Hier wächst ein Baum aus Licht

direkt am Bahndamm hier setzen sich

Meisen auf deine Arme hier gehst du

die Tasche über der Schulter den Kiesweg entlang

mit geöffneten Augen hier zeichnen die Flugzeuge

Linien an einen ganz neuen Himmel

hier willst du sprechen und sprichst wie die Meisen

hier hat deine Tasche die Dinge  nicht mehr

hier fliegen die Blätter aus Licht auf den Weg

hier sind deine Fuße ohne die Stiefel hier ist

auch der Bahndamm verschwunden der Kiesweg

der Himmel hier hältst du die Blätter aus Licht

in der Hand

 

Aus: Marie T. Martin, Wisperzimmer, Leipzig: poetenladen, 2012. ©

    

 

                                                                                   Für die,die nicht der Wetterwind dreht, 
weil sie noch nicht käuflich sind,
                                                                                   weil sie noch ohne Angst, sind

  Für die, die noch nicht schweigen und
die, die noch der Welt das zeigen,
was Recht und was Unrecht ist,
mein Kind sing!                                                                                 

                                                                                Sing für die Freiheit, Kind,
hinter den Mauern sind
Menschen, die brauchen dein Lied!
Sing für Gerechtigkeit,
gegen Gleichgültigkeit,
und gegen Hass, mein Kind
(Mikis Theodorakis)

                                                            
                                                                                                                                                                  und gegen Hass, mein Kind.

                                                                                                                

        Inhalt

 

 

         

1.    Gräber. Kever Rachel, 2006                           .......   4

2.    Öffner. Bethlehem, 2006                                .......   8

3.    Mauern. Bethlehem, 2006                              .......  11

4.    Neurosen. Hebron, 2007                                .......  14

 

Leuchtturm. Manara Square, Ramallah, 2007          .......  17

 

5.    Wachmänner. Jericho, 2008                           .......  20

6.    Terroristen. Jericho, 2008                               .......  23

7.    Namen. Jerusalem, 2008                                .......  27

8.    Untergänge. Gaza, 2008                                 .......  31

 

 

Nachwort                                                              .......  36

                     

 

 1. Gräber

Kever Rachel

 

How many miles to Bethlehem?

- Three scores and ten.

Can I get there by candlelight?

- Yes, and back again.

Meine Schüler lieben dieses Weihnachtslied. Sie singen es in verteilten Rollen.

Wie weit ist es bis Bethlehem? Wie kann ich dort hin kommen?

- Früher, da konnte man ...

- Hm, früher, da ging man ...

- Ja früher, da nahm man ...

Am Informationsschalter ist nur noch einer vor mir.

Früher liegt nur ein paar Jahre zurück. Früher war Bethlehem in einer schönen Wanderung zu erreichen, oder man nahm den Bus nach Bethlehem.

-        Das geht heute nicht mehr. Sie nehmen den Bus 163 bis Kever Rachel,

passieren den Checkpoint und nehmen dann ein Taxi nach Bethlehem.

Das Taxi werde ich nicht nehmen, ein bisschen wandern. Kever Rachel, Rachels Grab, ein Pflichtprogramm. Linie 163, Ausgang 1. Sechs oder sieben ältere Frauen warten vor mir.

   Das Einsteigen über die hohen Stufen des Busses macht ihnen Schwierigkeiten. Sie machen nicht den Eindruck, als würden sie an Rachels Grab um Kindersegen bitten. Aber leidend sehen sie aus, vielleicht klagen sie der Stammesmutter ihr Leid.

An jeder Haltestelle die gleiche Frage an den Busfahrer: Kever Rachel?

-        Kever Rachel.

Eine Frau steigt zu, manchmal zwei oder drei. Sie sehen ähnlich aus. Jiddische Frauen, mit Kopftuch, oder mit gehäkeltem Netz. Bis in den Nacken hält das Netz die Haare koscher gebunden. Und auf dem Schoß ein kleines Gebetbuch. In dem faltigen Gesicht bewegt sich der Mund unhörbar.

   Was mögen die Frauen von mir denken, eine Ungläubige? eine Touristin? Gar nichts denken sie. Sie beachten mich nicht, ich bin gar nicht da. Ich existiere auch nicht für den schwarzen starken Mann, der sich hinter den Fahrer setzt. Mit schwarzem Hut, ein Orthodoxer, er beugt sich nach vorne,  redet mit dem Fahrer, redet,  redet, viel zu laut. Sie sind im Taxi, nur wir Frauen sitzen im Bus, fahren zu Kever Rachel. Er steigt vorher aus.

    Wir nähern uns der Mauer. Ganz dicht fährt der Bus an das graue Monstrum heran. Eine Mauer? Eine Mauer links, eine Mauer rechts, sind wir zwischen den Mauern?

Der Bus fährt langsam eine Straße zwischen den grauen hohen Ungetümen entlang.

-        Kever Rachel!

Der Busfahrer öffnet die Türen. Die Frauen erheben sich, verlassen so langsam wie es ihre Gelenke zulassen, den Bus. Ich folge ihnen, sie werden den Eingang kennen. Nur ein paar Schritte. Hinter dem Eingang ein langer Gang. Im Innern der großen Mauer? -  Am Ende des Ganges, der Raum für die Männer. Was beten die Männer hier? Und der Raum für die Frauen. Einige aus dem Bus haben schon angefangen zu beten. Ihr ganzer Körper bewegt sich, mit dem aufgeschlagenen Gebetbuch in den Händen. Wie an der Klagemauer. Klageweiber.  Am Grab.   

    Es hält mich nichts hier, am Grab. Raus, raus an die Sonne, nach draußen zur Auferstehung.

Vor dem Eingang zur Grabstätte hält mich ein Soldat mit Maschinenpistole auf. Ein olivgrün gescheckter Engel.

-        Sie dürfen nicht raus, erst wenn der Bus kommt.

Ich sehe ihn stirnrunzelnd an.

-        Aus Sicherheitsgründen.

-        Aber mir wird übel da drin. Ich brauche frische Luft.

-        Tut mir Leid, nicht gestattet.

Ein Ziviler, er muss irgendwie dazugehören, wendet sich zu mir,

-        Sie wissen, Terroristen.

Wollen Sie mich vor Terroristen beschützen, oder bin ich der Terrorist?

Ich öffne meinen Rucksack, zeige meine Habseligkeiten, look here, und setze mich auf den Zementboden, Sonne! Sonne über Zement, Asphalt und Stacheldraht.

   Die beiden werfen sich Sätze zu. Verboten, höre ich den Olivgrünen, die lange Knarre an der Seite. Der Zivile gestikuliert mit den Armen. Sein Arm greift nach einem Stuhl hinter dem Tisch, dem frommen Tisch mit den Gebetbüchern, ... Andenken? Er kommt zu mir mit dem Stuhl. Danke. - Was ist denn eigentlich mit den Terroristen, was war denn?

-        Vor drei Wochen. Sie wissen, Hamas. Leute von Hamas kamen hier hin.

Zu Besuch bei Rachel! Rachel weint um ihre Kinder. Warum weint Rachel? Weil ihre Kinder Soldaten sind? Oder Terroristen? Weil sie sich um ihr Grab streiten? Weil sie von ihnen eingebunkert wurde? Weil so wenige sie besuchen auf dem Weg nach Bethlehem? Eine laut weckende Stimme.

-        Der Bus ist da!

 Die Tür zum Grab öffnet sich, ich erhebe mich, sie strömen hinaus; Stimmen, Bewegung, Rufen, Schlurfen, die Türautomatik. Ich lasse die alten Frauen vor mir einsteigen. Rachel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen. 

Das Grab Rachels, die zweite Frau des biblischen Patriarchen Jakob ist ein wichtiger Gebetsort frommer Juden und wird auch von Christen und Muslimen verehrt. Der Standort wird allerdings von der Bibelkritik angezweifelt. Man vermutet, dass Rachel zwar auf ihrem Weg nach Bethlehem starb, aber in der Nähe von Rama nördlich von Jerusalem (vgl. 1. Mose 35,19 u. Jeremia 31,15). Das Grabgebäude wurde von Kreuzfahrern im 13. Jahrhundert errichtet und in späteren Jahrhunderten von muslimischen und jüdischen Auftraggebern erneuert

     Seit 1998 ist der Grabschrein von einer festungsartigen Mauer umgeben. Um das Gebäude herum befand sich ein muslimischer Friedhof, der mit dem Bau der Sperranlagen nicht mehr benutzt werden konnte. Auf einer Hälfte des Areals wurde ein israelischer Militärstützpunkt errichtet, auf der anderen entstand eine Synagoge.

     Gebietsmäßig liegt das Monument innerhalb der nördlichen Stadtgrenze von Bethlehem. Die einstmals belebte Straße, die an ihm vorbei von Jerusalem nach Bethlehem führte, wurde mit dem Bau der Betonwand eingeengt und später, im Widerspruch zum Osloer Abkommen, ganz abgesperrt. Dieses sah die freie Bewegung der Palästinenser auf der Hauptstraße vor (Anh.1, Art.V,7). Die damalige Situation (1993) und die bestehenden Praktiken sollten gewahrt werden. Im Februar 2003 erließen die israelische Besatzungsmacht eine Militärorder, in der sie die Inbesitznahme des palästinensischen Landes und Besitzes um Rachels Grab aus militärischen Gründen bekannt gaben. Die jüdischen Beter sollten beschützt werden. Die Generaldelegation Palästinas betont demgegenüber, dass die Stätte niemals Zeuge eines gewaltsamen  Aktes gegen Gottesdienstbesucher war.

 

 

Öffner

Bethlehem, 2006

 

Taxis. Gelbe Taxis. Hintereinander in einer Reihe. Vor der Mauer.  Sie ist gewaltig. Sieben Meter, acht, neun? Lange Betonplatten aneinandergereiht. Du bist drüben. In Berlin konnten wir noch rüber sehen. Klassenfahrt, alle auf das Treppchen, „pass auf, die werfen gleich was rüber“. Hier kannst du nichts rüber werfen.

-        Bethlehem, nach Bethlehem?

-        Bethlehem? Welcome, Bethlehem.

-        Bethlehem?

Nein, Danke, ich gehe gerne zu Fuß. Ungläubige, traurige Blicke. How many miles, wo fängt Bethlehem eigentlich an? Gehe ich richtig, die Mauer, schon wieder vor mir, noch immer vor mir, neben mir? Häuser direkt nebenan, fast eingeschlossen. Wer mag hier wohnen wollen? Eine Reparaturwerkstatt, Geräusche. Keine Menschen.

Das dunkle Triste wird etwas heller, der erste Laden.

-        Guten Morgen, welcome, kommen Sie herein.

Kein Appetit auf Andenken. Ein Taxi hupt,

-        Manger Square, Manger Square?

Danke, ich gehe zu Fuß. Wieder Hupen,

-        Good morning, wohin, Manger Square?

Andenkenläden, immer mehr Andenkenläden, beigebraun das ganze Schaufenster, Olivenholz.

-        To Manger Square?

Der Fahrer steht neben dem Taxi, angelehnt, müde. Der nächste, temperamentvoll. Er springt zum Kofferraum, öffnet ihn,

-        Andenken? Schmuck, Ketten? Sonderangebot, I make you special offer.

Danke, Ketten brauche ich nicht, die großen bunten nicht, die Holzketten nicht, keine Gebetskette und auch keinen Rosenkranz. Die Straße führt bergan. Palästinensische Polizei in ihrer dunkelblauen Uniform, ein Grüppchen Teenager, Jungs, junge Herren mit Chipstüten. Gelbe Taxis,

-        Good morning, Madam, wohin wollen Sie, steigen Sie ein, Herodion, Pools,

ich fahre Sie überall hin. Zu den Hirtenfeldern?

Auf dem Platz Männer mit Ausweis am Revers, Fremdenführer.

Das wird er sein, Manger Square. Krippenplatz. Away in a manger, Christmas Carol, no crib for a bed

-        Guten Morgen, darf ich Ihnen die Geburtskirche zeigen?

Der Finger zeigt auf den Ausweis, ein autorisierter Führer, ich glaube es ihm, aber, no thanks, gehe weiter.

-        Guten Morgen, wollen Sie die Geburtskirche sehen?

Ja, warum nicht, aber danke, doch lieber alleine. Durch das kleine enge Tor, durch die Enge in die Weite. Viele Lampen, wenige Menschen. Die Geburtsgrotte, der Stern, metallisch glänzend und spitz. Blank gewienert. Von vielen Mündern. Heute nur einer, Weihnachten ist schon vorbei.

    Ich bin nicht geschaffen für Gebäude, es mögen die schönsten sein. Kammern sind mir lieber, Kammern der Menschen. Läden sind auch Kammern. Sie sind alle offen. Welcome. Guten Morgen. Bitte, treten Sie ein.

-        Bitte kommen Sie, kommen Sie herein.

Diesmal gehorche ich. Aber er wird enttäuscht sein, ich kaufe nichts.

-        Das macht nichts. Setzen Sie sich. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?

