Das große Geheimnis

Flammender als die Lichtgesänge
Zoroasters -

Tiefer als das Schweigen
des Thomas von Aquin -

Meine Tochter flüstert
es meinem Halbschlaf ins Ohr
die Hände zur Muschel gepreßt
ihr Haar eine elektrische Aura
die mich umlodert
ich verstehe kein Wort
während ihr Atem
auf mein Trommelfell
winzige
goldene
Stecknadeln
rieselt

      
Ganz Ohr

Gott - ich spreche mein Gebet
in dein anderes Ohr -

Nicht in das gewaltige Buddha-Ohr
das herabtropft
als müde Unendlichkeitsschleife -

sondern in dein winziges
bebendes Heuschreckenohr
das alles zugleich hören muß -

die Schreie der Massaker
an der Elfenbeinküste
und im selben Augenblick
das sanfte mystische Knistern
wenn Rafaela sich
das Haar ausbürstet -

Gott - ich weiß
daß du in Wahrheit
nur dieses eine Ohr hast
und daß jedes Gebet
zu groß dafür ist -

ich knie nieder
um in dein winziges
Heuschreckenohr zu lauschen -

und mein gischtender
tosender Herzschlag

wird von deinem
unendlichen Lauschen
erhört

      
Morgen

Auch die Spitze
des Schlachtmessers
gleißt und preist
mit allen tanzenden
Atomen das
Licht

      
Nackt

Ich habe im Dunkeln
dein drittes Schulterblatt ertastet -

Ich habe das Muttermal entdeckt
tief in deinem Gaumen:
die blutrote Hostie -

Ich weiß jetzt: dein kleiner Fingerknöchel
ist ein venezianischer Giftring
ich habe ihn leergesogen
doch ohne zu sterben -

Ich habe das Knistern deiner Seele gehört
als sie sich im Morgengrauen
über den schlafenden Körper erhob
und in den Türspalt trat
fröstelnd -

Jetzt - erwach!

Enthüll mir das tiefste
Mysterium:

dein allererstes
blindgeborenes

Gesicht -


© Gedichte: Allitera Verlag  www.allitera.de