Jenseits des Ufers

 

Jenseits des Leuchtturms dessen Licht

nie in Versuchung gerät zu berühren das Meer

Haus der Nacht weder fertiggestellt noch in Angriff genommen

riesig wie ein verirrtes Weib

im Spektakel der Hieroglyphen ohne Bühnenbild

erscheinen

als Lesart

Spinnengewebe

Striche von Kreide und anderen

Lichtern

 

wo Nachforschungen von Mathematikern

versehen mit der Gabe Erscheinungen auf den Grund zu gehen

Schatten von Fußspuren ergeben

die von der gierigen Flut aufgesogen werden wie ein nasser Hund

 

gleich den sich aufopfernden Eisbergen

die den Äquator erreichen

um zu stillen den Durst der Bäume ohne Erde unter den Sohlen

mit verbrannten Blättern und Ästen

die sich danach sehnen Früchte zu tragen

 

jenseits des Ufers

spannt der Zweifel

frei in der Kunst dem Leben verpflichtet

in die Schreibmaschine das Gedicht

das langsam erlischt

wie die auf klein gedrehte Lampe

Der Schmerz

 

Das Spiel wird jeden Tag interessanter

gestern habe ich mir aus der Gummitapete des Gästezimmers ein Hemd zugeschnitten

durch die Wunde einer der Wände schaue ich in den Bauch der Nacht

ein Steintisch zeigt sich meinen Blicken

auf dem der schwangere Tod das Urteil des Arztes erwartet

es wird tatsächlich ein Prachtkerl scheint der zu sagen

während er auf den stumpfen Gegenstand achtet den das Ungeborene

ihm ins runzlige Ohr des Stethoskops zu rammen versucht

Die Angst

 

es kommt die Nacht mit der Angst im Nacken/ lässt sie herumtollen/

ich weiß nicht wieso aber stets landet sie bei mir

meine Knie werden eisig sie beginnt mir die Hand zu lecken

die Schnürsenkel aufzuschnüren macht Männchen

bringt mir die Zeitung die Brille zwängt sich unter mich

auf mich neben mich in mich beschnuppert mich umklammert

meinen Knöchel

ICH VERGESSE

was mir gestern passiert ist vorgestern vor einer Woche vor einem Monat vor einem Jahr (liebkose ich sie?)

GUT SO sage ich mir und bin geradezu glücklich

ein Trostpflaster ein Wärmepflaster

und alles was man sonst noch in einer solchen Lage braucht

wärmt mir den Rücken

gleich werden mir auch die Wangen brennen obwohl der Tollpatsch

nicht dazu gekommen ist sie mir zu lecken

/der Tollpatsch ist nicht mehr da ist spurlos verschwunden/

ausgerechnet jetzt da der Schaffner erscheint (mit dem Frühzug?)

um die Fahrscheine zu kontrollieren

MEIN GOTT

der hat was im Busen versteckt

WAS KÖNNTE ES DIESMAL SEIN

dass es auch stets bei mir landet

Grammofon

 

gesprungene Platten ohne Etiketten

ein chaotischer Tanz aus den Kulissen

nicht im Entferntesten im Einklang mit der Tourenzahl

des müden Grammofons in Gesellschaft des Ventilators

der schamlos Staub auf die Bühne wirbelt

über die Musik tauschen sie sich nicht aus

und stören die bereits an Silikose erkrankten Souffleure

von den Blumen schon gar nicht zu reden

die sich allmählich in Kakteen verwandeln

und die Künstler stechen

 

mit sicheren Gesten im milden Scheinwerferlicht

nehmen sie Abend für Abend die Zuschauer mit

führen sie wie gewissenhafte Reiseführer

durch das alte Museum für singende Spielzeuge

mit zylindrischen Hälsen Trichtern

so groß wie Elefantenohren

und Platten schmale fliegende Untertassen

bereit jedwede Agression abzuwenden

seitens der jungfräulichen Nadeln

gewachsen auf allen Armen der Kraken

in Besitz von Eintrittskarten für Ausflügler

 

allein geblieben nach der Vorstellung

streichelt er seine Urne mit dem Vogel Phoenix

im Herzen aufbewahrt seit stürmische Zeiten angebrochen sind

und rezitiert ohne Lampenfieber Shakespeare

im alten Frack

glücklich über das noch Unerfüllte

Aus: Traian Pop Traian, Absolute Macht. Gedichte Rumänisch/ Deutsch. © Pop Verlag

