu ergötzen (Luther: „um ihre Lust zu treiben“; 2. Mose 32, 6). Die rabbinische Literatur der ersten nachchristlichen Jahrhunderte setzt „Zachek“ hier, genauso wie in der Geschichte Jischmaels, mit „Götzendienst“ gleich.  Aber handelt es sich jeweils um das gleiche „Spiel“?  Mit welchem „Spiel“ reizt Jischmael seine Herrin Sara dermaßen, dass sie ihn mit seiner Mutter wegschickt? Die Erzählung seiner Vertreibung folgt unmittelbar der Geschichte über die Geburt Jizchaks. In dieser spricht Sara: „Ein Lachen hat Gott mir gemacht“ (21,6); „Jeder, der hört, wird [wörtlich] mir scherzend sein’“ (Buber/Luther: ‚lacht über mich’). Der hebräische Text verwendet den Dativ („mir“) und betont das Hören. Der jüdisch-hellenistische Philosoph Philo von Alexandrien, der um den Beginn der christlichen Zeitrechnung lebte, übersetzt Saras Aussage: „… wird sich mit mir freuen“. Und er fügt an, „Aber wenn einer die Kraft hat zu hören, dass die Tugend die Seligkeit, den Isaak, geboren hat, so wird er sofort einen Hymnus der Mitfreude anstimmen“ (Allegorischer Kommentar zur Genesis). 

Jischmael trägt das Hören ([שמע] „Schama“) in seinem Namen. Auch er „scherzt“: „Einst sah Sara den Sohn Hagars der Ägypterin, den sie Abraham geboren hatte, spottlachen“ (21,9; Luther: „… wie er Mutwillen trieb“). Auch hier steht das hebräische Verb in der Form „zachek“, (lachen, scherzen, …). Thomas Mann lässt seinen Erzähler in Joseph und seine Brüder diese Form aufgreifen. Und es besteht kein Zweifel, was er unter Jischmaels (Ismaels) „Scherzen“ versteht, nachdem er zuvor berichtete, wie Abimelech „durch das Fenster“ Jizchak und Rivka „scherzen“ sah: 

„Schriftlich heißt es von ihm, er sei ein Spötter gewesen, was aber nicht besagen will, dass er ein loses Maul gehabt hätte – es hätte ihn das für die Obersphäre noch nicht untauglich gemacht -, sondern „spotten“ bedeutet in seinem Fall eigentlich „scherzen“, und es begab sich, dass Abram ‚durchs Fenster’ den Ismael auf unterweltliche Weise mit Isaak, seinem jüngeren Halbbruder, scherzen sah, was keineswegs ungefährlich erschien für Jizchak, den wahrhaften Sohn, denn Ismael war schön wie der Sonnenuntergang in der Wüste.“ 

In der biblischen Erzählung fehlt der Hinweis, dass Jischmael mit Jizchak „scherzte“. Jischmael könnte auch mit sich selber „gescherzt“ haben. Ein Vergleich der verschiedenen Bibelstellen, die sexuelle Vorgänge mit dem Wortfeld „Lachen“ beschreiben oder andeuten, lässt vermuten, dass weniger die Partnerwahl fokussiert werden soll als die Art und Weise des Umgangs: wird der Partner als Objekt gebraucht oder als Mensch (und Gottes Ebenbild) - erkannt? Ist Geist beteiligt oder handelt es sich um triebhafte, nur der eigenen Befriedigung dienliche Vorgänge? Mit dieser Unterscheidung findet auch die rabbinische Übertragung von „zachek“ als ‚Götzendienst’ eine Erklärung. Die rabbinische Auslegung findet ihre Spuren noch im Werk des jiddischen Schriftstellers Isaac B. Singer. Er lässt seinen Protagonisten in Jakob der Knecht sagen: „Der Jude fordert das Böse nicht heraus, indem er den Körper verleugnet – er stellt ihn in den Dienst Gottes“. 

Stimmen mehren sich, die fordern, die Bibel in ihrem Symbol- und Bilderreichtum wahrzunehmen. „Mein Glaube an die Thora lässt mich in der Mizraim-Erzählung eine spirituelle Tiefendimension wähnen, die es zu entdecken gilt“, schreibt der an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrende Psychoanalytiker Gabriel Strenger („Pharao in der Krise“, Tacheles). „Mizraim“, ‚Ägypten’, ist ein Symbol für die Zweiheit, für ein Leben in der materialistischen Welt. Ägypten ist das Land materieller Versorgung für die Erzväter und ihre Kinder. Jischmael ist durch seine Mutter, der Ägypterin und seine ägyptische Frau mit Ägypten, mit dem Materiellen verbunden. Jischmael wird der „Wilde“ („Wildesel“) genannt, der voller Aktivität im Leben Stehende - der durch das Hören aber dem Geistigen verbunden bleiben kann. Jizchak ist der Passive, dem Geistigen Verpflichtete. Bevor Jizchak mit Rebekka zu Abimelech nach Gerar zieht und dort mit Rebekka „scherzt“, „ließ ER vor ihm sich sehen und sprach: Zieh nimmer hinab nach Ägypten“ (26,2). Und Abimelech wirft Jizchak vor: Was hast du uns da getan? Wie leicht hätte sich einer vom Volk zu deinem Weibe legen können“ (26,10). Jizchak ist demnach derjenige, der eine reine Geistigkeit bewahren muss. Er ist der an den Geist „Gebundene“ (die hebräische Bibel spricht von der „Bindung“, nicht von der „Opferung“ Jizchaks) 