Er darf, gerne. Wir werden uns unterhalten. Du wirst nicht alles glauben, was er sagt. Es geht ihm schlecht. Das glaube ich. Es kommen keine Leute mehr, fast keiner kauft was. Das glaube ich auch.

-        Sehen Sie her, alles handgeschnitzt. Ich kaufe es von den Werkstätten, aber

niemand kauft es. Wo sind die  Touristen?

Das geht den anderen Läden nicht anders. Aber ich kaufe nichts, ich kann nichts gebrauchen. Kein Kreuz? Keine Mutter Gottes? Kein Kamel für eine schöne Krippe? Nein, und wieder nein.

-        Was für eine Religion haben Sie?

-        Jüdisch, ich bin Jüdin.

Ibrahim hat eine jüdische Freundin, sie wohnt in England. Vielleicht stimmt es. Sie hat ihm geholfen, sie hat ihm Geld geschickt. Vielleicht. Er möchte studieren in Deutschland, er braucht Geld. In Deutschland studieren, Ibrahim, mit zwei Kindern hier? Er hat schon einige Semester hier in Bethlehem studiert, Soziologie.

Er gibt mir sein Kärtchen. Schreib mir, komm’ mich immer besuchen, wenn du hier bist. Wie oft hat er das schon gesagt?

-        Warte noch, ich möchte dir etwas schenken.

Was mache ich, soll ich doch kaufen? Er greift ins Regal nach einem Gegenstand. Messing, sieht aus wie eine kleine Mesuse. - Ein Flaschenöffner, ein einfacher Flaschenöffner. Ich halte ihn in meiner offenen linken Hand. Es ist eine Mesuse, es ist mehr als eine Mesuse, ein Stern, ein goldener Stern auf blauem Grund. Ein Stern Davids. Mein Stern. Ibrahim hat mich in meiner Kammer getroffen. Über dem Stern orientalisches Ornament, graviert; darüber, über dem Öffnungsloch eine goldene Inschrift, Jerusalem. Kitsch. Kitsch as Kitsch can, aber von großem unbeschreibbarem Wert. Der Stern von Bethlehem. Er wird die Mesuse meines Hauses sein.

Eine Mesuse (hebr. Mezuzah, wörtl.’Türpfosten’), ist ein symbolisches Zeichen am rechten Türrahmen eines jüdischen Hauses. Es enthält in seinem Inneren winzige Pergamentröllchen mit Bibelversen, beginnend mit Schma Jisrael, ‚Höre Israel’.

     In den Läden Bethlehems werden Devotionalien aller monotheistischen Religionen verkauft, es überwiegen naturgemäß in der biblischen Geburtsstadt Jesu Gegenstände christlicher Symbolik, die meisten Handarbeiten  aus Olivenholz. Der Olivenbaum gilt als der „Ernährer“ Palästinas. Ihn zu fällen, wie es aus vorgeblichen Sicherheitsgründen geschieht, verursacht tiefe psychische und wirtschaftliche Wunden.

     Die Arbeitslosigkeit beträgt durch die Abriegelung mehr als 75%. Davon besonders betroffen sind die vielen christlichen Olivenholzschnitzer, die seit Jahrhunderten diese traditionelle Arbeit pflegen. Da fast keine Pilger und Touristen die Stadt aufsuchen – von einem Tag im Jahr abgesehen – sind die meisten Geschäfte geschlossen.

Christliche Pilger, die ins Land reisen, ziehen eine Übernachtung im vermeintlich „sichereren“ (aber wesentlich teureren) Jerusalem vor. Über 2000 Hotelbetten stehen leer. (...)


 

 

Mauern

Bethlehem, 2006

 

Vorgestern waren die Koreaner noch hier. Eine Pilgergruppe. Dina war guter Stimmung gewesen. Sie hat mir ein Abendessen bereitet, mit mehreren Gängen. Gestern war ich der einzige Gast im Hotel, vier leere Stockwerken über mir. Dina hat das Hotel mit ihrem Mann gebaut, vor einigen Jahren. Sie waren aus Amerika zurückgekommen, mit dem Aufschwung, glaubten sie. Nach den Friedensgesprächen würden Touristen kommen. Die Intifada kam. Dina und ihrem Mann ging es von Jahr zu Jahr schlechter.

    Heute sitze ich auch alleine hier, in dem großen Saal, beim Frühstück. Ein bisschen kalt, nur schwach beheizt, für nur eine Person. Der Kaffee wärmt, auch der Blick nach draußen in die sonnige Landschaft. Der Ort in der weiten Hügellandschaft, mit den schönen Lichtern gestern Abend, Har Homa, hat mir Dina erklärt.

-        Die israelische Siedlung. Studenten beschossen sie während der Intifada.

Darauf  rückten die Panzer hier ein. Ausgangssperren. Und keine Touristen mehr.

   Ich erkenne deutlich die Baukräne, hohe Häuser, und die feine, breite neue Straße.

Nur für Juden.

   Dina sieht traurig aus. Trink einen Kaffee mit mir, erzähl mir was. Sie würde gerne mit mir nach Jerusalem kommen, aber das geht nicht,

-        keine Genehmigung. Man muss einen Antrag stellen, ein paar Tage später

kriegst du dann die Ablehnung.

Sie hat schon viele Anträge gestellt, umsonst. Ein Freiluftgefängnis.  Aber einige kommen raus?

-        Die Arbeit haben in Jerusalem. Sie haben Genehmigung. Die meisten nicht.

Sieh dir mal morgens um fünf die lange Schlange am Checkpoint an.

    Am Toten Meer war sie schon lange nicht mehr. Und das Mittelmeer? Unmöglich, die Kinder haben noch nie das Meer gesehen, und wohnen nur ein paar Kilometer entfernt.

   Wir gehen gemeinsam an die Straße, ein paar aufmunternde Worte,  wir werden was tun. Das Taxi hält. Dina sagt ihm, wo er mich absetzen soll.

-        Du zahlst nicht mehr als zwei Schekel, egal was er dir sagt.

Das Taxi setzt mich am Checkpoint ab, exakt vor dem langen Laufgitter, entlang der Mauer, ein Löwengitter in den Zirkus. Ein hohes Metallgitter für menschliche Raubtiere. Der gar nicht enden will, wo ist der Eingang zum Checkpoint?

   Ein Gefängnistrakt. Es schallt, eine ferne Lautsprecherstimme. Überwachungskameras. Lieber nicht fotografieren, heil hier durchgehen. Leere. Keine Menschen. Metall, kaltes, weißes, blaues Metall. Und es riecht. Nach Schweiß, nach Piss, nach Angst?

   Zwei Männer an der Drehkreuztüre, ich bin doch nicht alleine hier. Und über mir noch einer, fast nicht gesehen, mit dem Gewehr in der Hand,  eine schwebende Terrasse, aus Metallrohren. Die Überwachungskameras vor der Drehtür links und rechts haben meine Blicke festgenommen. Grün, grünes Licht über der Türe. Der Mann geht durch, der zweite... noch immer grün, ich auch. Den Männern folgen? Sie sehen unsicher aus. Vielleicht gehen sie auch das erste Mal hier durch. Die Lautsprecherstimme, hallt laut, ganz nah, wo ist sie? Nirgendwo macht Angst. Ich verstehe sie nicht, Angst blockiert. Die Männer haben verstanden. Sie legen Beutel und Tasche auf das Band, und gehen zum Röntgencheck. Wie am Flughafen. Der erste kommt durch, der zweite – es piept. Verwirrende Blicke und die Stimme durch den Lautsprecher. Ein Befehl. Er hat ihn verstanden. Er soll die Schuhe ausziehen, sie auf das Band legen. Zweiter Durchgangsversuch, es piept. Ratloser Blick nach rechts, er scheint zu wissen, wo die Stimme herkommt. Eine Studentensoldatin im Office. Sie wird gleich deinen Pass sehen wollen, nimm ihn schon mal aus der Tasche. Die Soldatin wiederholt den Befehl. Der Mann scheint diesmal nicht zu verstehen. Der Lautsprecher wird ungeduldig, eine Soldatin kommt, eine andere; auch eine Studentensoldatin. Der Mann geht zwei Schritte zurück, an das Sicherheitsband. Seine Linke hält sich am Rand fest, die Rechte streift den Socken ab. Eine freundlichere Stimme am Lautsprecher, aus dem Office. Sie winkt mir, ich kann durchgehen. Sie hat meinen Pass gesehen. Die Bevorzugung annehmen? Durchgehen? Ihr sagen, die beiden Männer waren vor mir dran?! Ich sehe das gequälte Gesicht des Mannes. Drei Frauen sehen zu, wie er sich auszieht? Ich entscheide mich für die ungerechte Bevorzugung, halte den Pass noch hoch im Vorbeigehen, die Studentin lächelt. Ich könnte auch ein Terrorist sein, ihr Hübschen vom Campus. Stattdessen nur,  thanks. Raus in die Freiheit.

2002 begann Israel mit dem Bau der 8 m hohen Betonmauer. Sie führt durch fruchtbare Anbaugebiete und zerstört die Agrarwirtschaft der  ansässigen palästinensischen Bevölkerung. Eigentum wird „aus Sicherheitsgründen“ konfisziert. Von der 680 km langen Mauer liegen 80% innerhalb der besetzten Westbank. Zusätzlich werden die auf palästinensischem Gebiet liegenden israelischen Siedlungen, sowie deren Zufahrtstraßen durch Mauern geschützt. Nach Fertigstellung werden nur 20% der Mauer entlang der Grünen Linie (der Waffenstillstandslinie von 1949) verlaufen, der Hauptteil der Mauer reicht 22 km in die Westbank hinein. Persönliche Kontakte, wie die traditionellen zur Großfamilie, kulturelle, religiöse oder medizinische Pflege, sind nur eingeschränkt möglich. Im Gebiet Bethlehem-Bejt Jala wurde den Bewohnern durch den Mauerbau zwei Drittel der Nutzfläche genommen.

     Die „Siedlung“ Har Homa wurde zwischen 1997 und 2000 gebaut und hat in den letzten Jahren eine Ausdehnung auf Stadtgröße erfahren. Für ihre Entstehung wurde der naturgeschützte Wald auf dem Hügel (Jebel Abu Ghneim) abgeholzt.

     Insgesamt liegen 27 illegale Siedlungen mit 73.000 Siedlern im Umfeld Bethlehems. Ihre modernen, zum Teil durch Mauern und Tunnel gesicherten Schnellstraßen dürfen nur von den Siedlern, nicht von den Palästinensern benutzt werden. Deren Reisezeit wird durch schlechte Straßen und willkürliche Hindernisse,  wie militärische Kontrollpunkte und Straßensperren (55 in der Umgebung von Bethlehem) erheblich beeinträchtigt.

     In den autonomen Gebieten leben die Bewohner eingeschlossen in Enklaven. Um diese zu verlassen, um zum Beispiel in Jerusalem einer Arbeit nachzugehen, einen Verwandten- oder Schulbesuch zu machen, muss zuvor eine israelische Erlaubnis eingeholt werden, die dem Antragsteller häufig und ohne Angaben von Gründen versagt bleibt.

     Morgens zwischen fünf und acht passieren mehr als zweitausend Männer und einige Frauen aus Bethlehem und Umgebung, bis hin nach Hebron, die Grenzanlage. Manche verbringen die Nacht hier im Freien, um morgens bei den Ersten in der langen Warteschlange zu sein. Kurz vor fünf stehen sie dicht gedrängt in einem Gang, der von einem zwei Meter hohen Metallgatter eingezäunt ist.

      Im Juli 2004 erklärten sowohl der Internationale Gerichtshof in Den Haag  als auch der UN-Sicherheitsrat den Mauerbau als völkerrechtswidrig. Dennoch führt Israel den Mauerbau und die oftmals menschenverachtende Praxis an den Übergängen fort.

Neurosen

          Hebron, 2007

 

- Sind Sie das erste Mal in Israel?

Unzählige Male ist mir diese Frage schon am Flughafen gestellt worden.

Unzählige Male war ich schon in Israel. Muss ich ausgerechnet jetzt, wo Judith, meine Tochter, das erste Mal mit mir kommt, Hebron besuchen?

Hebron ist auch für mich Neuland.

- Nach Hebron würde ich nicht fahren, zu gefährlich.

- Zu unsicher.

- Riskant.

Fast 40 Jahre befolge ich den häufig gegebenen Rat. Hebron lockt mich ohnehin nicht sehr - keine Gewässer, weder süß, noch salzig, noch rot noch tot. Arabisch verstehe ich nicht, interessante Gespräche wird es wenig geben. Und für Hebrons berühmte Ahnen habe ich kein Kommunikationsbedürfnis, zumal die Authentizität der Reliquien höchst zweifelhaft ist.

     Aber Hebron steht jetzt auf dem Reiseplan. Ein bisschen palästinensische Wirklichkeit erkunden. Bethlehem ist Ausgangspunkt, hier haben wir übernachtet.