Die Irrfahrt im Zyklon. Eine kollektive Autobiographie in 50 Zyklonen,

erschienen 1983 im Verlag Lambert Schneider, mit 19 Linoldrucken von Rudolf Scharpf. Nach der Auflösung des Verlags ist dem Werk eine Neuerscheinung zu wünschen. Im Folgenden zwei Auszüge:

 

(1) ANRUF

Weltinsel
weltallfern
hundert Zyklone ließ ich dir wachsen
Nord-West-West und Ost-West-Süd und Süd-West-Nord
Nabelschnüre den Freien
ungebunden zu tosen
und doch verankert in meinem Wollen.
Weh wenn der Wirbel erwacht
wenn das All aufzuckt
und langsam die Augen hebt
zum Überall.
Denn ich Bin überall
wirbelentbundener Staub
kosmisches Urlicht
in der Leere erträumt und umschwiegen.
Und so will ich
mit meinen Zyklonen
Irrsal und Wirbel dir senden,
daß dir die Nacht graut
und der Tag dir die Schläfen bleicht.
Überall heiß ich
Nirgends bin ich
Niemand ward ich gerufen
schon als Kyklop
von Odysseus verspottet.
Atemlos ist mein Wort
Namenlos rufe ich
Sprachlos bleibe ich.
Nicht gekommen
dir die Augen mit sanftem Frieden
zu fächeln
sondern mit heißen Tränen
ein maßloses Maß
dir nie zu erschöpfen.

              

(VII) NACHTS, AUFGEWACHT IM DRITTEN REICH

Immer noch ausgereckt stehst du, Poseidon
in's Athener Museum den Speer zu werfen.
Immer noch saust dein Speer dahin
wie der Achill des Zenon
der auf unendlich geteilter Gerade
die Schildkröte nie überholt
niemals sein Ziel sich errafft
so schwirrt dein ruhender Speer dahin
alle Ziele sich spießend. Alle tödlich erhaschend.
Unbewegt läßt er die Lüfte erklirren
hör ich die Schwellen zittern und beben
hör ich die Züge rattern und rollen
nachts aufgeschreckt treibt sie dein Speer dahin.
Ostwärts und westwärts
lausch ich dem Braus, dem Rattern, dem Rollen.
Züge, ja Züge mit lebenden Landsern
mit Flak, Pak und mehr Munition
Züge mit lebenden Juden, mit lebenden Polen
zu Kisten nächtlich das Grauen verpackt.
Niemals die Feldpostnummer erreicht.
Wer treibt sie hin, wer treibt sie zurück,
wer treibt in die Massen den Schritt hinein?
Im Gleichschritt Division, Legion, Regiment
aus Gleichschritt geboren, im Gleichschritt verascht
im Gleichschritt der Weltgeist
den Goethe sah.
(Beritten, es war Napoleon)
Wer trieb dich, Rom, aus der hölzernen Mauer
im Sprung schon getötet von Romulus
zerschellter Remus, Wolfsmilchgelabter,
Wer trieb aus der Mauer nach Afrika dich
zum Tigris, von Spanien bis Schottland hinauf?
Was saust der Speer, wen trümmert der Strahl
wer zählt das Stückgut "lebendes Fleisch"?
Wer zählt die im Gleichschritt zerfetzten Landser
wer zählt in Auschwitz Haare und Gold?
Umnachteter Blitz. Du trafst mich, Speer
durch mich hindurch zerbrach mir das Herz.
Leer ist mein Blut, die Zyklone verraucht
Welt, ja Welten vernichtender Ger
reißt dich der rasende Blitz - ja wohin?
Weiß nicht wohin, warum und wozu
trifft Henker und Opfer in Plötzensee
trifft Cäsar und Brutus und Kennedy
wirbelentstanden, wirbelvergangen
stehst du und schleuerst noch immer den Speer:
Glücklich, ach, ist allein das Vergessen,
alles Erinnern ist Leid.-
Tot überlebte ich das dritte Reich.

