Der Wald von Birnam bewegt sich auf Netanyahu zu

Im gleichnamigen Drama von William Shakespeare ist Macbeth ein schottischer Edelmann. Rang und Namen sind weniger von Bedeutung. Vielmehr spiegelt Macbeths moralischer Abstieg bis hin zur psychischen und physischen Zerstörung den Weg eines Menschen, der unfähig ist, Fehler zu erkennen oder einzugestehen und zu korrigieren. Ohne Eigenkorrektur oder Hilfe von außen folgt der Abstieg in das eigene Verderben.

Macbeth, der schottische Edelmann, wird zu Beginn der Tragödie als ein Mensch mit widersprüchlichen, aber überwiegend positiven Eigenschaften vorgestellt: Er ist mutig, sensibel, nobel, loyal. Aus einer möglicherweise falsch verstandenen Vision heraus - drei Hexen prophezeien die Königskrone für Macbeth - begeht er den ersten schwerwiegenden Fehler. Um diesen zu verdecken, erfolgt der zweite, der dritte. Alle folgenden Rechtsbrüche dienen der Verdeckung der vorangegangenen. Er mordet, lässt morden, verbreitet Lügen und beordert Spione in die Häuser anderer Regenten. In diesem verzweifelten und paranoiden Zustand sieht er sich von allen Seiten von Feinden umgeben. Je verzweifelter die Lage für Macbeth wird, desto größer ist der Verlust des moralischen Empfindens. Es scheint für Macbeth kein Zurück zu geben. Er muss weiter töten, bis er selbst im Kampf mit dem Feindbild getötet wird. Mit Laubzweigen des nahen Waldes getarnt nähert sich das feindliche Heer der Burg Macbeths und erfüllt eine weitere Vision der Hexen: der Wald von Birnam bewegt sich – auf Macbeths Untergang zu.

Verlegt man die Bühne von Schottland nach Israel, drängt sich ein Vergleich auf. Auch Netanyahu wird nachgesagt, früheres Fehlverhalten durch weiteres und weitaus schlimmeres zu kompensieren. Die Stimmen mehren sich, die in Netanyahus Festhalten an Krieg und Zerstörung nichts anderes sehen als den verzweifelten Versuch, sich selbst zu erhalten. Sie werfen ihm vor, die gesteigerten Angriffe auf Gaza zu nutzen, um von juristischen und innenpolitischen Problemen abzulenken. Möglicherweise spielen bei der Ablenkung neben bekannten Faktoren wie dem Korruptionsprozess auch noch unbekannte eine Rolle. Inwieweit er selbst Verantwortung trägt für die Ermöglichung des Überfalls vom 7. Oktober, ist eine Frage, die aufgrund der Schocksituation mit traumatischen Folgen bislang ungeklärt ist. Wie Macbeth scheint auch Netanyahu von Angst getrieben. wie sein ehemaliger Geheimdienstchef Ami Ajalon bestätigt: „He is always afraid“ (https://www.ardmediathek.de/film/the-bibi-files-die-akte-netanjahu/Y3JpZDovL25kci5kZS80ODc4IHByb3BsYW5fMTk2Mzc1NzI5).

Dabei setzt Macbeth Netanyahu nur fort, was seine Vorgänger im Amt begonnen haben. Politische Führer als Macbeth-Figur? Der Weg zur Staatsgründung wurde durch die hoffnungsfrohe Vision geleitet, nach Jahrhunderten der Verfolgung und grausamer Pogrome endlich unbehelligt leben zu können und einer Beschäftigung nachzugehen, die den jüdischen Einwanderern in ihren Herkunftsländern untersagt worden war, wie etwa die Betreibung der Landwirtschaft. Doch hier zeigt sich der erste verhängnisvolle Fehler: Die Siedler unter ihrer zionistischen Führung schließen die arabische Beteiligung von der Bewirtschaftung aus. Die arabischen Bauern, die bis zum Verkauf durch Großgrundbesitzer das Land als Pächter bestellt hatten, sehen sich nicht nur ihrer Erwerbsquellen beraubt, sie sehen auch eine fremde Mentalität in immer größer werdender Zahl in das Land eindringen. Sie wehren sich mit Angriffen. Gegenangriffe der Eingewanderten erfolgen. Die ersten Fehler werden nicht erkannt oder ignoriert. Warnende Stimmen wie Martin Buber und der Kreis gleichgesinnter Zionisten bleiben eine Minderheit.