Wir fahren schlecht vorbereitet, mit Absicht. Treiben lassen, führen lassen, beobachten. Ohne Vorurteile Eindrücke aufnehmen. Ein bisschen Zeitgeschichte ist bekannt. Massaker an Juden 1929, die jüdische Siedlung Kiryat Arba, Baruch Goldstein. Ein noch junger Bericht über Hebrons immer leerer werdende Altstadt, gespannte Gitternetze über die ehedem von Menschen und Waren bunt belebten engen Gassen, die vor dem Abfall der über ihnen wohnenden Siedler geschützt werden müssen.

     Wir lassen uns mit einem Service-Taxi nach El Khader fahren, zwei Schekel, 50 Cent. Von hier aus gehen Kleinbusse, Taxis, Service-Taxis in die verschiedenen Richtungen. Umschlagplatz. Die Vokabel ist gestern bei einem Besuch in Yad Waschem gespeichert worden. Sechs Schekel bis Hebron. Palästinensische Preise, auch für uns, nicht für Touristen. Wir werden an den Straßensperren nicht aufgehalten, die Blockaden sind beiseite geräumt. Christmas-time.

   Wir fragen den Weg zur Altstadt, zum Markt, al Suk. Die Waren werden spärlicher, je weiter wir uns von unserem Ausgangspunkt entfernen. Die Straße ist enger geworden, einige Läden sind geschlossen, leblose Garagentore. Ein Metzger hat seinen Stand geöffnet, ein Kuhkopf baumelt an einem Seil. Gestern hat CNN das Video von Saddam gezeigt. Noch mehr Garagentore. Und über der Gasse die Gitternetze. Dosen, Schachteln, Papier, Unrat wie geschildert. Wir werden angesprochen, das muss er sein, Jamal aus dem Bericht. Er spricht fließend Englisch. Er hat in England studiert. Seinem Vater gehört der Laden. Er hat ihm versprochen, zurückzukehren und das Geschäft zu übernehmen. Aber es ist niemand da, der etwas kauft. Auch wir enttäuschen ihn, kaufen nichts, versuchen zu erklären, dass wir auf andere Weise helfen wollen. Wir gehen weiter, immer mehr geschlossene Läden. Müssen sie schließen? Ein Mann steht vor seinem geöffneten Laden.

-        Some must, some go.

Warum sollten sie auch ihre Läden offen halten, wo doch niemand mehr kommt.

In der Seitenstraße rechts, riesige Betonplatten formen eine Mauer, mit aufgesetzten Stacheldrahtrollen, schneiden die Straße ab. Etwas weiter höher ein Wachtposten, Blechbude, mit militärischem grünen Tarngehänge. Judith möchte lieber kehrt machen, sie fühlt sich gar nicht wohl. Aber wir werden wieder angesprochen. Ein junger Postkartenverkäufer, wir gehen mit ihm weiter. Postkarten von der Moschee, von außen, von innen, von innen, von außen, er lässt nicht von uns ab, er wird noch keine Karte verkauft haben. Vor uns ein Eisengitter, ein Drehkreuz, wir gehen hindurch. Keine enge Gasse mehr, ein offener Platz, und die Moschee, das muss die Moschee sein. Ob es uns erlaubt ist, sie zu betreten? Suchen wir den Eingang mal.

Ein israelischer Soldat stoppt uns.

-        Wollen sie in das jüdische Zentrum?

-        Ja. - Warum nicht, wir lassen uns ja treiben, führen.

-        Sind sie jüdisch?

-        Ja.

-        Es ist Juden nicht erlaubt, arabisches Gebiet zu betreten.

Stimmt, ich hatte es auf der Straßenkarte gelesen, Judea, Samaria & The Gaza Strip. Entering areas under Palestinian rule is strictly prohibited.

-        Ich bin nicht israelischer Staatsbürger, in Deutschland kennen wir dieses

Verbot nicht.

Wenn wir jetzt weitergehen, weitergehen dürfen, bedeutet das, wir können nicht mehr zurück durch das arabische Viertel, bedeutet das, wir müssen einen teuren israelischen Bus nehmen, der uns nach Jerusalem bringt, und noch einen Bus, und wieder Checkpoint, Passage zu Fuß, Service-Taxi ...

-        Das heißt, wir können nicht mehr durch den Markt zurück?

-        Zurück?- ? Ihren Pass, Ihren Pass!

Er ruft etwas nach hinten zu seinen Kollegen an der anderen Seite des Platzes. Sein nervöser Kopf  bewegt sich unruhig mit der ständig wechselnden Blickrichtung, in dem verzweifelten Bemühen, uns mit Blicken solange festzuhalten, bis die Hilfe der Kollegen kommt.

-        You wait here, your passport, ...you wait here.

Er spricht etwas in sein Funkgerät. Ich achte nicht auf die Worte. Ein Blick zu Judith

-        Wir verduften

Richtung Drehkreuz. Schnell. Wir gehen in schnellen Schritten, aber wir rennen nicht. Hunde beißen, wenn du rennst. Wir hören sie noch kläffen. Mein Gott, die israelische Neurose, hat sie mich jetzt auch befallen?

 

Hebron ist eine palästinensische Stadt (130.000 Einwohner), in der sich jüdische Siedlungen direkt im Stadtgebiet befinden. An den Stadtkern angrenzend liegt die Siedlung Kirjat Arba mit 6000 Einwohnern. Der jüdische Arzt und Siedler Baruch Goldstein aus Kirjat Arba drang 1994 in die Moschee ein und tötete 29 Muslime und verletzte mehrere Hundert, bevor er selber getötet wurde. Seitdem ist der Haupteingang für Muslime geschlossen. Sie müssen mehrere militärische Kontrollen passieren, bevor sie durch einen Seiteneingang die Moschee betreten dürfen.

     Die Stätte ist beiden Religionen, Juden wie Muslimen, die hier im 7. Jahrhundert eine Moschee über der vermuteten Grabstelle Abrahams errichteten, gleichermaßen heilig. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hielten beide in relativem Frieden hier ihre Gottesdienste ab. Erst mit dem Entstehen des politischen Zionismus und der verstärkten Einwanderung von Juden gegen Ende des 18. Jahrhunderts traten größere Spannungen auf.

    1929 fand die jüdische Gemeinde durch die Ermordung von 69 Personen eine brutales Ende. Der Rest der Gemeinde wurde evakuiert. Fast 40 Jahre gab es keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt. Zu Pessach 1968 quartierten sich mehrere orthodoxe Familien in der Stadt ein. Sie blieben länger, machten Hebron zu ihrem Wohnsitz und formierten sich zu einer Gemeinde.

     Die mittlerweile 750 jüdischen Siedler im Stadtkern, die überwiegend aus Brooklyn und aus Frankreich kommen, werden von 4000 israelischen Soldaten geschützt. Keiner der Siedler ist Nachkomme der jüdischen Bevölkerung von 1829, als es im Zuge des ersten arabischen Aufstandes gegen die jüdische Besiedlung Palästinas zu Massakern an den alteingesessenen Juden kam und 69 Juden ermordet wurden. Nachkommen der Überlebenden verurteilen in einem Offenen Brief die neue jüdische Besiedlung.

     Das Hebron-Abkommen teilt die Stadt in die zwei Gebiete H1 und H2. Die im Bau befindliche Mauer durchtrennt den Stadtkern und verläuft streckenweise durch palästinensisches Autonomiegebiet (H1). 700 Familien sind bislang von der Zerstörung ihrer Häuser zugunsten des Mauerbaus betroffen. 90% haben ihre Geschäfte in der Altstadt aufgegeben und den Handel auf die Straße verlegt. Von den ehemals 10.000 palästinensischen Bewohnern in H2 wohnen ca. 2000 noch in der Altstadtenklave. Die leer stehenden Wohnungen werden von den Siedlern genutzt oder unbewohnbar gemacht, die verlassenen Läden sind durch Stahltüren verschlossen.

   Auch das Verhältnis zu der benachbarten jüdischen Siedlung ist durch zunehmende Gewalt belastet. Immer häufiger müssen israelische Soldaten die Palästinenser vor Behinderungen und tätlichen Übergriffen der Siedler schützen. Die Zahl der meist jugendliche Soldaten steigt, die sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlen oder aus Gewissensgründen einen Dienst in Hebron ablehnen. Die Suizidrate in der israelischen Armee ist sehr hoch.

 Leuchtturm

 Manara Square, Ramallah

von Uri Avnery

13.1.07

(gekürzte Übersetzung)

 

Es war Mord am helllichten Tag. Undercover-Soldaten, als Araber verkleidet, von bewaffneten Fahrzeugen und Bulldozern begleitet, von Kampfhubschraubern geschützt, drangen in das Zentrum von Ramallah ein. Ihr Ziel war, einen militanten Fatah-Anhänger, Rabee’ Hamid zu töten oder gefangen zu nehmen. Der Mann wurde verwundet, schaffte es aber zu entkommen.

    Wie gewöhnlich quoll der Platz mit Menschen über. Manara Square ist das Herz von Ramallah, voller Leben, fahrender Autos, gehender Menschen. Als die Leute verstanden was vor sich ging, begannen einige, Steine nach den Soldaten zu werfen. Diese antworteten, indem sie wild in alle Richtungen schossen. Vier zufällig Anwesende wurden getötet, mehr als 30 verletzt.

   Die routinemäßig lügnerische Armeepresse verkündete, dass die vier bewaffnet waren. Wirklich? Einer von ihnen war ein Straßenverkäufer namens Khalil al-Bairouti, der wie gewöhnlich heiße Getränke an diesem Platz verkaufte, von seinem kleinen Karren. Ein anderer war Jamal Jweelis aus Shuafat b ei Jerusalem, der nach Ramallah gekommen war, um neue Bekleidung zu kaufen und Süßigkeiten für die Verlobungsfeier seines Bruders, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Als er hörte, dass Bulldozer dabei waren, Fahrzeuge in der Straße nieder zu mähen, rannte er aus dem Laden, sein Auto in Sicherheit zu bringen.

Das war vor neun Tagen. Eine „Routineaktion“, wie so viele andere, die fast täglich in dem besetzten Palästina geschehen.

   Zwei Tage später besuchten meine Frau Rachel und ich den Platz. Es war am frühen Morgen. Unter einem unaufhörlichen Nieselregen quirlte Manara („Leuchtturm-„) Square wieder über mit Leuten Verkehrsstaus in allen sechs Straßen, die zu diesem Platz führen.

   Zacharia, unser palästinensischer Freund war besorgt. Er versuchte uns zu überreden, lieber nicht zu kommen, so kurz nach dem Vorfall. Aber nichts geschah.

   Poster von Arafat hingen an der Säule in der Mitte des Platzes und an einigen Wänden. In einem Laden Fotos von Saddam Hussein. An einer Mauer wütende Graffiti: „Wir brauchen deine Hilfe nicht!“ (die amerikanische? die europäische? der Hilfsorganisationen?)

   Die vier Löwen, die die Säule umgeben, sahen mich verloren und hilflos an. Einer von ihnen trägt eine Uhr um seinen Fuß. Der Designer hatte die Uhr als Scherz eingezeichnet und die Chinesen, die mit den Löwen beauftragt waren, führten den Plan exakt nach Vorlage aus.

     Als wir unseren Freunden in Tel Aviv erzählten, dass wir zu einer Konferenz nach Ramallah fahren, glaubten sie, wir hätten den Verstand verloren. „Nach Ramallah? Ausgerechnet jetzt, nach dem, was passiert ist?“

    Auch die Organisatoren, eine internationale Gruppe von Akademikern, die „Fakultät für Israelisch-Palästinensischen Frieden“, hatte gezögert. Die Konferenz war bereits vor etlichen Wochen festgesetzt worden, schon, aber vielleicht wäre es doch das Beste, sie für eine Woche oder zwei zu verschieben? War es wirklich klug, ein Dutzend Israelis nur 24 Stunden nach dem tödlichen Überfall nach Ramallah zu bringen?

   Schließlich wurde beschlossen, ganz richtig, dass dies genau der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort für die Konferenz wären. Die Vertreter von 23 palästinensischen, 22 israelischen und 15 internationalen Organisationen waren für drei Tage in einem Hotel in Ramallah einquartiert, trafen sich, aßen zusammen, und diskutierten über das eine Thema, das in jedermanns Kopf war: wie gemeinsam handeln um der Besatzung ein Ende zu bereiten, einer Besatzung, die täglich Horrorszenarien produziert wie die Tötungsaktion am Manara Square.

   Es gab noch einen anderen Grund, die Konferenz genau an diesem Ort abzuhalten: Seit dem Mord an Yasser Arafat waren die Verbindungen zwischen den israelischen und palästinensischen  Friedenskräften auf einer höheren Ebene nur noch äußerst schwach vorhanden. Pessimismus machte sich auf beiden Friedenslagern breit. Darum war es sehr wichtig, dass eine solche Konferenz stattfand. Israelis, Palästinenser, internationale Friedensaktivisten tauschten sich untereinander aus, schlugen Aktionen vor, betonten das gemeinsame Ziel. Am zweiten Tag wurden kleinere Arbeitsgruppen gebildet, in denen Teilnehmer aus Tel Aviv und Hebron, Nablus und New York, Barcelona und Kfar Saba ihre Ideen für gemeinsame Aktionen vorbrachten.