Der kalte Winter 1942.
Nach Potsdam auf der Havel radelnd
Großmutter zu besuchen, brach ich ein.
Ich brach von Scholle mich zu Scholle
brach ab, brach ein - und faßte endlich Grund.
Das war und ist mein Leben.
Nur Ufer seh ich nicht.
Die Potsdamer Chaussee. Befehl von oben:
Gefrornen Asphalt auszuhacken. Wir Schüler kratzten
Eisstücke hin und her.
Aus dünnem Handschuh bläst der Lehrer Hauch.
Französischunterrichtender. Erschossen 45.
Kartoffeln hamsternd, schnappten ihn die Russen: "aus Versehen".
Die Kinder mit dem gelben Stern gehn zur Fabrik.
Und eines Tages kommen sie nicht mehr.
Papa, Mama und ich am BBC. Noch läßt das Ende
auf sich warten.
"Sie Judenmischling schreiben meiner Tochter Liebesbriefe?"
Wozu? Wozu?
Ja, laufe, renne, springe, mache was du kannst
los, auf dein Rad, sonst brichst du ein für immer.
Die Amis nehmen dich zum Ziel
die Splitter fallen rechts und links
Befreier schießen nicht mit Regenschirmen!
Wozu? Wozu? Wozu der Speer?
Ja, wirf ihn weg!
Ich will die Züge nicht mehr hören
nachts aufgeschreckt: Jetzt bist du dran,
Hör auf! Wirf weg! Laß mich in Ruh!
Ja, bist du denn ein Mörder dort im Himmel?
dann sage zur Geschichte endlich: Schluss!

      

 

Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen - :

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehn, Flut um Flut;
während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.

                                   


Die Gazelle

Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
erwählter Worte je den Reim erreichen,
der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,

und alles Deine geht schon im Vergleich
durch Liebeslieder, deren Worte, weich
wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,
sich auf die Augen legen, die er schließt:

um dich zu sehen: hingetragen, als
wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen
und schüsse nur nicht ab, solang der Hals
das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden
im Wald die Badende sich unterbricht:
den Waldsee im gewendeten Gesicht.

                                    


Liebes-Leid

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

      

                              

 

Das große Geheimnis

Flammender als die Lichtgesänge
Zoroasters -

Tiefer als das Schweigen
des Thomas von Aquin -

Meine Tochter flüstert
es meinem Halbschlaf ins Ohr
die Hände zur Muschel gepreßt
ihr Haar eine elektrische Aura
die mich umlodert
ich verstehe kein Wort
während ihr Atem
auf mein Trommelfell
winzige
goldene
Stecknadeln
rieselt

      
Ganz Ohr

Gott - ich spreche mein Gebet
in dein anderes Ohr -

Nicht in das gewaltige Buddha-Ohr
das herabtropft
als müde Unendlichkeitsschleife -

sondern in dein winziges
bebendes Heuschreckenohr
das alles zugleich hören muß -

die Schreie der Massaker
an der Elfenbeinküste
und im selben Augenblick
das sanfte mystische Knistern
wenn Rafaela sich
das Haar ausbürstet -

Gott - ich weiß
daß du in Wahrheit
nur dieses eine Ohr hast
und daß jedes Gebet
zu groß dafür ist -

ich knie nieder
um in dein winziges
Heuschreckenohr zu lauschen -

und mein gischtender
tosender Herzschlag

wird von deinem
unendlichen Lauschen
erhört

      
Morgen

Auch die Spitze
des Schlachtmessers
gleißt und preist
mit allen tanzenden
Atomen das
Licht

      
Nackt

Ich habe im Dunkeln
dein drittes Schulterblatt ertastet -

Ich habe das Muttermal entdeckt
tief in deinem Gaumen:
die blutrote Hostie -

Ich weiß jetzt: dein kleiner Fingerknöchel
ist ein venezianischer Giftring
ich habe ihn leergesogen
doch ohne zu sterben -

Ich habe das Knistern deiner Seele gehört
als sie sich im Morgengrauen
über den schlafenden Körper erhob
und in den Türspalt trat
fröstelnd -

Jetzt - erwach!

