Pictures of Fidelman

Der "mythische Zirkel" in Bernard Malamuds Pictures of Fidelman

Inhalt

1.    Das Motiv der Reise als Indikator eines Genres
1.1. Der "mythische Zirkel" in Anlehnung an J. Campbell
1.2. Der Begriff des Metaxy

2. Die Stationen der Reise

2.1. An der Schwelle. "Last Mohican"
       A) Analyse
       B) Kommentar
       C) Schlussfolgerung

2.2. Das Motiv der Unio mystica: "Naked Nude"
       A) Analyse
       B) Kommentar
       C) Schlussfolgerung

2.3. Das Elixier: "Glass Blower of Venice"
       A) Analyse
       B) Kommentar
       C) Schlussfolgerung

3.    Pictures of Fidelman - sechs Bilder eines Einzigen


1. Das Motiv der Reise als Indikator eines Genres

Der Titel des vorliegenden Essays vermeidet die Benennung eines Genres. Ist Malamuds Werk ein Roman oder handelt es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten? Literaturkritiker sind sich nicht einig. Struktur als auch die sich entwickelnde Präsentation des Protagonisten lassen an einen Roman denken, doch kann jede der sechs Geschichten auch unabhängig voneinander gelesen werden. Malamud hatte bereits die ersten drei Geschichten einzeln veröffentlicht, ehe er den Plan fasste, sie mit weiteren als ein geschlossenes literarisches Werk herauszugeben. Der Untertitel An Exhibition weist auf die Besonderheit des Genres. Der Besucher einer Ausstellung von Bildern kann den Charakter der gesamten Ausstellung in sich aufnehmen, er kann einzelne Bilder betrachten oder auch Details studieren. Das gleiche Angebot unterbreitet Malamud seinen Lesern. Vergleicht der Leser Malamuds "Bilder", gewinnt er den Eindruck, dass sie zusammengehören. Es ist nicht nur der immer wiederkehrende Protagonist Fidelman, der die Geschichten verbindet, sondern ein archetypisches Motiv, das ähnlich dem musikalischen Leitmotiv Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" alle Bilder zu einem Ganzen zusammenfügt. Die nachfolgenden Seiten werden diese Struktur näher erläutern.

Malamuds Bilder, mit dem Medium Sprache gemalt, gruppieren sich als ein "novellistisches Ganzes", wie Malamud selber sie charakterisierte (Hershinov: 76). Seine Absicht war es, ein Thema in der Form eines Schelmenromans zu schreiben (ibid). In der Tat präsentieren die Geschichten episodische komische Abenteuer, deren Held in gewisser Weise Ähnlichkeiten zu dem listigen umherziehenden Spitzbuben des Pikaroromans aufweist. "Der Pikaro ist eine Figur, die ihre eigene Identität bilden muss" (Abramson: 77). Aber Fidelman ist kein Pikaro. Ein Pikaro, auch wenn er selber der unteren Gesellschaftsschicht angehört, unterhält Kontakte zu allen gesellschaftlichen Schichten. Fidelman hingegen sieht sich häufiger zu gesellschaftlichen Kontakten gezwungen als dass er sie aus freiem Willen pflegt. Sein gesellschaftliches Umfeld ist nicht durch Standeszugehörigkeit charakterisiert, sondern durch Attribute, die eine Mehrheit als "seltsam", "befremdend" oder auch "unmoralisch" kennzeichnen würde. Aber es gibt zwei auffällige Kennzeichen, die Fidelman mit dem Pikaro teilt. Das erste betrifft den symbolischen Beruf des Protagonisten. Durch die Schaffung des Berufsstands "Ausrufer" für den ersten und bekanntesten Pikaro, Lararo (Lazarillo de Tormes), ließ sein Autor ihn etwas in die Welt ausrufen, was er selber nicht wagen durfte auszusprechen. Auch Fidelman hat etwas mitzuteilen, was ihm Schwierigkeiten bereitet. Als Maler möchte er etwas ausdrücken, als Kunstkritiker seine Forschungsergebnisse mitteilen. Wie der anonym gebliebene Autor von Lazarillo de Tormes wird auch Malamud vor dem Dilemma gestanden haben, etwas Unaussprechbares auszudrücken. Er fand ein Medium, das ihm half: die Bildsprache. Die "Bilder Fidelmans" sind gefüllt mit Symbolen, Wortspielen und Metaphern. Nahezu jedes Wort, insbesondere Namen, seien es geographische, Künstler- oder Eigennamen, müssen unter diesem Blickwinkel untersucht werden.

Das zweite Kennzeichen, das Fidelman und Lazaro gemeinsam haben, sind ihre Wanderschaften. Reisen oder Wanderungen sind ein typisches Charakteristikum für den Schelmenroman. Doch gehört das Reisemotiv - wie auch die Bildsprache - zu Genres, die wesentlich älter sind als der Pikaroroman, nämlich zu Sagen, Märchen, "Heilige Schriften" wie die Bibel und anderen. Alle diese Schriften sind durch einen mythischen Gehalt gekennzeichnet, und dieser Gehalt findet sich auch in The Pictures of Fidelman.