    Einige Tage später fand ein ähnliches Treffen in der Hauptstadt von Spanien statt. Aber da gab es einen Unterschied zu unserer Konferenz, ein Unterschied fast so groß wie zwischen der Plaza del Sol in Madrid und dem Manara Square in Ramallah.

   In Madrid waren hohe Persönlichkeiten vertreten, Mitglieder der Knesset  zusammen mit einigen Notablen der Palästinensischen Autonomiebehörde, und ihre Kollegen aus arabischen und anderen Ländern. In Ramallah kamen die Veteranen aus den Friedenslagern zusammen, Menschen, die sich Dutzende Male in einer Wolke von Tränengas und Gummigeschossen befanden und ihnen standhielten. Eine Gruppe, die verspätet eintraf, kam geradewegs von einer Demonstration aus Bil’in, wo die Armee wieder Wasserkanonen, Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt hatte.

   Die Gäste in Madrid waren mit dem Flieger gekommen. Die Gäste in Ramallah brauchten eine wesentlich längere Zeit bis zu ihrem Versammlungsort. Die Israelis mussten sich durch Checkpoints zwängen, und noch einmal gründlicher auf ihrem Weg zurück. Israelis (nicht die Siedler) verletzen das Gesetzt, wenn sie durch die besetzten Gebiete fahren. Aber für die Palästinenser war es zehnmal so schwierig nach Ramallah zu gelangen. Ein Teilnehmer aus Nablus berichtete uns, dass er um zwei Uhr morgens das Haus verlassen hatte, um pünktlich zur Konferenz um 11 zu sein. Ein anderer aus Tubas, nahe Nablus, verbrachte acht Stunden auf der Straße und an Checkpoints – viel mehr als man von Tel Aviv nach Madrid benötigt.

   Die Madrider Konferenz wurde Tag für Tag intensiv von Medien verfolgt. Die Ramallah Konferenz wurde nicht eines einzigen Wortes in den israelischen Medien bedacht. Worin bestand die Bedeutung der Ramallah Konferenz?

   Die Besatzung dauert 4o Jahre an – vielleicht die längste militärische Besetzung, die die Welt jemals gesehen hat. Auf der Konferenz gab es einhellige Übereinstimmung darüber, dass alle Kräfte in einer großen öffentlichen Campagne konzentriert werden müssen, um auf die Ungerechtigkeit der Besatzung hinzuweisen, auf den Schaden, den sie nicht nur den Palästinensern zugefügt, sondern auch den Israelis; um zu handeln, gegen die Straßensperren, gegen die Checkpoints und gegen die Annexionsmauer, und für den Austausch von Gefangenen auf beiden Seiten.

   Die Fortführung der Friedensarbeit wird abhängig sein vom Willen, vom Mut und der Hingabe aller Friedenswilligen und ihrer Fähigkeit über Sperren, Zäunen und Mauern hinweg zu kooperieren, damit sich eines ihrer Ziele, deren Beseitigung, erfüllt.

    Die Zeit drängt enorm. Vielleicht ist das der Grund, warum einer der Löwen am Manara Square eine Uhr trägt.

 

 Wachmänner

Jericho 2008

 

Ich möchte die Synagoge besuchen im Norden Jerichos. Die Straße zieht sich schon eine ganze Weile hin. An der Straßenseite steht ein Polizist. Er wird sich hier auskennen. Spontan wende ich mich an ihn.

-        Entschuldigung, wie komme ich zur Synagoge?

Der Polizist sieht mich an.

-        Zuallererst einmal, guten Morgen! Und als zweites, wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Ein bisschen beschämt fühle ich mich.

-        Und wie heißen Sie?

-        Und Sie?

-        Achmed. Achmed hat mir gerade eine Lektion erteilt. Der große Lehrmeister

 schickt die kleinen unerwartet. Nach israelischer Anweisung hättest du ihn gar nicht fragen dürfen, auf der Landkarte steht es, schlag’ sie auf, die Instructions. Punkt 4: Never ask a Palestinian policeman. Die israelische Roadmap. Ich falte sie wieder zusammen, gehe weiter die Straße entlang, Richtung Synagoge. Ich müsste jetzt hier rechts den Weg abbiegen, die kleine Straße, hat der Polizist gesagt. Von einer Synagoge ist nichts zu sehen. In einiger Entfernung sehe ich zwei Gestalten vor einem Gebäude stehen, sie scheinen uniformiert zu sein. Und sie tragen Waffen. Sie werden irgendein Regierungsgebäude bewachen? Die Gegend sieht nicht danach aus.

-        Guten Tag, ich suche die Synagoge.

-        Das ist sie. Einer der beiden deutet mit seinem Arm nach rechts; rechts hinter

 ihm ist ein Gebäude, ein kleiner Kasten. Ein kleiner nicht mehr ganz schlanker Herr kommt mir entgegen.

-        Ist das hier die Synagoge?

-        Good morning. What’s your name?

Die Lektion, da ist sie wieder. Noch nicht gelernt. Repetitio est mater studiorum.

Sein Name ist Adnan. Adnan bittet mich, schon mal vorzugehen, er kommt gleich. Ich gehe die Treppenstufen zum Eingang hinauf. Auf der schmalen Terrasse sitzen drei junge Leute beim Picknick. Pitas, chicken, Tomaten, Paprika; Coladosen. Sie laden mich ein, mit ihnen zu essen.

-        Danke, vielleicht später. Ich möchte mir erst die Synagoge ansehen.

-        Iss, gleich ist nichts mehr da, - ruft Adnan mir nach.

Ich betrete den Innenraum. Links steht die Türe offen. Bücher. Bücher gestapelt auf Stühlen, einige Bücher in Regalen, schwarze, braune, Siddurim, Midraschim. Sie sehen nicht alt aus. Ich möchte drin blättern – später, es gibt noch mehr Räume. Das Lehrhaus, Bejt Midrasch. Wie vor einem Umzug. Es scheint vor nicht allzu langer Zeit noch benutzt worden zu sein.

   Adnan telefoniert noch immer draußen, ich gehe auf und ab. Hier muss der Eingang zur Synagoge sein. Endlich! Er schließt auf. Wir stehen vor dem Mosaik, im Halbdunkel, eine Weile in Stille. Scheinwerfer von den Seiten beleuchten es.

   Jamal erklärt mir die Geschichte, die er vermutlich jedem Besucher erzählt, er ist Fremdenführer. Auf mittlerer Höhe fallen die Scheinwerfer stärker und zusätzlich von oben herab. Sie beleuchten eine Menorah, darunter eine Schrift, in altem Hebräisch: Schalom al Jisrael. Friede über Israel. Bewacht und betreut von einem Palästinenser, liebevoll betreut.

-        Es ist schade, dass so wenige Menschen die Synagoge besuchen.

-        Kommen Juden hier hin?

-        Nein. Es ist traurig, dass sie nicht mehr kommen. Wir könnten in Frieden

zusammen leben.

   Die jungen Picknicker rufen. Dieses Mal kann ich nicht nein sagen. Ich setze mich zu ihnen und nehme von ihrem Picknickteller. Ein bisschen small talk. Einer von ihnen ist Adnans Neffe, die beiden anderen, das Mädchen und der junge Mann, seine Freunde.

   Zurück nehme ich einen anderen Weg. Ich bin schon einige Meter von der Synagoge entfernt. Ich bin gar nicht an den Wachsoldaten vorbeigekommen. Oder habe ich sie nicht beachtet, die beiden palästinensischen Cheruben?

 Sie hatten mich hineingelassen.

Jericho ist nach dem Bibelbericht die erste von den Stämmen Israels eingenommene Stadt. Das biblische Jericho liegt weiter westlich vom heutigen Jericho, wo das Wadi el-Qelt das Jordantal erreicht.

     Im Norden des heutigen Jerichos liegt die Shalom-al-Jisrael Synagoge aus dem 7. Jahrhundert. Im Zentrums des Mosaikbodens aus geometrischen Mustern ist ein siebenarmiger Leuchter eingearbeitet mit der hebräischen Inschrift „Schalom al Jisrael“, ‚Friede über Israel’ (aramäische Schriftzeichen), begleitet von einem Schofar (Widderhorn) und einem Palmenzweig. Aufgrund der Symbolik wurde sie bei den Ausgrabungsarbeiten während der englischen Besatzungszeit 1936 als Synagoge erkannt. Ein arabischer Bewohner des Ortes ließ ein Gebäude über dem Fundament errichten und erhob Eintrittsgeld für Besucher. Hauptsächlich nutzten fromme Juden das Gebäude für ihre Studien und Gebete.

   Im Junikrieg von 1967 wurde Jericho als erste Stadt eingenommen. Sie war auch die erste Stadt, die Israel nach den Osloer Verträgen 1993 wieder an die Palästinensische Autonomiebehörde übergeben hat. Auf Drängen religiöser Knessetabgeordneter entschied sich Ministerpräsident Rabin, für die Synagoge einen israelischen Sonderstatus zu fordern Bis zur Übergabe war das Verhältnis zwischen den jüdischen Gebetsgruppen zur palästinensischen Bevölkerung nicht durch größere Spannungen belastet. Die freundschaftlichen Beziehungen wandelten sich nach dem Scheitern der Osloer Verträge und dem Ausbruch der Intifada. Am 12. Oktober 2000 drang eine Gruppe Randalierer in die Jeschiva (Lehrhaus) ein und zerstörte Bücher und Möbel. Die Palästinensische Behörde ließ den Schaden reparieren, aber kein Israeli ist seit der Zeit in der Synagoge gesichtet worden.

     Nach Beendigung der Intifada 2005 zog sich die israelische Armee aus Jericho zurück. Sie ist aber weiterhin an der strategisch wichtigen Straßenkreuzung vor der Stadt stationiert. Wer in die Stadt fahren möchte, passiert hintereinander zwei Checkpoints, einen israelischen und einen palästinensischen.

   Die Bewohner der nahegelegenen israelischen Siedlung Mizpe Jericho sehen Jericho als „heiligen Ort“ an, den es „von den Feinden“ zurück zu erobern gilt. „Now that the time has come to rebuild the Temple, we will succeed, with G’ds help, to settle Jericho... If we do not give in one inch of our Holy Land, we have a chance to save it all.“ (www.jewishjericho.org). Die Siedler empfehlen den Bau weiterer Siedlungen um Jericho. Mevoot Jericho im Westen und Ejn Hogla im Osten sind bereits vorhanden.

 
 

 Terroristen

Jericho, Januar 2008

 

Das Flüchtlingslager in Jericho, laut Plan müsste es hier beginnen, links von der Straße. Ein großes Gebäude, wie eine Schule. Das große blaue Schild der UNWRA, eine Schule der UNWRA-Flüchtlingshilfe. Ich biege die nächste Straße links in das Viertel ein. Eine Siedlung wie jede andere, es sieht nicht nach großer Armut aus. Zwei Halbstarke bemühen sich, ein Mofa ans Laufen zu bringen. Sie bemerken mich nicht, verflixte Maschine, sie springt nicht an. Der eine hat gar keine Schuhe an. Ob ich ihm die mitgebrachten aus meinem Rucksack geben kann? Sie könnten passen, aber fragen? Das Mofa setzt sich schon in Bewegung, ohne Schuhe hinten drauf.

   Die nächste Querstraße scheint eine Verbindungsstraße zu sein. Nach rechts zieht sie sich in die Länge. Links, die Straße voller Kinder, sie kommen von der Schule. Schule aus! Zu zweit, zu dritt, alleine, zu viert, Kinder wie überall. Die ersten überholen mich.

-        What’s your name? - Getuschel um den Sprechenden.

-        How are you?

-        I’m fine, thank you, and you? Sie sehen sich erstaunt an. Freude kommt

auf. Ein Erfolgserlebnis. Es funktioniert, man kann das Gelernte anwenden. Ein Kleiner aus der zweiten Reihe hat jetzt ganz viel Mut geschöpft.

-        What’s your name? - Ein Strahlemann. Die anderen kichern

Ich schlendere weiter. Ein kleiner Laden rechts. Ein Mann tritt heraus.

-        Guten Morgen, darf ich Sie einladen?

Ich zögere. Aber du wolltest mit Menschen sprechen, geh’ hinein.

-        Möchten Sie etwas trinken?

Nein, danke. Fast automatisch. Warum eigentlich nicht, du trinkst zu wenig. Ach ja doch, gerne.

-        Setzen Sie sich, ich heiße Aladin. Aladin rückt mir einen Stuhl in dem engen

kleinen Raum zurecht. Orangensaft?  Er reicht mir ein Tetrapack mit Strohhalm.

-        Woher kommen Sie?

-        Aus Alemania. Aladin kennt ein paar Städte mit Namen. Er ist aus Jordanien,

dort hat er gewohnt. Er ist vor zwei Jahren hier rüber gekommen. Seine Familie ist auf der ganzen Welt zerstreut.

-        Mein Großvater ist aus Ramle.

-        Aus Ramle?  Ich habe einen Freund aus Ramle.

Schulkinder kommen in den Laden, kaufen Süßigkeiten. Wie überall. Es kommen noch mehr, Aladin muss sie bedienen. Ich halte noch mein Getränk in Händen.