Enthüll mir das tiefste
Mysterium:

dein allererstes
blindgeborenes

Gesicht -


© Gedichte: Allitera Verlag  www.allitera.de

 

Gott der Mitte

 

Der Gott der Mitte zieht an unseren Häusern vorüber.

Alle heilt er, alles richtet er wieder her. Und: er hat Zeit im Überfluss. Niemand

wird bedrängt. Gestern, heute, morgen lächelt er.

Jetzt kommt der zentrale Gott als Glaser daher.

 

Ein Glaser. Ein neuer Glaser für Instandsetzungen. Von jeder Terrasse,

aus jeder Familie, aus der ganzen Nachbarschaft wird er jetzt gesehen:

dürr und dünn, fast durchsichtig geht er vorüber,

in völliger Ruhe tut und macht er, oh,

keine Sorge, meine Dame, alles glänzt

nun wieder, alle Fenster, alle Lichter, alles

neu und blank geputzt, so werden die Dinge,

sich immer wieder einrichtend, erlebt,

wenn mein Gott der Mitte, jetzt als Glaser,

an unseren Häusern vorübergeht.

 

Der Gott der Mitte, höchster, erhöhter, geht jetzt

an unseren Häusern in der Gestalt eines Gärtners vorüber.
Mit Harke, Spaten und kaputtem Eimer. Er

jätet, gräbt um, streut über das Gärtchen des Nachbarn zur Linken

immerwährend glänzenden Staub auf die Brandwunde der Zukunft, der Vergangenheit - was

gibt es hier zu fürchten, sein Lächeln ist

auf den Alten, ja, es ist für keine Sache

zu spät, ist mir doch eine Zeit gegeben für

Rat und Einsicht ,

Vergebung und Verständnis. Und wieder kehrt Gott El

zurück und lächelt. Dies ist der Gott

der Ehre, des Nebels, der Engel, und der geistigen Gegenwart

den Meinen, den so müden, in unserer Siedlung,

gestern, heute, morgen.

 

Das ist der Gott der Mitte, der höchste, der erhöhte, der erhobene,

der jetzt mit einer Schubkarre vorüberzieht. Das ist der fachkundige

Gott, Verputzer, begnadeter Verschaler und auch ein Maler mit Farben in

Hülle und Fülle, auf der Schubkarre zwischen Walzen und Kacheln

schwanken ihm die Gips-Tafeln der Kenntnis

und Auswahl hin und her, während dieser El, dieser so dünne

Gott der Mitte, der Gott El, der wiederherstellt, der vor vielen

Jahren dieses All schuf, vollkommen und rein, der

auf Cheruben sitzt, ein Held, überwältigend weiß, ein Lord, erschaffend,
schaffend, mit aufrichtiger Stimme,

schleierhaft eingehüllt, dünne lichtdurchleuchtete Tracht, dieser Gott El

geht nun an mir vorüber in ruhiger Vollendung

erneuernd und wiedergutmachend,

was da kommt an Überschreitung.

                                         

 Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne

 

Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne.

Aber ich hatte keine Dokumente. Ich hatte alles vergessen,

meinen Namen und den Ort meines Hauses,

den Namen meines bergigen Landes und den Ort meiner entfernt gelegenen und

fremden Stadt, als ich von dort wegging, ein langer Marsch, zu Fuß

- bis an die Poren der Stadt, in der sie schlummert,

jetzt,

in ihrer Ruhe,

meine Geliebte!

 

Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne.

Der Jerusalemer Stadtwächter wandte sich drinnen an den Wächter

der äußeren Stadt, das ist der Posten in der Schaltstelle des Wassertors, aber –

o weh! Ich hatte keine Dokumente dabei!

Ich hatte nur zwei Tafeln bei mir!

Nur zwei Tafeln

eines liebenden Herzens.

Eines liebenden Herzens, sehr gewichtig,

aus Marmor.

