Gott der Mitte

 

Der Gott der Mitte zieht an unseren Häusern vorüber.

Alle heilt er, alles richtet er wieder her. Und: er hat Zeit im Überfluss. Niemand

wird bedrängt. Gestern, heute, morgen lächelt er.

Jetzt kommt der zentrale Gott als Glaser daher.

 

Ein Glaser. Ein neuer Glaser für Instandsetzungen. Von jeder Terrasse,

aus jeder Familie, aus der ganzen Nachbarschaft wird er jetzt gesehen:

dürr und dünn, fast durchsichtig geht er vorüber,

in völliger Ruhe tut und macht er, oh,

keine Sorge, meine Dame, alles glänzt

nun wieder, alle Fenster, alle Lichter, alles

neu und blank geputzt, so werden die Dinge,

sich immer wieder einrichtend, erlebt,

wenn mein Gott der Mitte, jetzt als Glaser,

an unseren Häusern vorübergeht.

 

Der Gott der Mitte, höchster, erhöhter, geht jetzt

an unseren Häusern in der Gestalt eines Gärtners vorüber.
Mit Harke, Spaten und kaputtem Eimer. Er

jätet, gräbt um, streut über das Gärtchen des Nachbarn zur Linken

immerwährend glänzenden Staub auf die Brandwunde der Zukunft, der Vergangenheit - was

gibt es hier zu fürchten, sein Lächeln ist

auf den Alten, ja, es ist für keine Sache

zu spät, ist mir doch eine Zeit gegeben für

Rat und Einsicht ,

Vergebung und Verständnis. Und wieder kehrt Gott El

zurück und lächelt. Dies ist der Gott

der Ehre, des Nebels, der Engel, und der geistigen Gegenwart

den Meinen, den so müden, in unserer Siedlung,

gestern, heute, morgen.

 

Das ist der Gott der Mitte, der höchste, der erhöhte, der erhobene,

der jetzt mit einer Schubkarre vorüberzieht. Das ist der fachkundige

Gott, Verputzer, begnadeter Verschaler und auch ein Maler mit Farben in

Hülle und Fülle, auf der Schubkarre zwischen Walzen und Kacheln

schwanken ihm die Gips-Tafeln der Kenntnis

und Auswahl hin und her, während dieser El, dieser so dünne

Gott der Mitte, der Gott El, der wiederherstellt, der vor vielen

Jahren dieses All schuf, vollkommen und rein, der

auf Cheruben sitzt, ein Held, überwältigend weiß, ein Lord, erschaffend,
schaffend, mit aufrichtiger Stimme,

schleierhaft eingehüllt, dünne lichtdurchleuchtete Tracht, dieser Gott El

geht nun an mir vorüber in ruhiger Vollendung

erneuernd und wiedergutmachend,

was da kommt an Überschreitung.

                                         

 Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne

 

Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne.

Aber ich hatte keine Dokumente. Ich hatte alles vergessen,

meinen Namen und den Ort meines Hauses,

den Namen meines bergigen Landes und den Ort meiner entfernt gelegenen und

fremden Stadt, als ich von dort wegging, ein langer Marsch, zu Fuß

- bis an die Poren der Stadt, in der sie schlummert,

jetzt,

in ihrer Ruhe,

meine Geliebte!

 

Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne.

Der Jerusalemer Stadtwächter wandte sich drinnen an den Wächter

der äußeren Stadt, das ist der Posten in der Schaltstelle des Wassertors, aber –

o weh! Ich hatte keine Dokumente dabei!

Ich hatte nur zwei Tafeln bei mir!

Nur zwei Tafeln

eines liebenden Herzens.

Eines liebenden Herzens, sehr gewichtig,

aus Marmor.

 

Was kann ich bloß tun?!

Sagt mir doch, meine Wächter,

ihr guten Wächter, Wachtmänner und Verteidiger der Stadt,

ihr Wächter des guten-und-edlen-Kerns –

ich hatte gar kein Bild in der Tasche,

auch keine Papiere!