-        Wenn Sie noch 15 Minuten Zeit haben, essen Sie mit uns. Meine Frau bereitet

das Essen gerade vor.

   Sie kommt herein, reicht mir die Hand. Jadija. Sie holt noch einen zweiten Stuhl und setzt sich neben mich. Jadija ist Lehrerin, Englischlehrerin, wie ich. Wie lernen die Kinder hier, lernen sie gerne? Lesen sie gerne Bücher?  Bei uns lesen die Kinder nicht mehr gerne.

-        Bei uns lesen die Kinder sehr gerne. Die Bücher sind ihre einzige

Beschäftigung. Was sollen sie sonst machen?

Und ob ich auch Kinder habe. Ich erzähle Jadija, dass eine Tochter Polizistin ist.

-        Aladin ist auch Polizist. Aber es ist da was passiert, was er psychisch nicht

verkraftet hat. Deswegen macht er das hier. Ich sehe zu Aladin hinüber. Er ist beschäftigt. Sie sollte mir die Geschichte jetzt nicht erzählen. Ich suche nach einem Thema. um das Gespräch zum Abschluss zu bringen. Ich möchte nicht zum Essen bleiben. Das nächste Mal.

-        Sie sind immer unser Gast, wenn Sie in Jericho sind.

   Die gleiche lang hingezogene Straße entlang. Die Häuser sehen ärmlich aus. Manche haben keine Türe, Löcher statt Fenster. Fast um jedes Haus herum Kinder. Wenn sie mich erblicken, kommen sie zur Straße gelaufen, gefolgt von der Mutter, der Tante, der großen Schwester, Cousins und Cousinen. Sie laden mich ein, zum Tee. Sie wollen dir etwas geben, sie wollen von dir nichts nehmen. Es war vielleicht dumm, die Sachen mitzuschleppen. Aber wie sie loswerden, ohne zu beschämen? Ich werde mich zu einer kleinen Rast auf die Mauer setzen und das Päckchen, mit Süßigkeiten geschmückt, einfach liegen lassen. Im Schatten, die Sonne wird die Schokolade schmelzen.

-        Guten Tag, kommen Sie mit uns Tee trinken.

Zwei Frauen, fünf Kinder; oder sechs oder sieben. Die Süßigkeiten sind schnell verteilt,  die Klamotten wieder in den Rucksack. Die Frau hat ein Baby auf dem Arm. Drei Monate?

-        Zehn, er ist zehn, ja er ist sehr klein.

Ich folge ihnen zu ihrem Haus. Wir setzen uns ins Gras. Das Baby liegt in der prallen Sonne, es wimmert. Ich stelle den Rucksack vor sein Gesicht, damit es Schatten hat. Die Fliegen sind lästig. Fliegen an seinen Augen, Fliegen am Tee, der stark gesüßt ist. Das Baby heißt Mahmud. Der Schädel ist überproportional groß. Hydrocephalus? Er hat hübsche Locken. Er jammert, hat er Hunger?

Die Mutter sagt etwas, das ich nicht verstehe und geht hinein. Vielleicht holt sie aus der Küche etwas für ihr Baby. Eine weitere Frau gesellt sich zu uns. Sie ist aus Beersheva.. Sie erzählt eine traurige Geschichte, kurz, sie raucht, sie lacht, es ist ein bitteres Lachen.

   Die Mutter kommt mit dem Fläschchen zurück, gibt es dem Kind in die Hände und setzt sich wieder zu uns ins Gras. Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Frauen werden mir erklärt. Männer -  Brüder, ah, die Schwägerin. Mutter da, im Schatten, gelähmt. Ich sollte besser arabisch lernen.

    Das Baby jammert wieder. Die Mutter packt es mit der Linken am Nacken, im Welpengriff. Irgendetwas stimmt in der Beziehung nicht. Hat sie noch mehr Kinder? Die Mädchen, sind von der Schwägerin. Der Junge, Mahmud, er ist zweieinhalb. Er ist emsig mit einem kleinen Hocker beschäftigt. Er scheint geistig behindert, so würden wir sagen, vielleicht. Er heißt Nasser. Die Mutter heißt Mouna. Sie zeigt auf das Baby.

-        Nimm du.

Ich nehme das Baby auf den Arm. Federleicht.

-        Nimm mit nach Deutschland. Nimm die Kinder mit nach Deutschland.

Mouna ist überfordert. Wie kann ich ihr helfen? Das Babyhospital in Bethlehem fällt mir ein. Aber Mouna war mit den Kindern schon dort. Sie hat Unterlagen, sie holt die Papiere. Ich notiere die Daten, man kann vielleicht nachfragen, ob sich helfen lässt. Das wird sie jetzt nicht trösten. Aber ein Foto, wir machen ein Foto, ich werde die Kinder in Deutschland zeigen. Das gefällt ihr.

   Es wird Zeit zu gehen. Der Rucksack, die Sachen hab ich immer noch. Sie irgendwo abzusetzen hat keinen Sinn. Du würdest sofort wieder zum Tee eingeladen. Unten an der Hauptstraße scheint  eine Bank zu sein, so etwas wie eine Haltestelle. Niemand wartet auf den Bus, niemand sieht mich. Mein Päckchen habe ich aus Versehen hier gelassen. Nach einigen hundert Metern sehe ich mich um, weg, es ist nicht mehr da.

-        Hello, come here. What’s your name? - Jugendliche Stimmen aus einem

Garten. Ich überhöre sie, gehe schneller. Ich will nach Hause jetzt, inkognito. Ich bin wieder ganz Europäerin.

 

Das Flüchtlingslager Ejn Sultan ist eines von 59 Lagern, in denen mehr als 1,3 Millionen Palästinenser leben. In Jericho gibt es zwei Lager mit fast 9000 Bewohnern. Fast jede palästinensische Stadt hat ein Lager als Vorort. Nach 1948 bestanden diese Lage aus Zelten und Lehmhütten, heute sind sie größtenteils durch mehr oder weniger schlechte Bebauung ersetzt worden. 1964 lebten in Jericho 13.000 Einwohner und 57.000 in den Lagern ringsum. Im Junikrieg von 1967 flohen viele von ihnen ein zweites Mal.

     Nach dem Osloer Abkommen fielen auch die Flüchtlingslager den verschiedenen politischen Zonen zu. Die Lager um Jericho gehören der Zone A an, der Palästinensischen Autonomiebehörde (B: unter israelischer Militärverwaltung, C: unter israelischer Verwaltung). Ein Wahlrecht genießen die Flüchtlinge nicht.

      Am 13.11. 2001 rückten israelische Panzer und Planierraupen in Jericho ein. Soldaten durchsuchten das Flüchtlingslager „nach Terroristen“. Nach Aussage des in Jericho wohnenden Chef-Unterhändlers Erekat gingen dem Einmarsch keine Provokationen voran.

     Die Flüchtlinge werden von der UNWRA, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen versorgt. Sie unterstützt Fortbildungsprogramme, Rehabilitationszentren und Jugendprogramme. Vor allem unterhält sie Schulen und Kindergärten. Die durchschnittliche Schülerzahl beträgt 50 pro Klasse. Aufgrund der Raumknappheit wird in Schichten, mal vormittags, mal nachmittags unterrichtet. Viele Schulen weisen Zerstörungen durch israelisches Militär nach 2000 auf.

     Auch auf dem Gesundheitssektor liegt eine Unterversorgung vor. Viele Ärzte sind ausgewandert. Die durchschnittliche Besucherzahl von Patienten beträgt 89 pro Arzt.

     Das Babyhospital in Bethlehem ist für Tausende von erkrankten Kindern aus Bethlehem, Hebron, Jericho, den Flüchtlingslagern und Beduinendörfern die erste, oft einzige Anlaufstelle. Es ist das einzige Kinderkrankenhaus im Westjordanland und im Gazastreifen. In den palästinensischen Gebieten leben 500.000 Kinder unter vier Jahren, deren Alltag von Armut und Gewalt geprägt ist. Das Babyhospital in Bethlehem behandelt alle Kinder, ohne nach Herkunft, Religion oder Geld der Eltern zu fragen.

     Die Initiative zur Gründung ging 1952 durch den Pater Ernst Schnydrig aus. Mit der Arbeit wurde in einem einfachen Raum begonnen, denen weitere hinzugefügt wurden, bis 1963 die Kinderhilfe Bethlehem von den Caritasverbänden Deutschlands und der Schweiz gegründet wurde. Der Verein mit Sitz in Luzern ist heute Trägerin.

 

 Namen

Jerusalem, Januar, 2008

 

What’s your name?

Schmot ist das erste Buch der Bibel. Namen. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. My name is... In meinem Herkunftsort gab es viele Juden mit meinem Namen. Sie mussten sich Sarah nennen, aber ihren Namen haben sie nicht geändert. Mirjam, sie nennen sie Maria. Ich will das Mädchen Mirjam kennen lernen. Hier, wo sie verehrt wird, muss es etwas geben über sie. Was ist passiert als sie 14 war, wer waren ihre Eltern?

   Es gibt eine Bibliothek auf dem Zionsberg. Ich bin angemeldet. Bruder Johannes empfängt mich.

-        Ich möchte das Leben der jungen Mirjam studieren. Ich bin sicher, hier etwas

zu finden.

-        Sie meinen, die Mirjam von Bethania?

-        Nein, nein, Mirjam, die Mutter Jesu.

-        Unsere Mutter Gottes??

-        Ja, Ihre Mutter Gottes, meine Mirjam.

Johannes führt mich die Treppe hinab. Die Bibliothek befindet sich direkt neben den Toiletten. Die Weisheit neben der Spülung. Vanitas vanitatum. Kohelet

-        Aus Platzmangel, meint Bruder Johannes. Um 12 schließt er wieder ab.

Mir bleiben drei Stunden. Ich werde schnell fündig. Gleich auf der ersten Seite,  Maria war eine Tochter aus dem angesehensten Adelsgeschlecht. Mirjam, wie die Schwester Moses, ein ägyptischer Name, vermutlich. Ein Touristengrüppchen auf dem Klo. Spanier? Italiener.  Der Zimmermann ist also erst später hinzugefügt worden ...

    Punkt 12 verlasse ich das Gebäude. Richtung Jüdisches Viertel, zu meinem Stammcafé,  mit Sonnenterasse und Blick auf den Ölberg; unter der Terrasse kleine Läden, Touristen und fromme Juden in Richtung Klagemauer. Hinter dem Kaffeeautomat mein Kellner, ist er ein Kellner? der Besitzer?

-        Na, ich hab’ Sie lange nicht gesehen!

-        Sie kennen mich?!

-        Sie sind doch öfters hier.

Stimmt, das erste Mal an Heines Geburtstag, als wir ihn in Jerusalem feierten. Unsere Blicke, wir wollen mehr voneinander wissen. Ich kenne seinen Namen nicht und er nicht meinen. Wir wagen nicht zu fragen.

   Zurück nehme ich den kürzesten Weg zum Damaskustor, eilig durch den engen Suk. Den gehen auch orthodoxe Juden, aus Mea Shearim. Sie reden nicht miteinander, bleiben nirgendwo stehen.

      -  Kimm schnell - fordert die Mutter von ihrer Tochter, sie sieht sie nicht an. Sieht nur geradeaus, schnell heraus hier, aus der fremden Welt, der unreinen. Ich folge ihnen. Dem Vater, hoch gewachsen in seinem schwarzen Kaftan. Aus der Pelzmütze fallen die glänzenden Schläfenlocken. Ein modern gekleideter arabisch aussehender Mann kommt ihm entgegen. Sie sind auf Schulterhöhe, nebeneinander. Ich halte sie fest in meinem Bild. Auch den Mann dahinten mit dem Palästinensertuch; die alte Frau mit den Krücken; die beiden olivgrünen Soldaten. Was sie wohl sagen würden, die Soldaten, wenn ich sie anspräche, wie gestern den palästinensischen Kollegen in Jericho? Mein Name? Steht im Pass.

    Die Abendmahlzeit ist unterhaltsam. Und wo waren Sie heute? Wie gefällt Ihnen ... Die Frau mir gegenüber am Tisch mit dem süddeutschen Akzent ist auch Lehrerin. Wir kennen uns jetzt schon einige Tage, wir kennen unsere politischen Ansichten, die gelesene Literatur, die Größe der Familie ... aber unsere Namen kennen wir nicht.

         

Geografisch bezeichnet Zion ursprünglich die Anhöhe des Tempelberges, heute, vor allem durch den Einfluss christlicher Traditionen, den Hügel westlich der Altstadtmauern (Dormitio). Symbolisch steht Zion für Jerusalem und Israel, oft in liturgischen Texten und religiöser Poesie (Tochter Zion).