 

Was kann ich bloß tun?!

Sagt mir doch, meine Wächter,

ihr guten Wächter, Wachtmänner und Verteidiger der Stadt,

ihr Wächter des guten-und-edlen-Kerns –

ich hatte gar kein Bild in der Tasche,

auch keine Papiere!

 

Nur eiserne Dokumente,

und Zeugnisse aus Stein,

und Zeit-Dokumente, auseinanderfallende, aus Kreide.

 

Wächter! Wächter von Mauer und Wand!

Meine Wächter! Wächter der Stadt,

in der sie jetzt schlummert,

in ihrem Bett

in ihrer Ruhe,

meine Geliebte!

 

Ihr, ihr – eurer-Aufgabe-fest-verbundenen-Wächter,

die ihr jetzt an den Gittern seid, an einer Wand-Mauer –

hört, hört,

ich rufe zu eurer Hilfe

aus den Winkeln der Stadt.

 

Könnt ihr, bitte,

sie nur aufwecken

– nur für einen Augenblick, 

meine Schöne –

 

meine Schöne,

schlummernd

jetzt,

in ihrer Ruhe

 

drinnen in meiner Stadt, meiner,

auf ihrem Bett??

 

Bitte, einer von euch, ihr Wächter der Stadt Jerusalem!

Ruft ihr zu! Weckt sie auf! Drahtlos oder mobil!

Ihr Wächter der Stadt, Helden und Kämpfer!

Bitte, bitte, ruft ihr zu!

Dass sie sogleich zu mir komme!

 

Vielleicht ist sie bereit??

Vielleicht trieft sie schon Myrrhe

und Weihrauch??

Und ist eingehüllt

 

für mich allein

in einer Tunika-

zur-Nacht??

 

Vielleicht

sehe ich

sie

jetzt?

  

Vielleicht erhebt sie zu mir

ihren Blick

  

von hinter dem Stacheldraht??

                       

 

 Wir kamen zu Gott

 

Wir kamen zu Gott.

Rein zufällig. Tatsache: Wir trafen ihn einfach so.

Wir waren auf halbem Weg, am Abhang des Berges,

mit Eseln und viel Gepäck,

als wir auf einmal, an der Wegbiegung,

uns umdrehend,

auf ihn trafen.

 

Er hatte uns auch gesucht,

wie einen Edelstein, sagte er, wie eine Perle,

wie etwas wirklich Verlorenes.

Als wir so, rein zufällig,

völlig ungeplant,

wir waren auf halbem Weg,

in das uns zugeteilte Land kamen.

Das heißt, wir kamen zu Gott.

Und wir fanden vollkommene Ruhe vor dem Leben.

Das war rein zufällig, nämlich

auf halbem Weg, als wir herabstiegen vom Berg,

Esel und Säcke standen abseits,

gekrümmt und kniegebeugt, an der engen Biegung.

Die Hitze war schwer zu ertragen.

 

Ganz am Ende des Weges stießen wir auf ihn. Kommend und gehend stand er einfach in der Mitte.

Kommend und gehend. Unfassbar groß, hauchdünn, haarfein, entlegenste Winkel ausfüllend,

ganz am Ende des Weges trafen wir ihn, auf der verzweifelten Suche

nach Edelstein und Perle.

 

Was uns betrifft, waren wir schon auf halbem Weg und im Begriff wieder zu gehn.

Vielleicht sähen wir eine Grube. Vielleicht sähen wir eine Grube mit Wasser,

und für einen kurzen Augenblick ließen wir uns vom Weg abbringen.

 

Aber die Hitze war schwer zu ertragen, die Welt brannte – ein Schmelzofen.

Und dann schienen sich alle Himmel – wie mit Reißverschluss – vor uns zu öffnen.

Und gaben den verbrannten Augen Nahrung,

 

die noch keine lebende Seele, noch kein sterbliches Wesen sah,

seit Gott den Menschen schuf und ihn angehalten,

über das Antlitz dieser vertrockneten Erde zu walten.

                                

 Ins Deutsche übertragen von Edith Lutz und Theo Breuer

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