Malamud gab seinem Helden den Namen Arthur. Wie sein mythischer Namensvetter scheint er auf der Suche nach einem Gral zu sein, was immer dieser Gral auch für ihn repräsentieren mag. Hershinov denkt an ein "sinnvolles Leben" als Motiv seiner Suche (77). Dem soll nicht widersprochen werden, doch scheint angesichts einer reichen tiefgründigen Symbolik, die Malamud mit wirkungsvollen linguistischen "Mal"-Techniken aufträgt, seine Aussage etwas blaß.

Um die tiefen Aussagen von Malamuds "painting" zu verstehen, ist eine Entschlüsselung der Symbolik notwendig. Die vorliegende Arbeit bedient sich dazu des Werkes Joseph Campbells, Der Heros in tausend Gestalten. Campbell, der die Mythen vieler Völker durch viele Jahrhunderte hinweg studierte, entwarf ein Modell, das die Reise des Heros verstehen hilft, - seine Reise in den Bereich des Unbewussten. Und eben diese Reise unternimmt Fidelman, in jeder Geschichte, in jedem Kapitel, und in der Ausstellung als "novellistisches Ganzes": er begibt sich auf eine Wanderung durch das Unbewusste. Pictures of Fidelman präsentieren einen alten Mythos in modernem Gewand.

1.1.  Der "mythische Zirkel" in Anlehnung an J. Cambell

        s. Der Mythische Zirkel

Es gibt verschiedene Varationen dieses mythischen Zirkels. Viele Legenden decken einen Teilbereich ab, wie das Motiv der Prüfungen, des Raubs oder das der Flucht. Andere Erzählungen verbinden eine Anzahl individueller Zirkel zu einem umfassenden Kreis. Die Odyssee, als die sicherlich bekannteste unter ihnen, folgt diesem Schema, aber auch moderne Erzähler wie Joyce machen von ihm Gebrauch.

1.2.   Der Begriff des Metaxy

         zur Einführung s. Menue "Der Begriff des "Metaxy"

Aus der Perspektive des Metaxy sollen die verschiedenen Personen, die Fidelman umgeben, untersucht werden: als "Zwischen-Wesen".

Fidelman kam in die "Ewige Stadt", um sich dem Studium der Renaissance-Malerei zu widmen. In der Renaissance trat das Metaxy in verschiedener Weise in Erscheinung. Man verband es mit dem Intellekt oder der Intelligenz, den Espiriti oder den Engeln; Zwischen-Gestalten aus der griechischen Mythologie erfuhren eine Wiederbelebung. Für den jüdischen Autor Malamud dürften Metaxy-Bereiche aus der jüdisch geprägten Renaissance von Bedeutung sein, wie der Schechinah oder der Sefirot (>). Für die jüdischen Philosophen diente die Schechinah als Mittlerfunktion zwischen Gott und dem Menschen und konnte mitunter menschliche Gestalt annehmen (Encyclopedia Judaica: 1350).

Auch die Erscheinung des Metaxy als Eros, wie in Platos Symposion (vgl. Tellenbach: 143), findet sich in der Umgebung des Arthur Fidelman. Immer jedoch ist das Metaxy eine atmosphärische Wirklichkeit, eine "existentielle Bestimmung von Vorsprachlichkeit (ibid: 141). Malamud "malte", was er in Worte nicht fassen konnte. Sein Reiseheld Fidelman hat etwas mitzuteilen, was nur aus dieser Atmosphäre des Zwischen heraus verständlich wird.

2.      Die Stationen der Reise

Immer wiederkehrende Symbole des Metaxy sind die Reise, der Weg, die Grenze. In Campbells "mythischem Zirkel" sind die Symbole erkennbar:

 

 In der "Ausstellung" sowie in den einzelnen Bildern ist die Grenze zum Unbewussten als Wasser in verschiedener Form "gemalt". Das Wasser, "unter dessen Oberfläche Versunkenes ruht und das ungeahnte Tiefen birgt", wird ein Symbol des Unbewussten genannt (von Beit I: 40). Sowohl in den einzelnen bildhaften Geschichten als auch in ihrer Gesamtheit als "novellistisches Ganzes" beginnt der Held seine Reise an der Grenze stehend und beendet sie, bevor er sie zur Rückkehr in das "normale" Leben zum zweiten Mal überquert. Nur der letzte Satz des Bildes verrät, dass er diese Grenze erfolgreich passiert hat. Er ist in die neue, zugleich alte Welt zurückgekehrt, lo love "men and women".

In allen Zirkeln erreicht und passiert Fidelman den sogenannten Nadir, der sich in den einzelnen Bildern verschieden ausgestaltet. Auf den ersten Blick betrachtet lassen die Geschichten untereinander bis auf ihren Hauptdarsteller wenig Ähnlichkeit erkennen. Als Bilder erscheinen sie in verschiedenen Farben gemalt. Aber wer wie Fidelman im letzten Bild beim Glasbläser in die Lehre ging, der weiß, dass die Einheit die Vielfarbigkeit birgt. Ein Stück Glas bringt es ans Licht.

2.1.   An der Schwelle: "Last Mohican"

2.2.   Unio mystica: "Naked Nude"

2.3.   Das Elixier: "Glass Blower of Venice"