     Auf Zion geht die Bewegung des Zionismus zurück, eine ursprünglich und im weiteren Sinne eine messianisch-eschatologische Orientierung am Land als dem „Heiligen Land“ und dem Land der Väter. Durch die Zionistische Weltbewegung und Weltorganisation, die Theodor Herzl begründete, gewann die politische Komponente mehr an Bedeutung. Der Flügel der „Kulturzionisten“, die der Einrichtung eines geistig-kulturellen Zentrums den Vorrang gaben und einen politisch- wirtschaftlichen Kompromiss mit den Arabern empfahlen (M. Buber u.a.), blieben gegenüber den nationalen Kräften in der Minderheit. Der revisionistische Zionismus, der eine politische und militärische Verfolgung seiner Ziele vorsah, bei Staatsgründung ebenfalls in der Minderheit, gewann mit der Wahl Menahum Begins die Oberhand.

     Har Zion, der Berg Zion, wird architektonisch von der Hagia Maria Sion, der Dormitio Abtei bestimmt, in der seit 1906 Benediktinermönche leben. Offenheit auch anderen Religionen gegenüber kennzeichnet das Ambiente des Klosters, das sich im Spannungsfeld der Demarkationslinie zwischen den Juden im Westen und den Muslimen im Osten befindet. In den Kriegen von 1948 und 1967 lag die Abtei zwischen den jüdisch-arabischen Schusslinien. Das heute weiter ausgebaute jüdische Viertel liegt im palästinensischen Teil des Landes.

     Auch in Kriegszeiten bewahren die Mönche ihre Neutralität im Niemandsland und genießen bis heute das Vertrauen der verfeindeten Parteien. Heute fördern sie Begegnungen („denn nur dann, wenn wir einander ansehen und zuhören, können wir die Wunden des anderen erkennen)“. Für diesen Zweck ist der Bau einer Friedensakademie geplant.

     Vom Berg Zion aus überblickt man das Viertel Mischkenot Scheananim, in dem seit 2001 die Heinrich-Heine-Straße liegt.

Untergänge

Checkpoint Erez, Januar, 2008

 

Eres, die Zeder, nicht Erets. Ich sitze im Bus nach Aschkelon, der alten Philisterstadt. Damals soll es hier noch Zedern gegeben haben. Sieht heute nicht danach aus, auf dieser vielbefahrenen Schnellstraße nach Aschkelon, Sderot, Beerscheva. Der Bus biegt rechts nach Aschkelon ein, ich  muss gerade aus weiter, steige aus. Der Bus nach Sderot dürfte noch nicht vorbei sein. Ich müsste in Yad Mordechai aussteigen, dort wird es eine Haltestelle geben, und dann irgendwie zum Checkpoint. Ein Soldat versucht zu trampen. Ein Auto hält, ich laufe hin.

-        Nehmen Sie mich mit bis Yad Mordechai?

Der Fahrer nickt. Der Soldat sitzt vorne, ich setze mich hinten rein. Wir jagen über die Schnellstraße, niemand redet. Yad Mordechai. Die Hauptstraße biegt nach links ab, geradeaus, Gaza. Der Fahrer fährt rechts ran, ich bedanke mich, steige aus. Erez Checkpoint 4 km. Eine kleine Wanderung. Die Sonne scheint angenehm warm, eine ruhige kleine Straße. Vielleicht lässt sich doch ein Auto anhalten. Der Fahrer sieht nicht zu mir, fährt vorbei

Es kommen schon noch mehr, zum Kibbuz, zum Checkpoint Personal, Journalisten vielleicht. Gelegentlich. Sie halten nicht, sie sehen nur geradeaus. Sie werden Angst haben, sie leben mit der Angst.

   Trampen lohnt nicht mehr, das sieht nach Grenze aus, das Ende der Straße; die Mauer, oder mehrere Mauern, eine Mischung aus Mauern, Gebäuden, Lampen; riesigen Lampen, einem Park an hohen Lampen, Stacheldraht. Vor der Mauer, bellende Hunde, alle zwei Meter ein wildes Tier, einzeln, hinter Maschendraht, Gott sei Dank. Brüllende gefährliche Feinde. Und die große weiße Begrüßungstafel,  mit blauer Schrift: Willkommen am Checkpoint Eres. Wie nett.

   Ein Straßenschild: Zum Checkpoint. Die Straße biegt nach links, ich folge ihr, das Gebell nimmt ab. Die Straße mündet in einen Platz, ein großer Parkplatz, drei Taxis, eine Haltestelle mit einer Bank. Ein bewachter Eingang unterbricht den Zaun: ein Kontrollposten, ein Schlagbaum, zwei Soldaten. Eine bunte Großfamilie belebt das eintönige Grau. Buntes Gepäck an der Bordsteinkante, auf der Straße; alte Koffer, Plastiktaschen, rotkarierte große Taschen, Kissen, Decken, Kinder, Oma, Onkel, Tanten; ein Auf und Ab und Hin und Her. Sie sind aus Ramallah gekommen, heute früh, sie wollen nach Gaza, sie sind aus Gaza.

   Sie werden nicht reinkommen. Mich wird er auch nicht durchlassen, hinter den Zaun, in das freie Gelände, das zu der großen Halle führt. Wie mag es dort aussehen? Vor einigen Wochen voller Menschen, Fatahleute suchten Schutz in der Halle. Und dahinter? Ich höre in der Ferne den Muezzin rufen, Gaza ist so nah.

   Ich zeige dem jungen Wachtposten meinen Pass, ob ich in die Halle gehen darf. Er ist freundlich.

-        Ich werde es versuchen, wir werden es prüfen, aber ich glaube nicht.

Er gibt die Personalien durch ein Sprechgerät. Ich werde von der Seite angesprochen, ein Mädchen der Gazafamilie. Ob ich etwas zu essen hätte, oder Geld. Wasser, Wasser, ruft die alte Frau, der Mann, zu wem? Agalah, ein Wagen, ruft die Junge Frau, zu dem Kontrollbeamten, zu den Soldaten? Sie meint vielleicht den Rollstuhl. Er steht hinter dem Soldaten, hinter dem Maschendrahtzaun.

-        Miss?! Der junge Beamte ruft mit meinem Pass.

-        Es geht leider nicht. - Schade,  dann werde ich jetzt nach Aschkelon gehen.

-        Nach Aschkelon? Ich bin aus Aschkelon. In seinen Augen blitzt etwas

Jungenhaftes auf. Jetzt kannst du mit dem Jungen reden. Es tut ihm Leid, die Absage, er würde es gerne anders machen.

-        Und diese Familie, wie lange wartet sie schon?

-        Mehr als sechs Stunden. Ich  habe ihnen schon  mehrmals gesagt, dass sie

gehen sollen, aber sie gehen nicht.

    Ich schweige. Zu lange; mein Gesprächspartner erkennt, dass er zu weit gegangen ist. Sein Blick wird unruhig. Er will mich jetzt gerne loswerden, er kann nichts tun, schalom, lehitraot.

   Den Posten oben auf der Mauer habe ich auf dem Hinweg gar nicht bemerkt. Zwei Soldaten, einer öffnet das Fenster.

-        Wohin, Geveret?

-        Jetzt? Nach Aschkelon. Das Fenster schließt sich wieder. Vorbei an den

Hunden. Das musst du filmen, der wilde Chor empfängt mich schon.

 Eine Stimme ruft von der Straße. Ein Jeep.

-        Es ist hier verboten zu filmen.

-        Warum?  Ich halte den Finger weiter auf den Auflöser gedrückt.

-        Es ist verbooten!

-        Aber wo steht das denn?  - Wie mag sich unser Gespräch mit dem wilden

Hundegebell anhören? Der Soldat weist mit dem Finger auf ein kleines Schild an der Mauer. Er wird Recht haben, ich entschuldige mich. Aber wer kann das denn auf dieser Entfernung lesen. Niemand geht hier näher ran, bei den Bestien. Vielleicht fotografiert auch niemand. An der Mauer von Bilin ist ein Kameramann erschossen worden. Seine Kamera hielt man für eine Waffe.

    Zurück wird es mir nicht anders gehen. Vier Kilometer zu Fuß. Aber das Auto hält. Eine Frau mit großer dunkler Brille. Ob sie mich mitnimmt bis Aschkelon.

-        Klar, steig ein. Du warst gestern auch bei Schoscha.

Schoscha? Hier muss eine Verwechslung vorliegen, die dunkle Brille. Aber rauswerfen kann sie mich jetzt schlecht. Lehrerin? Ich bin auch Lehrerin. Im Moschav? Ich war auch mal im Moschav. Das Vertrauen nimmt zu, die Angst lässt nach.

   Esther lebt mit ihren Kindern im Moschav nahe bei der Mauer. Kommt hier auch schon mal was rübergeflogen?

-        Oft. Wir leben in ständiger Angst. Ich kann die Kinder nicht mehr alleine

lassen, sie haben Angst. Und dann diese Schuldgefühle, diese Angst, wenn was passiert.

-        Was ist passiert bisher, gab es Tote, Verletzte, wir hören immer nur von

Sderot.

-        Sderot ist eine Stadt, wir leben nur auf dem Land, kleine casualties. Einer ist

von einer Granate getroffen worden, tödlich. Und dann diese tödliche Angst.

   Ich spüre sie. Aber was weiß sie von jenseits der Mauer, von den Menschen, von ihrer Angst, ihrer Armut? Sie kennt nur die Siedlungen um Gaza.

-        Sie hatten schöne große Häuser. Sie waren reich und glücklich.

Die Angst hält sie fest. Argumentieren hat keinen Sinn.

-        Wie siehst du die Zukunft, Esther, was muss getan werden?

-        Sie sind so anders. Sie haben keine Demokratie. Sie praktizieren Lynchjustiz.

Weißt du, was in Schfar’am passiert ist?

Ich habe an Schfar’am eine angenehme Erinnerung. Der arabische Waldorfkindergarten, zu Ramadan, die gebastelten Monde, Sterne. Sandkuchen backen, wie überall. Der Gast muss ihn essen, wie überall. Und die vielen Tiere, Stofftiere. Alle wurden mit Namen benannt. Eine kostenlose Stunde in Arabisch. Alles brachten sie mir, jede Puppe, jedes Klötzchen, jedes Stöckchen. Das muss ein großes Aufräumen gewesen sein nach meinem Weggang.

-        Was würdest du machen, wenn du Ehud Olmert wärst? Wie würdest du die

Zukunft gestalten?

Esther weicht mir wieder aus. Merkt sie es? Wir haben die Kreuzung nach Aschkelon erreicht.

-        Wir müssen das Gespräch unbedingt fortsetzen.

Sie gibt mir ihre Mailadresse. Wir werden uns schreiben. Vielleicht werde ich sie besuchen. Im Moschav. Es könnte schön sein, wieder im Moschav zu arbeiten. Hebräisch sprechen. Eine gefährliche Sprachübung, hier.

   Ich könnte auf den Bus warten, der runter ins Stadtzentrum fährt. Oder hitch-hiken, wie in alten israelischen Zeiten, da wartete man nicht lange. Und da hält schon jemand. Ein bisschen Konversation, kleine linguistische Erfolgserlebnisse, wie die Schulmädchen von Jericho. Bis zum Strand zieht’s sich noch eine Weile hin, zu Fuß. Endlich das Meer, nur Meer, Sonne und Wind. Ein Strandgänger mit Zeitung unter dem Arm geklemmt, ein kleines Schwätzchen. Schwimmen? Nur im Hotel. Sieht nicht arm aus, Amerikaner. Ein älteres Pärchen winkt mit der Kamera. Orthodoxes Outfit, sie sprechen Englisch. Aber gerne mach ich ein Foto. Sie waren früher oft hier, ja, ja, Aschkelon hat sich verändert, ja, ja. Den großen Schornstein vom Hafen Zims gibt es immer noch. Dahinter liegt Gaza. Das ist neu, in meinem Bewusstsein.

   Es ist wirklich zu kalt heute zum Baden. Ich buddele mir ein schönes Bett aus Sand, leg mich hinein zum Träumen, schließe die Augen und höre. Die kräftigen Reibegeräusche der Muscheln knabbern sich bis an meine Füße, das Meer holt sie seufzend wieder zurück, und bringt und nimmt, und kommt und geht.

   Vielleicht bin ich eingeschlafen. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Ich schlendere am Strand entlang, Richtung Gaza. Schiele in die Sonne, sie scheint noch kräftig hoch, laut Uhrzeit müsste sie bald untergehen. Aschdod glänzt noch in der Sonne, nach Gaza hin wird es schon dunkler. Die Konturen der Hafenschornsteine werden schärfer, in Gaza Häuser, hohe Häuser.

Ich gehe den Dünenhügel hinauf, zum Nationalpark, ganz an den Rand der Düne. Immer noch ist die Sonne stark, aber nicht mehr lange. Wie damals, auf dem Pyramidentempel in Yucatan. Niemand sprach, wie ausgemacht. Ein langes geduldiges fast heiliges Schweigen. Die Sonne ist jetzt ein orangeglühender Ball. Ein flaches Stück ist versunken. Ein halber Ball. Eine flache orangebraune Scheibe ist übriggeblieben, in einer Minute, von dem Himmelsfeuer, das eben noch kraftvoll, zeitlos schien. und dann ist es vorbei und du atmest ein und eine hundertstel Sekunde später atmet der Wald sein Leben ein und lässt sein lebendiges Orchester bunt und stark und polyphon erklingen. Du hörst. Du lebst.

