Eine Reise mit Freegaza - ein persönlicher Erfahrungsbericht

 2021 ist Gaza immer noch eingeschlossen; schlimmer denn je leiden die Bewohner unter den unerträglichen Zuständen als Folge der Besatzung.

 Die Bekanntschaft mit "Freegaza" kam durch das Internet zustande. Ich hörte von der Website, als ich bei einem Treffen der "Jüdischen Stimme" von meiner Intention, nach Gaza zu reisen, erzählte. In Nikosia auf Cypern, dem Vorbereitungsort für die Teilnehmer, lernten wir uns näher kennen. Und wir lernten gemeinsam zu prüfen, ob wir uns für die Reise eigneten. "Geh nicht an Bord, wenn du nicht auch bereit bist zu sterben", war wiederholt von den Organisatoren geäußert worden.

mit Hedy Epstein (US-Amerikanerin, gebürtig aus Freiburg)

Jeff Halper (Israel) und Vik Arrigoni (Italien)

 Die Gefahr war mir vorher bewusst.  Die Sommerferien fielen in diesem Jahr aus. Die Medien mussten auf das Ereignis vorbereitet werden, um die Wahrscheinlichkeit des Gelingens der Reise in jeder Hinsicht zu erhöhen. (Mit Erfolg: Erstes und Zweites Fernsehprogramm und viele andere Medien berichteten von der Reise.) Persönliches musste vor der Abreise noch geordnet werden für den Fall, dass die gesunde Rückkehr ausbliebe. Aber vor allem mussten noch Geschenke besorgt werden. Menschen in Gaza hatten sich Musikinstrumente gewünscht. Und von der Atfaluna-Gehörlosenschule war der Wunsch nach Hörgeräten geäußert worden - durch die Bombardements sind viele Kinder gehörlos geworden.

Die Liberty - das zweite Boot der Freegaza-Gruppe: ein kleiner ausgedienter   Fischerkutter, auf dem ich reise. Das erste, etwas größere, ist die Freegaza.

Die Liberty ist benannt nach dem Boot, das 1967 aus offiziell unerklärten Gründen mit Menschen an Bord versenkt wurde.

 20.8.2008: Nach vielen Verzögerungen treffen die beiden alten Boote endlich im Hafen von Larnaca ein.   Fast zwei Tage und eine Nacht sind wir auf dem Wasser. Die Nacht wird stürmisch und gleicht einer "Jona-Nacht" im Bauch des Wals. Der Wellengang zeichnet das Licht des Schwesterschiffes an den Sternenhimmel. Es gibt keinen Satelliten-Kontakt mehr. Am Morgen ist die See ruhig, der Himmel blau, wir sind kurz vor Gaza, kein israelisches Militärschiff in Sicht. Bald taucht die Skyline des übervölkerten Gazastreifens auf. Und bald kommen uns die ersten Boote zur Begrüßung entgegen (- israelische Militärboote lassen Boote aus Gaza nur wenige Meilen hinausfahren). Immer mehr Boote umringen uns mit freudigem Lärm, an Land haben sich Volksmassen versammelt, die Freude ist unbeschreiblich (Video)

Zum ersten Mal nach vielen Jahren der Besatzung und zunehmender Abriegelung läuft in den späten Nachmittagsstunden des 23. August 2008 wieder ein Schiff in den Hafen von Gaza ein.

Pfadfinder begrüßen uns mit Trommeln. Die Freude unter den vielen Wartenden am Kai und auf den Booten ist stürmisch. Die Polizei der Hamas wacht mit großer Anstrengung, dass nichts "aus dem Ruder läuft".

24.8.2008: In Gaza sind mehrere Besichtigungsprogramme für uns vorbereitet, an denen wir wahlweise in Gruppen teilnehmen. Meine Gruppe besucht zunächst das Schifa-Krankenhaus. Auf den ersten Blick sieht es aus wie jedes andere Krankenhaus. Aber wir kennen die Bilder von der "Operation Sommerregen" 2006 (welch ein zynischer Sprachausdruck), als hier viele Verletzte, Verstümmelte, Tote vorgefahren wurden. Wir haben die Bilder mit den von Bomben und Granaten aufgerissenen Schädel gesehen, die zerfetzten Bäuche mit hervorquellenden Eingeweiden, schreiende oder bewusstlose Kinder, die ihre abgerissenen Gliedmaßen neben sich liegen hatten. Dr. Bill Dienst, der in diesem Krankenhaus arbeitete, ist Passagier auf der Liberty.

Danach wird die Gruppe in das "Beach Camp"- Flüchtlingslager gefahren, in dem Regierungschef Ismael Hanije wohnt. Eine Einladung ist der Gruppe erst am Morgen überbracht worden. Ihr zu folgen oder nicht, ist den einzelnen Teilnehmern überlassen. Hanije begrüßt jeden einzelnen von uns und führt uns anschließend durch das enge Wohnviertel (Video). Seine Worte zu mir: "Wir haben nichts gegen Juden, wir haben etwas gegen die Besatzung". Den Ohring mit dem Davidstern kann ich unbekümmert tragen (- wie mag es heute nach zwei fürchterlichen israelischen Angriffen sein?), ich werde überall freundlich begrüßt und beschenkt (s. Startbild).

Zum Besuchsprogramm gehört Nusirat, ein weiteres Flüchtlingslager, in der die Gruppe New Horizons uns Debkatänze und Rollenspiele zeigt.  Sie hilft Jugendlichen aus ihrer Perspektivlosingkeit.  Auf einer Rundfahrt zeigt man uns das Rachel Corrie Memorial, zerstörte Fabriken und ein neurologisches Krankenhaus, das viele Opfer israelischer Angriffe behandelt. Sehr bewegend sind Besuche in Familien von "Freedom Fighters", andernorts auch "Terroristen" genannt, die israelischen Vergeltungsaktionen zum Opfer fielen. Wir spüren hier keinen Hass, aber tiefe Trauer und Verzweiflung.

Auch ein Empfang im Parlamentsgebäude ist für uns vorbereitet. Viele Abgeordnete fehlen - sie befinden sich in israelischen Gefängnissen, nur ihre Bilder hängen an der Wand.

In israelischen Gefängnissen befinden sich auch die Tausende, zu deren Freilassung Familienangehörige in und vor dem Roten Kreuz- Gebäude demonstrieren. Auch sie fordern ein Ende der Besatzung.

An einem Abend demonstrieren wir mit Kerzen vor der Gedenkstätte für die Opfer der Belagerung und ich singe zur Gitarre (die in Gaza bleibt) die vierte Strophe eines irischen Volkslieds (The Town I Loved so well) in einer für Gaza leicht angepassten Version.

Der Abschied ist traurig. Wir müssen viele Menschen zurücklassen, die gerne mit uns gekommen wären. Studenten sprechen mich an, die ein Stipendium für ein Studium an einer deutschen Universität bekommen haben, aber das Gefängnis Gaza nicht verlassen können.                

Hanije kommt, um uns den palästinensischen Pass zu überreichen. Verwenden kann ich ihn nicht. Er wird mir in Zukunft kaum helfen, nach Gaza auf normalem Wege einzureisen. Die Schlüssel nach Gaza liegen in Israel. 

Boote begleiten uns zum Hafen hinaus. Auf einem der Boote sitzt Vik, vorne, die palästinensische Fahne schwingend. Er wird in Gaza als Volontär zurückbleiben.