 

Nur eiserne Dokumente,

und Zeugnisse aus Stein,

und Zeit-Dokumente, auseinanderfallende, aus Kreide.

 

Wächter! Wächter von Mauer und Wand!

Meine Wächter! Wächter der Stadt,

in der sie jetzt schlummert,

in ihrem Bett

in ihrer Ruhe,

meine Geliebte!

 

Ihr, ihr – eurer-Aufgabe-fest-verbundenen-Wächter,

die ihr jetzt an den Gittern seid, an einer Wand-Mauer –

hört, hört,

ich rufe zu eurer Hilfe

aus den Winkeln der Stadt.

 

Könnt ihr, bitte,

sie nur aufwecken

– nur für einen Augenblick, 

meine Schöne –

 

meine Schöne,

schlummernd

jetzt,

in ihrer Ruhe

 

drinnen in meiner Stadt, meiner,

auf ihrem Bett??

 

Bitte, einer von euch, ihr Wächter der Stadt Jerusalem!

Ruft ihr zu! Weckt sie auf! Drahtlos oder mobil!

Ihr Wächter der Stadt, Helden und Kämpfer!

Bitte, bitte, ruft ihr zu!

Dass sie sogleich zu mir komme!

 

Vielleicht ist sie bereit??

Vielleicht trieft sie schon Myrrhe

und Weihrauch??

Und ist eingehüllt

 

für mich allein

in einer Tunika-

zur-Nacht??

 

Vielleicht

sehe ich

sie

jetzt?

  

Vielleicht erhebt sie zu mir

ihren Blick

  

von hinter dem Stacheldraht??

                       

 

 Wir kamen zu Gott

 

Wir kamen zu Gott.

Rein zufällig. Tatsache: Wir trafen ihn einfach so.

Wir waren auf halbem Weg, am Abhang des Berges,

mit Eseln und viel Gepäck,

als wir auf einmal, an der Wegbiegung,

uns umdrehend,

auf ihn trafen.

 

Er hatte uns auch gesucht,

wie einen Edelstein, sagte er, wie eine Perle,

wie etwas wirklich Verlorenes.

Als wir so, rein zufällig,

völlig ungeplant,

wir waren auf halbem Weg,

in das uns zugeteilte Land kamen.

Das heißt, wir kamen zu Gott.

Und wir fanden vollkommene Ruhe vor dem Leben.

Das war rein zufällig, nämlich

auf halbem Weg, als wir herabstiegen vom Berg,

Esel und Säcke standen abseits,

gekrümmt und kniegebeugt, an der engen Biegung.

Die Hitze war schwer zu ertragen.

 

Ganz am Ende des Weges stießen wir auf ihn. Kommend und gehend stand er einfach in der Mitte.

Kommend und gehend. Unfassbar groß, hauchdünn, haarfein, entlegenste Winkel ausfüllend,

ganz am Ende des Weges trafen wir ihn, auf der verzweifelten Suche

nach Edelstein und Perle.

 

Was uns betrifft, waren wir schon auf halbem Weg und im Begriff wieder zu gehn.

Vielleicht sähen wir eine Grube. Vielleicht sähen wir eine Grube mit Wasser,

und für einen kurzen Augenblick ließen wir uns vom Weg abbringen.

 

Aber die Hitze war schwer zu ertragen, die Welt brannte – ein Schmelzofen.

Und dann schienen sich alle Himmel – wie mit Reißverschluss – vor uns zu öffnen.

Und gaben den verbrannten Augen Nahrung,

 

die noch keine lebende Seele, noch kein sterbliches Wesen sah,

seit Gott den Menschen schuf und ihn angehalten,

über das Antlitz dieser vertrockneten Erde zu walten.

                                

 Ins Deutsche übertragen von Edith Lutz und Theo Breuer