 

Gaza und seine Umgebung sind durch die Bibel (Richter) als Land der Philister bekannt. Durch seine geografische Lage zwischen den Kontinenten, als wirtschaftliche Synapse, wurde Gaza zum Objekt der Begierde für unzählige Machthaber.

     Nach Abzug der Briten und der Beendigung des ersten jüdisch-arabischen Krieges wurde der sog. Gazastreifen von Ägypten besetzt, nach dem Junikrieg 1967  von Israel. 1977 zogen die ersten israelischen Siedler ein.

     1994 wurde der Gazastreifen Palästinensisches Autonomiegebiet, sowie Regierungssitz.

Auf die Zweite Intifada reagierte Israel mit drastischen Zerstörungen der Infrastruktur.

     Nach den Beschlüssen der „Roadmap“ begann Israel mit dem Rückzug des Militärs und setzte 2005 mit einem unilateralen Beschluss der jüdischen Besiedlung ein Ende. Durch eine Überwachung an allen Landesgrenzen des Streifens, sowie der Lufthoheit, behielt Israel aber weiter die Kontrolle über den Landstrich. Durch geografische Zersplitterung, Grenzschließungen, Gefangennahmen und gezielten Tötungen von Politikern wird eine Regierungsfähigkeit der Palästinensischen Autonomie unmöglich gemacht.

     Seit den Kommunalwahlen 2005 ist die Hamas stärkste politische Partei im Gazastreifen.

Nach der Entführung eines israelischen Soldaten durch militante Hamasanhänger reagierte Israel mit Bombardierungen, die Menschenleben der zivilen Bevölkerung nicht verschonte. Im Schatten des Libanonkrieges konnte die Bevölkerung von Gaza auf wenig Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft hoffen, die sie zudem durch die Nicht-Anerkennung der demokratisch gewählten Hamas-Regierung mit einem Boykott abstrafte.

     Das Wahlergebnis verstärkte auch Feindseligkeiten zwischen den beiden großen politischen Parteien Fatah und Hamas. Nach dem Angebot eines großzügigen Geld- und Waffenangebots an die Fatah durch die USA übernahm die Hamas nach einem militanten Putsch mit bürgerkriegsähnlichen Auswirkungen die militärische und administrative Führung im Gazastreifen. Daraufhin riegelte die israelische Regierung alle Grenzübergänge konsequent ab. Nur eine beschränkte Wareneinfuhr über UN- Hilfslieferungen wurde gestattet. Diese wurden bis zu Beginn des Jahres 2008 immer mehr eingeschränkt, nur das Nötigste wurde durchgelassen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern.  Mit der Restriktion versuchte die israelische Regierung nach ihrer eigenen Aussage die Einstellung des Quassam-Beschusses auf Sderot und umliegende Wohngebiete zu erzwingen.

     Laut UNO-Bericht starben durch gewaltsame Auseinandersetzungen im Januar 108 Palästinenser und drei Israelis. Im Laufe des Jahres 2007 wurden 370 Palästinenser von der israelischen Armee getötet und 850 verletzt. Todesopfer durch gesundheitliche Unterversorgung infolge des Öl- und Elektrizitätsboykotts sind nicht mitgerechnet.

     2007 schlug die Führung der Hamas der israelischen Regierung wiederholt Gespräche für ein Waffenstillstandsabkommen vor.  Nach einer  Meinungsumfrage (2007, Haaretz) sprechen sich 57 % aller Israelis für Gespräche mit Hamas aus.

     Am 26.1.2008 machten sich über tausend Israelis mit Lastwagen, Bussen, Privatwagen, beladen mit Lebensmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern in einem Konvoi auf zum Checkpoint Erez. Die Israelische Verteidigungsarmee hielt sie auf.

 

Nachwort

 

Flaggen. So würde ich das Nachwort gerne überschreiben. Ein Nachwort dient der Klärung. Es sollte aufschlüsseln und keine Verschlüsselungen enthalten. Aber eine kleine Geschichte möchte ich noch erzählen. Januar, 2007. Meine Tochter Judith und ich lassen uns von Bethlehem aus mit einem Taxi zum Herodion fahren. Von diesem Hügel aus soll man einen wunderbaren Blick auf  die judäische Umgebung haben. Es stimmt. Eine gebirgige weite Wüstenlandschaft, von der schon etwas tiefer stehenden Sonne in blau-grau-braun getönt, am Horizont das Tote Meer. Und einige Orte ringsum. Tekoa, die israelische Siedlung. Wozu gehört das Herodion eigentlich geografisch politisch, frage ich den Betreuer des Nationalparks (Herodion ist ein Nationalpark). Die vielen braun gelben Flecken auf meiner israelischen Landkarte, die für bestimmte Zonen, stehen verwirren mich, in Zone A, in B, in C ... in D? „Sehen Sie die Flagge dort? Was ist das für eine Flagge?“ - Die israelische. - „Na, also“. - Na also, so einfach ist das. Du stellst deine Flagge auf und schon ist es dein. Deines ist dein, und meines ist auch dein, sagten die Väter.[1] Als wir an einem der nächsten Tage durch die Straßen Tel Avivs gingen, nach einem Regentag, fanden wir eine kleine israelische Flagge in der Pfütze am Straßenrand liegen. -  Die nehmen wir mit. Wir waschen sie zu Hause und stellen sie in unserem Garten auf, der heißt dann Israel. Stell dir vor, wir wohnen dann in Israel – so einfach ist das.

    Das Bild einer anderen israelischen Flagge fällt mir ein, einer viel größeren, gehalten von mehreren Frauen, Friedensfrauen aus Israel. Sie demonstrieren mit ihr am Straßenrand. Die Flagge hat einen scheußlich roten Blutfleck. Man möchte gar nicht hinsehen; denn es sticht, es verletzt. Aber man muss hinsehen. Der Fleck ist nur zu entfernen, wenn man ihn reinwäscht. Das ist harte Arbeit, das geht nicht machine-washed, das heißt, wir können diese Arbeit nicht unseren Politikern überlassen. Hierzu bedarf es vieler Mitarbeiter an der Basis. Und ob sie jemals wieder ganz sauber wird?

   Das ist nicht die entscheidende Frage. Jüdische Ethik verlangt keinen Reinheitsgrad. Biblische Geschichten stecken voller Fehler und Irrtümer, aus denen man lernen kann. Entscheidend sind die Ent-schlüsse, die aus der Fehlererkenntnis gezogen werden. Ein Ausspruch Rabbi Bunams, vermittelt durch Martin Buber, fällt mir hierzu ein: Die große Schuld des Menschen sind nicht die Fehler, die er begeht,    Die große Schuld des Menschen isst, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann  und nicht tut.[2]

Es sind nicht wenige heute in Israel, die einen Aufruf zur Umkehr in sich spüren. Viele folgen ihm auch. Groß ist die Zahl der Friedensaktivisten, der Organisationen wie der Einzelkämpfer, der Demonstranten, der Publizisten, der Entschuldigungen, der Besuche, des Hinsehens. Aber es gibt noch sehr viele Israelis (neben den dogmatischen), deren psychologischer Zustand eine jüdische Geschichte illustriert: Ein Jude fährt mit dem Zug. Bei jeder Station steckt er den Kopf aus dem Fenster, liest den Namen des Ortes und stöhnt. Nach vier oder fünf Stationen fragt ihn ein Mitreisender, warum er so jammere. Der Jude antwortet ihm: „Ich fahre ja dauernd in der falschen Richtung.“ Viele Israelis haben dieses Gefühl, wagen aber nicht, in eine andere Bahn umzusteigen. Der Mann,  der diese Geschichte in einer deutschen Zeitschrift erzählt,[3] war einer der prominentesten Führer des Zionismus, verantwortlich für das Zustandekommen des Wiedergutmachungsabkommens zwischen Adenauer und Ben Gurion. Ihm verdankt Israel einen Großteil seiner Infrastruktur: Nahum Goldmann. Auf der gleichen Seite der Zeitschrift warnt Goldmann vor der dauernden Schwächung „der moralischen Front, die stets Israels stärkste Kraftquelle war“.  Aber Warner werden von politischen Mächten nicht gerne gehört. In den Augen Goldmanns ist die politische Macht Israels eine Macht der Schwachen, wie sie Völker erwerben, „die nach Jahrhunderten der Ohnmacht plötzlich Macht gewinnen, ein gefährliches Element“ (ibid). Die Zukunft Israels hängt davon ab, ob es lernen kann, sich das Machtgefühl der Mächtigen anzueignen. „Nur diese Macht ist imstande, Kompromisse zu machen, Konzessionen zu bewilligen, den Gegner zu verstehen und ihn als Gleichberechtigten zu behandeln“. Und weiter mahnt Goldstein, dessen Worte nach fast 30 Jahren aktueller sind denn je (ibid):

           

 Wenn sich der Staat Israel weiterhin in erster Reihe auf Sicherheit, militärischer Macht  und Überlegenheit konzentriert, statt das neue Machtgefühl zu erwerben, wird es ihm unmöglich sein, einen wahren Frieden mit der arabischen Welt zu erreichen –  der nicht nur formell, sondern  vor allem psychologisch sein muss -, und es wird mehr  und mehr auf den abschüssigen Weg gestoßen, auf dem es sich befindet und der zum Abgrund führen muss.

 

   Warum ist diese Umkehr so schwer? Weil sich dem Erwägenden etwas entgegenstellt, das ihn behindert, ihn hemmt, und diese Behinderung heißt Angst. Es ist die über Jahrhunderte schon genetisch festgelegte Angst, die durch die jüngste Zeitgeschichte, den Holocaust , jederzeit auftritt ist und sich nicht selten vernünftigen Entscheidungen in den Weg stellt. Die unmoralische und oft menschenverachtende Behandlung der Palästinenser liegt im Leiden unseres Volkes begründet, schreibt der israelische Holocaustforscher und Betreuer von Holocaust überlebenden, Dan Bar-On an einen palästinensischen Freund.

 

 Der Holocaust machte unsere Augen blind, verschloss unsere Herzen, machte uns taub gegenüber eurem Leiden, und er tut es bis heute.  Der Holocaust ließ die Gefühle, das Mitgefühl vieler Israelis absterben. Angst, und die Illusion, dass man diesen Mangel mit demonstrativer Stärke ersetzen  könne, führte dazu, dass wir immer radikaler wurden und wir übersahen, dass es bessere Lösungsmöglichkeiten gab und noch immer gibt.[4]

 

   Wird Israel seine Nationalflagge, gereinigt oder auch nicht, auch in Zukunft  hissen können?

   Nicht wenige Israelis realisieren die Gefahr einer Vernichtung des Staates, einer Vernichtung, die nicht von außen, durch eine arabische Bedrohung kommt, sondern einer Vernichtung, die aus eigenen inneren Lager kommt, ein amoralischer Bazillus, der sich verbreitet und den Staat zersetzen kann. Manche sprechen bereits vom Untergang des Staates. Es fehle ihm die Seele, sagt Avram Burg, „Israel besteht nur noch aus Körper, vielleicht Reste von Seele. Geistig sind wir doch schon tot.“[5] Für Burg gibt es keine Ganzheit von Körper und Geist im israelischen Staat, anders im Judentum. In der jüdischen Geschichte „ist die geistige Existenz immerwährend, die politische temporär.

   Ähnliches lässt Sami Michael in seiner Erzählung Sturm in den Palmen.[6] seinem Protagonisten durch dessen Großvater sagen:

           

Großvater, sie schärfen ihr Schwert, um uns zu vernichten!

Du vernimmst Lügen aus dem Radio und aus den Zeitungen. Der Großvater schlägt wütend mit der Faust auf dem Tisch. Sie streiten sich eine Weile, dann fragt der

Großvater,

-        Weißt du, wie alt ich bin?

-        Nahezu 70 – antwortete Nuri.

-        Da irrst du sehr, Nuri, ich bin tausend. Und weißt du, wie oft sie schon drohten, mich zu vernichten?

 

Die verständliche Angst des Individuums vor Vernichtung ist in der Geschichte enthalten. Es steckt in ihr aber auch, der Großvater betont es,  das Überleben des ethisch geistigen Gehalts des jüdischen Individuums. Ein Gehalt, den die Angst verbergen, doch niemals vernichten kann.

   Manche Denker, Theologen, Juden wie Nichtjuden sehen diesen Gehalt auch mit einer speziellen Botschaft des Judentums verbunden.  In seinem Aufsatz „Das jüdische Verhältnis zu Deutschland“ schreibt Hermann Levin Goldschmidt: Die von dem jüdischen dem deutschen Volk gegenüber und weiter zu bewährende Bejahung legt in dem beschränkten Umkreis dieses Verhältnisses von der weltweiten Wahrheit Zeugnis ab,

 

 dass nicht das Böse, sondern die Liebe das letzte Wort behält, und dass dieses letzte Wort Friede heißt, im Sinn der allen Wesen und dem ganzen All zugesprochenen Botschaft des Judentums.[7]

 

   Der Staat Israel ist aus einer Idee erwachsen, aus einer „Geisteswirklichkeit“, in den Worten Martin Bubers, ein vehementer Befürworter der Verständigung mit den Arabern und Bewahrer eines ethisch fundierten kulturellen Zionismus „Aber es eignet einer solchen Geisteswirklichkeit, dass solang sie lebt, die Geschichte ihr, nicht sie der Geschichte verantwortlich bleibt.“[8] 

   In Verantwortung steckt die Antwort und der Antwort voraus geht das Hören. Das Hören ist eine wichtige Essenz, ein Postulat, der jüdischen Religion. Schma Jisrael! Höre Israel! Andere Völker hatten ihre Seher. Israels Propheten waren Hörende bevor sie sprachen.

