Wintermorgen

Neig dich wieder, neig dich nieder,

Glühendes Gesicht!

Gern erwachen meine Glieder,

Meine Seele nicht.

Ihre Blicke, ihre Küsse

Herzen deinen Traum,

Fallen flimmernd, Silbernüsse,

Ihm vom Sternenbaum.

 

Sieh! Ich bin der dunkle Quader,

Der vor Schätzen birst;

Du - o meine goldne Ader,

Wenn du mich durchirrst!

Wird einst Wahrheit in mich steigen

Mit dem Bergmannslicht?

Woll dich neigen, froh im Schweigen,

Glühendes Gesicht.

 

Immer muss ich dich betrachten,

Der mein Tagwerk führt:

Kann ich noch des Windes achten,

Der das Kleid mir rührt?

Schellenrasselnd naht ein Schlitten;

Fordert mich der Schwall?

Seine Fragen, seine Bitten

Finden keinen Hall.

 

Denn um mich ist Luft gewoben,

Luft aus Schneearom,

Flocken zittern nach vorn droben,

Weißer, warmer Strom.

Fremde Brunst und Kunst und Schlingen

Sinken hier ins Grab,

Wehn mit starren Schmetterlingen

Lautlos von mir ab.

 

Grauer Wolkenvogel, schütte

Schwebend weichen Flaum,

Deck mir meine braune Hütte,

Meinen Tannensaum,

Schwelt doch blaß durch dein Gefieder

Ferner Sonne Licht ...

Neig dich wieder, neig dich nieder,

glühendes Gesicht!

      

Leda

Mein Fenster ist im Dunkel aufgetan

Und meine Seele aufgetan mit ihm.

Ich seh den Sternenkranz der Cherubim

Und warte auf den Schwan.

 

Der Nachthauch irrt um Lager und Gestühl

Und tastet an mein schauerndes Gewand

Und streicht mit kaltem Finger meine Hand;

Mein Fuß ist nackt und kühl.

 

Ich habe nicht den Tag, der eben blich,

Den Morgen und den Abend nicht erkannt;

Ich ging in Zimmern. Doch mein Wesen stand

Und rief die Nacht und dich.

 

Ich rufe dich. Ich klage nach dir stumm.

Ich sehne mich. Und wage keinen Schrei.

Sonst stürzt Neugier, Staunen, Zorn herbei;

Nun schlummert das ringsum.

 

Wo weilt der Teich, da blasse Rosen sind?

Wo glimmt die Tiefe, du du Silber schürfst,

Der mondgemischte Tropfen, den du schlürfst,

Raunt taubenblauer Wind?

 

Der meines Glückes glühnde Schmerzen trägt,

dein stolzer Nacken windet sich und sinkt ...

O Stunde, da dein Flug, der schneeig blinkt,

An schwarze Himmel schlägt!

 

O Stunde, da du rauschend niederziehst,

Auf meine Brüste weicher Flaum sich senkt,

Da um die Liebe, die dir bebend schenkt,

Du reine Flügel schließt!

 

O komm. O komm. Mein Kelch ist aufgetan

Und badet, schwer von Demut und von Duft,

Sich blühend in der winterklaren Luft

Und wartet auf den Schwan.