Biblische Gestalten sind Symboldarstellungen seelischer Erfahrungen. Tiefenpsychologen sprechen von der „Bilderwelt der Archetypen“. Auch für den aus chassidischer Weisheit schöpfenden Interpreten Friedrich Weinreb ist der Ort biblischer Entfaltung im Menschen selbst zu finden. Wann immer in der Bibel die Rede ist von Auseinandersetzung, Gewalt und Vertreibung, gilt es, all die Erzählungen als Bilder einer seelischen Auseinandersetzung zu verstehen. Dieser Ansicht ist auch Eugen Drewermann: „Denn damit muß Schluß sein, daß die Bibel immer noch verkommt zur ideologischen Begründung von Blutvergießen, Mord und Gewalt mit göttlicher Legitimation oder in göttlichem Auftrag“ (Den eigenen Weg gehen) 

„Biblische Geschichten“, sagt Martin Buber (Die Schrift und ihre Verdeutschung), „sind nur zum geringen Teil chronikartige Niederschrift, in den meisten lebt noch die aufrufende, zeitverbindende, vorbildweisende oder warnende Stimme der Erzähler“. Wer in den Erzählungen der Erzväter historische Begebenheiten und Personen sieht, auf die er möglicherweise seine eigene Genese zurückführt, läuft Gefahr, einen Chauvinismus zu fördern, der politisch wie sozialpolitisch extrem gefährlich werden kann. Eine Förderung des Verständnisses biblischer Symbolsprache könnte dazu beitragen, nahostpolitische und religionspolitische Konflikte zu lösen. Sie würde auch helfen, individuelles Leben reicher und „heiliger“ zu gestalten, wenn biblische Gestalten wie die ungleichen Brüder im eigenen Wesen wahrgenommen werden. 

 

Der Mythenzirkel nach J. Campbell

 

 

Allen Mythen liegt eine ähnliche Struktur zugrunde, die der Mythenforscher Joseph Campbell in einem Diagramm gezeichnet hat. An den Mythenheld ergeht ein Ruf zu einer abenteuerlichen Reise. Er gelangt zu einer Schwelle, die er unter Bewältigung von Gefahren und Hindernissen überqueren muss. Oft findet ein Kampf an der Schwelle statt oder eine nächtliche Seefahrt, eine Reise im Bauch des Fisches, eine Kreuzigung, ... .Unter Prüfungen und mit Hilfe gelangt er zum Nadir des mythischen Zirkels, wo er eine schwere Prüfung zu bestehen hat.

"Der Triumph kann sich darstellen als sexuelle Vereinigung mit der göttlichen Weltmutter (heilige Hochzeit), seine Anerkennung durch den Schöpfervater (Versöhnung mit dem Vater), Vergöttlichung des Helden selbst (Apotheose)". Seinem Wesen nach handelt es sich um eine Ausweitung des Bewusstseins. Bei der Rückkehr müssen die transzendenten Kräfte an der Schwelle zurückbleiben. Aber er bringt ein Elixier mit, der Welt zum Heil.

Der mythisch Reisende muss in eine Welt zurückfinden, "wo Menschen, die nur noch Fragmente des Menschen sind, sich vollkommen glauben."

(nach Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, suhrkamp, 1978)

 

  1. Isaaks Hunger und Isaaks Reichtum
  2. Die Taktik des Schlamassel oder Defending the Holy Land
  3. Die Geschichte vom neuen Antisemitismus
  4. Mit Macbeth in den Untergang

Seite 4 von 7

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7

Hauptmenü

  • Home
  • Lebensbaum
  • Friedensarbeit
  • Israel/ Palästina
    • Begegnungsreisen
    • Mit Freegaza nach Gaza
    • Gaza via Rafah
    • Das Jüdische Boot
    • Friedenspreis
    • Das Jüdische Forum
    • Hope Against Despair
    • Cross Borders Concert
    • Für Frieden unterwegs
    • Combatants for Peace
    • Friedensgruppen Isr/Pal
  • Philosophie des Zwischen
  • Gegenüber der Mühle
  • Kontakt
  • Impressum

Veröffentlichungen

  • Einer aus Wiesendorf
  • Aus dem Judentum
  • Admiel Kosman
  • Das nächste Boot heißt Pessach
  • Aus Mär und Mythos
  • Verzeichnis