   Man muss kein Prophet sein, um Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung kann aus jeder Erfahrung eines Zwischens gewonnen werden, nichts zuletzt aus dem Zwischen-Menschlichen.

   Zwischen den Lichtern trägt die Menora die „dienende“ Kerze. Sie bedarf nicht des Koscher-Zertifikats eines Rabbiners. Jede Person kann dienende Kerze sein, der brennenden Frage in Nahost eine Antwort geben, und sei es eine winzig kleine, Verantwortung übernehmen durch persönliches Mittun. Hat es nicht die dienende Kerze der vorliegenden Geschichte ähnlich gesagt? Sie soll das letzte Wort haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anhang

Rede Uri Avnerys am 26.1.2008 am Checkpoint Erez

 

            Vor drei Tagen fiel hier eine Mauer – so wie die Berliner Mauer fiel, so wie auch die Apartheitsmauer fallen wird, und genauso, wie alle Mauern und Zäune in diesem Land fallen werden.

            Aber die unmenschliche Blockade, die eine und eine halbe Million Menschen in Gaza getroffen hat, - durch unsere Regierung, unsere Armee, in unserem Namen – diese Belagerung besteht weiter in seiner vollen Grausamkeit. Wir, Israelis aus den verschiedensten politischen Lagern, sind gekommen mit notwendigen Gütern, und um der israelischen Öffentlichkeit und der ganzen Welt zu sagen: Wir nehmen nicht teil an dem Verbrechen! Wir schämen uns für die Blockade!

            Unsere Herzen sind bei unseren palästinensischen Brüdern, die in diesem Moment auf der anderen Seite des Sperrwalls demonstrieren: - Verliert nicht den Glauben, dass wir uns eines Tages zusammen an diesem Platz treffen, ohne Zäune, ohne Mauern, ohne Gewalt, ohne Kämpfe. Die Kinder zweier Völker werden nachbarlich zusammen leben, in Frieden, in Freundschaft, in Partnerschaft.

            Unsere Herzen sind bei unseren Brüdern, den Bewohnern von Sderot.

 – Die Kassamgefahr muss aufhören! Sie wird nicht zu stoppen sein durch eine Politik der Vergeltung „Auge um Auge“, nicht um hundert Augen für ein Auge, nicht um tausend Augen für ein Auge - das würde uns nur blind zurücklassen. Aber sie wird vorüber sein, wenn wir mit der anderen Seite sprechen – jawohl, ja, auch mit Hamas! Und wir werden zusammen einen vollständigen und beidseitigen Waffenstillstand kreieren – ohne Kassams, ohne mörderisches militärisches Eindringen, ohne Minenwerfer, ohne gezielte Mordausführungen, ohne Blockade, ohne Hunger.

            Das ist unser Aufruf, das ist unsere Forderung:

Erarbeitetet einen sofortigen Waffenstillstand! Öffnet sofort die Grenzübergänge!

Schließt Frieden mit allen Palästinensern!

SCHLIEßT FRIEDEN!

 

[1] Pirke Avot , „Sprüche der Väter“, v,13 (ein Buch des Talmuds).
[2] Die Erzählungen der Chassidim, S. 755.
[3] Die Zeit, Nr. 29, 11.Juli 1980, S. 14.
[4] unveröffentlicht; vom Verfasser übersetzter Ausschnitt.
[5] Avram Burg in einem Interview anlässl. der Erscheinung seines Buches Defending Hitler. Entnommen aus

http://www.kibush.co.il/show_file.asp?num=20462
[6] entnommen der Serie Gesher LaNoar: Readings in Easy Hebrew, S. 31/34.
[7] Jüdisches Jahr zur Zukunft der Welt. Novalis: 1982, S. 94-95.
[8] Martin Buber, Israel und Palästina. Zur Geschichte einer Idee. dtv: 1968, Vorwort.

Promise to tell what you have seen

In front of me sit the little children in their black and white or red and white checkered scarves, which still struck us as hostile symbols. They wore them under the pressure of fashion. They knew nothing about the tradition of the keffiyeh. A Palestinian scarf? – Never heard of it. The fact that Arafat wore one and thus, it becoming a thing to wear … but who is Arafat? The story of his murder might sooner pique their interest. But I am not about to tell that story today.

My story starts at the time when everyone who wore a keffiyeh in the West was still regarded with suspicion. That time was after the Six Day War, the euphoric time when Israel was popular. Little David, badly weakened by the Holocaust, has just vanquished the mighty Arab Goliath. People empathized with the Israeli soldiers, who, after years of off-limits to them, again stood by the Wailing Wall. And one shared the happy and proud emotions of the Israeli people—the Jewish, obviously. Palestinians were at the time not yet part of the vocabulary. There were Arabs but weren’t they guilty of their own misfortune? And did they not intend to drive the Jews into the sea?

Meeting Trips to Israel were promoted by the state but warnings about the dangers of the general area left young people unconcerned. People knew the story of the Exodus, had read the book, had seen the film and sang Jerushalayim shel sahav. I, too, participated in such trips with the intent to get to know land and people. A Working Circle for International Encounters (German: AIC) had appealed by radio for people to get involved. Such involvements consisted of a one week round trip and two weeks of working on a kibbutz.  I do not know whether participation in this working encounter, which shortly after the arrival in Israel was re-named Working Circle of Intimate Connections (German: AIC), called to mind anything beyond the geographic beauty of the country, the sun and sunburns, the juicy Kibbutz apples. What had we understood and internalized about the intricate Jewish-Arab network of relationships?

My repository of memories is practically empty with the exception of a small segment which had asserted itself and the image of which has strongly emerged in me during the last two years. Final meeting at the kibbutz. The farewell gift to everyone was a book by Theodor Herzl, Old-New Land. Then, “Any questions?" I no longer know the question asked, but I still remember the words the young man added to his question, when he saw himself confronted with protesting faces, "but yes, they have been dispersed", and I still hear and see the vocal protest of the kibbutz inhabitants, "we have indeed seen them leave." Who was right? At the time this was completely clear, the Israeli witnesses of the time were right.

The realization that even witnesses of the time were incapable of looking in all directions simultaneously arrived a few years later, 1978, during the first Israeli invasion of Lebanon. The Israeli television of my host family showed cheering faces in Lebanon, the Israeli army, the liberators. A day later, the evening of my return to Germany, during the news of the day, the same events were shown --- but with other pictures. Instead of euphoria there was force, frustration, revulsion.  It all depends where the camera, the eye leads you.

Although my eyes had become sensitized, based on the awareness of a new perspective, they still saw only one side and focused on the Jewish-Israeli side of things and were totally unmindful of the Palestinian dimension. As compared to Israeli Jews, we had no hesitation about traveling through occupied areas with our old dilapidated Arab bus which looked more like a truck. We felt the embarrassment of the driver, the Arabian passengers, whenever the bus was stopped by the Israeli military, which happened often. That what was right was on our side, and in that frame of consciousness we traveled through Judaea and Samaria.  A moral sense of injustice was limited to our all too brief mini-skirts, but that was all.

When our family became larger, our trips to Israel lessened. Only once did we as a family in 1980 take a trip. In the meantime I was studying Judaism at the university and attended seminars in language and history and concentrated on deepening relationships to Jewry and Israel. And yet, a distancing towards all this was transpiring in me. Something had become different. Dirt and garbage, pornographic pictures and offers to buy them “cheap”, anonymity and emptiness are typical of all large western cities. Here in Tel Aviv they appeared this year as futuristic signs and symbols, and enlarged the receptiveness for the warning texts of religious philosophers. Martin Buber deplored the loss of ethical values within the Zionist movement and urgently called for peace attempts to be initiated with the Arab population.  Warning signs even emerged from the political perspective. Nahum Goldmann, former vice-chairman of the Jewish World Congress attempted to show how close Israel was edging to the abyss of disaster on account of its own moral disintegration in an article he penned in the weekly newspaper Die Zeit.

I do not know why I cut out this article and saved it. In any case, it has survived for 26 years, and when the feeling overcame me that the named abyss had become intolerable, I re-read the article and quote from it. Had this abyss not arrived when the Israeli military declared bankruptcy in morality by the extreme fire and bombardment directed at the Gaza Strip and by the horrific bombing raids in Lebanon?  "Unfortunately we punched in the wrong coordinates", came by way of an excuse by the Israeli spokesman for the unfortunate bombardment at which eight women and ten children perished in the Gaza Strip. "In fact, Israel for a rather long time now has punched in the wrong coordinates. For years on end now the political leadership in the Palestinian conflict is intent on resolving it by force only", is how an ARD radio announcer commented on this incident on the Tel Aviv radio.

But not nearly all German listeners agreed with that scenario. And many, who did agree did not have the courage to speak openly. They feared being stamped as anti-Semitic.  Others, again, such people believed, that in light of the Holocaust experience, they were obligated to express uncritical solidarity with the State of Israel. One would have thought that criticisms from Jewish circles would have found easier access to public media and would have encouraged a reduction in the inhibition barriers of inhibition. Only Rolf Verleger, member of the Central Council, has managed to do so. In an open letter to the chairman of the Central Council he criticized the Israeli military measures against Lebanon and appealed for a peaceful solution for the Palestinian conflict. Many Jewish fellow citizens expressed solidarity with his position in writing. So did I, along with a commentary which was meant for publication. "Just how badly is Israel protected?" The title is in reference to Heinrich Heine’s "Rabbi from Bacharach". Rolf Verleger invited all who had assured him of their solidarity to a meeting in Berlin. Together we formulated a position in which we demanded that the federal government (of Germany) follow the fundamentals of Humanism and People’s Rights regarding its Palestinian policies. As the first Jewish signers of a petitioning letter, we hoped to gather many signatures, which we named after the upcoming Jewish New Year’s Feast Shalom 5767 on which day we intended to submit our collection of signatures. The press showed little interest and so, in spite of some informational rallies, we managed to get only 13,000 signatures. The churches reacted controversially, apathy won the day.  This unsuccessful effort was possibly partially our own fault. Twenty Jews (how many opinions does that amount to?) took too long in the formulation of the letter and the indignation regarding the Lebanese War had dissipated in large segments of the population.

During the preparations for our meeting and under the impression of daily news descending upon the scene, I realized how little attention I had paid to the Palestinian side or dimension of Israel. I had not visited the occupied areas for a long time and I had not visited the core country of Israel since 1997; explicitly I had visited Jerusalem (which also does not quite represent the core area). Here Heine’s birthday was celebrated, for the first time in Israel, and I wanted to participate in this celebration. The many successful events were all very well attended. Prominent representatives from the ranks of research, literary and politics were all there and together we sang Heine’s Song of Spring; birthday fever was in the air. However, it appeared to me that the birthday child himself would not have been all that elated about it all, possibly even angry, maybe even mad; or happy and mad simultaneously, since some of those Heine, the social critic, was close to, namely the Arabs from close proximity in Jerusalem, were not even invited.  His poem "To Edom" was not read, nor recited. The final line "And I have become almost like you" has become more ingrained in me from day to day. Gaza, that monstrous open air prison had not yet been totally walled in, and still enjoyed a minimum amount of freedom. It was Heine’s aim and mission to assert freedom, freedom for all mankind and he knew that his Messiah wanted to save not only Israel “as the superstitious Jews presumptuously believed, but all of suffering mankind."

Only after our meeting in Berlin did I visit parts of the occupied areas. I saw, heard, discussed and promised to return. I did return and I was allowed several times to avail myself of the wonderful Arabian hospitality and, as a Jewess, did not have to hide myself. I lived with enclosed Palestinians behind walls, and was a witness to their daily humiliations, their rationed water allotments and their disappointments. "You have to promise us that you will tell what you have seen."

But who wants to hear it? I started a Study Group Abraham’s Daughters and maintain contacts with peace workers from both sides. In January of this year we supported an Israeli convoy which was to take essentials of life to the enclosed Gaza Strip. This mission failed. Initially! These essentials were stored for a week in a kibbutz for safekeeping; this kibbutz was located close to the border. It was my kibbutz, the one on which I stayed when I first came to visit Israel, and now I no longer knew where it lay, but in which the words flight and dispersal were anchored in my memory.

I still wear the chain with the Star of David which I bought at the Encounter Trip in an Arabian store right by the Jaffa Gate. “Is that a Jewish Star?” the students ask, those with and without the keffiyeh. No, this is not the Jewish star. God forbid!

 

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Friedensgruppen, meine Aktivitäten, Jüdisches Forum, Hope Against Despair