Das Ausmaß der Übertretungen vergrößert sich. Noch vor der Staatsgründung werden auf Geheiß der zionistischen Führung arabische Dörfer vernichtet. Während des Krieges von 1948 setzen sich Vernichtungs- und Vertreibungsaktionen fort. In den Aufbaujahren werden Spuren der Vernichtung beseitigt, Parkanlagen und Wälder entstehen über den Stellen vernichteter arabischen Dörfer und Landgüter. Die Verdeckung vorangegangener Fehler lässt Propagandalügen entstehen. Israel sieht sich von Feinden umgeben, zum Töten gezwungen, lässt töten ... Israel als Verkörperung der Macbeth-Figur?

Hinter den Beschlüssen eines Staates stehen Menschen. Betrachtet man den derzeitigen Regierungschef Benjamin Netanyahu als Macbethfigur, wird hinter der wortgewandten selbstsicheren Fassade geballte Angst, totale Hilflosigkeit sichtbar. Eigenkorrektur scheint nicht mehr möglich zu sein und gute Freunde scheint es nicht zu geben. Schlecht geschützt ist Israel, stellte schon der Rabbi von Bacharach in Heines gleichnamigem Romanfragment fest: »Falsche Freunde hüten seine Tore von außen.« Sie helfen mit, Israel mit einem Waffenarsenal gefährlichen Ausmaßes zu bestücken. Die Waffenlieferungen mögen geeignet sein, das Gewissen ›historischer Schuld‹ zu besänftigen, aber sie beseitigen nicht die Angst des Empfängers, der sich von Feinden umgeben sieht. Die Angst wird zusätzlich genährt durch die Vorstellung, sich auf niemanden verlassen zu können. Die geschichtliche Erfahrung des Holocausts hat gezeigt, dass diese Angst nicht unbegründet ist: Selbst nach Bekanntwerden des Ausmaßes der Gräueltaten war kaum ein Land bereit, die Gestrandeten aufzunehmen. 

Mit einem egomanischen Freund in Amerika, einer „Lady“ zur Seite und dem Diktat faschistischer Regierungsmitglieder unterworfen ist für und mit Netanyahu Macbeth keine Wendung zum Positiven zu erwarten. Die öffentliche Meinung ist längst gegen Netanyahu gerichtet, der Wald von Birnam ist nahe an ihn herangerückt. Er bewegt sich auch im eigenen Land mit Demonstranten, die in großer Zahl gegen seine Politik auf die Straße gehen. Er bewegt sich auf dem Meer mit einer Flotte nach Gaza. Er bewegt sich mit propalästinensischen Demonstrationen weltweit. Wo auch immer er wächst, er scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die letzte Stufe im Eskalationsmodell ist erreicht: Gemeinsam in den Abgrund.

Gibt es auf dieser Stufe noch einen Ausweg? Vielleicht. Wenn echte Freunde Israels Waffenlieferungen einstellen und friedenswillige Kräfte in Israel ideell, finanziell und durch Dialogförderung unterstützen. Wenn jüdische Stimmen sich mehren, die im Sinne Martin Bubers ein „Stop. Zurück!“ fordern. Buber, ein Zionist, der seine jüdischen Zeitgenossen vor Gegengewalt und araberfeindlicher Gesinnung warnte, stellte 1958 („Israel und das Gebot des Geistes“) fest: „Unser geschichtlicher Wiedereinzug in unser Land ist durch ein falsches Tor erfolgt.“  Es war ein nationalistisches Tor, das die Werte jüdischer Ethik ignorierte. Das richtige Tor ist immer noch offen. Noch bleibt ein Fünkchen Hoffnung, dass es rechtzeitig gefunden wird.