Isaaks Hunger und Isaaks Reichtum

- eine Interpretation zu Genesis 26 -

(zuerst erschienen in Die Christengemeinschaft. Zeitschrift zur religiösen Erneuerung 9/2014)

„Geist-Erkenntnis ist die wichtigste Nahrung“, erklärt Friedel Lenz in ihrer Auslegung zu „Hänsel und Gretel“ (Bildsprache der Märchen). Aber was haben Hänsel und Gretel aus dem Grimmschen Märchen mit dem biblischen Isaak zu tun? Die Bibel ein Märchen?

 Die Bibel ist kein Märchen, aber sie enthält Märchen. Nach einer langen Epoche rationaler Bibelauslegung und der Erforschung der Bibel nach fast ausschließlich historischen und geografischen Gesichtspunkten war der protestantische Theologe Hermann Gunkel einer der ersten, der sich dem Märchen in der Bibel widmete. Aber man muss nicht sein Werk, Das Märchen im Alten Testament (1917), gelesen haben, um Märchenstoffe in der Bibel zu entdecken. Besonders das Buch Genesis ist sehr reich an Märchenstoffen. Wie kann man sie wahrnehmen? Indem man versucht, Erzählungen, besonders solche, die grausam, zweifelhaft, widersprüchlich anmuten, als ein Bild aufzufassen. Die Märchen erzählen in einer Bildsprache, sie „malen“ ihre „Mär“, ihre ‚Kunde’, in Worten. Zum Auffinden eines Märchenstoffes oder mythischen Erzählguts (um den Gattungsbegriff beiseite zu lassen) ist das Erkennen von Symbolen wichtig, wie beispielsweise das „Brot“, nach allgemeinem Symbolverständnis ein Sinnbild geistiger Nahrung, oder die „Hungersnot“ als ein Zeichen fehlender Geistesverbindung.

Dem Bibelleser der deutschen Übersetzung sind für das Erkennen von Bildern und Symbole Grenzen gesetzt. Hebräische Wortspiele, Symbole oder die Bedeutung von Eigennamen sind oft nicht übersetzbar. Der im Titel genannte Isaak heißt im hebräischen Originaltext „Jizchak“, wörtlich ins Deutsche übertragen, ‚Er lacht’. Sein Gesprächspartner in der Genesisgeschichte (26) ist Abimelech, wörtlich, ‚mein Vater ist König’. Diese Namensgebungen allein lassen mehrere Interpretationsmöglichkeiten außerhalb eines historischen Rahmens erahnen. Aber auch der des Hebräischen Unkundige kann an einer bildhaften Vermittlung teilhaben, wenn er bereit ist, die Erzählung als Bild zu betrachten. „Jedes Märchen gleicht einem kleinen Drama, das auf unserer inneren Bühne spielt. Seine menschlichen Gestalten sind Personifikationen der seelisch-geistigen Kräfte“ (Lenz). Nicht anders verhält es sich in dem biblischen „kleinen Drama“. Biblische Gestalten sind Symboldarstellungen seelischer Erfahrungen. Tiefenpsychologen sprechen von der „Bilderwelt der Archetypen. Auch für den aus chassidischer Weisheit schöpfenden Interpreten Friedrich Weinreb ist der Ort biblischer Entfaltung im Menschen selbst zu finden. Abschließend zur Einleitung soll mit Martin Buber festgehalten werden, „Biblische Geschichten sind nur zum geringen Teil chronikartige Niederschrift, in den meisten lebt noch die aufrufende, zeitverbindende, vorbildweisende oder warnende Stimme der Erzähler“ (Die Schrift und ihre Verdeutschung).  Die folgende Interpretation ist selbstverständlich nur eine von vielen möglichen.

„Eine Hungersnot war im Land, eine andre als die frühere Hungersnot, die in Abrahams Tagen war, und Jizchak ging zu Abimelech, König der Philister, nach Grar. Hier ließ ER vor ihm sich sehen und sprach: Zieh nimmer hinab nach Ägypten, wohne in dem Land, das ich dir nun zuspreche, gaste in diesem Land, und ich will dasein bei dir und dich segnen, denn dir und deinem Samen gebe ich all diese Erdlande“(1-3; alle Zitate nach Buber).

Eine wörtliche Auslegung national-israelitischer Prägung sieht die Landverheißung als eine göttliche Zuteilung des geografischen Landes an einen historischen Isaak und seine Nachkommen an. Die politische Brisanz, die sich aus einer solchen Ansicht ergeben kann, wird uns von fundamentalistischen israelischen Siedlern vor Augen geführt, die sich auf solche biblischen Landverheißungen berufen. Allerdings ist ein König Abimelech, dem der Bibelleser in einer ähnlichen Geschichte mit dem Erzvater Abraham begegnet, als König der Philister (Namensgeber der Palästinenser) historisch unbekannt und für eine allegorische Auslegung spielt die Historizität ohnehin keine Rolle. Das „Land der Philister“ ist ein Land, in dem Israels biblische Feinde leben, aber das wird in dieser Geschichte nicht mitgeteilt. Es ist nicht das Land der Unterdrückung, nicht „Ägypten“ (s. „Der Durchzug durch das Rote Meer“, Die Christengemeinschaft, Juli 14). Es scheint, als würde bei den Philistern ganz gewöhnlich gelebt, geliebt, gestritten. Nahrung für den Körper ist reichlich vorhanden. Mit der Geistesnahrung scheint es schlechter bestellt, und doch findet Isaak sie gerade dort. Dieses Land hat einen König, „Abimelech“, ‚Mein-Vater-ist-König’. In der Märchensymbolik deutet der „Beruf“ des Königs an, dass eine Höchststufe der inneren Entwicklung erreicht ist, der Vater versinnbildlicht den alten ursprünglichen Menschen, das Selbst (Lenz). Abimelech ist fest verwurzelt in der diesseitigen Verstandeswelt, aber die geistige und seelische Welt ist ihm nahe. Er tritt in der Genesisgeschichte als Mittlerfigur zwischen der Welt der reinen Materie und der Welt des Geistes auf.

Jizchak säte in jenem Land und erntete in jenem Jahr hundert Maße, so segnete ER ihn. Groß wurde der Mann und fortgehend größer, bis er übergroß war (…) und die Philister neideten ihn. Alle Brunnen, die seines Vaters Knechte in Abrahams seines Vaters Tagen gegraben hatten, verstopften die Philister und füllten sie mit Schutt (12-14).

Dem hebräischen Text liegt ein Wortspiel inne, das in der Übersetzung verloren geht: „Hundert Maße“ ‚Mea Schearim’ (wie das bekannte Viertel in Jerusalem), bedeutet auch „Hundert Tore“. Ein Tor kann ein Sinnbild des Übergangs sein, vom Diesseits ins Jenseits, von einem profanen in einen heiligen Bereich. Die Symbolik der Zahl hundert (auch Isaaks Vater war „hundert“, als er geboren wurde) und die ungewöhnliche Steigerung des Wortes „groß“ lassen erahnen, dass der Reichtum, den Isaak fand, nicht nur materieller Art war. Im Originaltext „findet“ Isaak „hundert Maße“ – geistige Schätze sind nicht planbar. 

Als ein Sinnbild des Übergangs können auch die Brunnen im Philisterland verstanden werden. Sie führen von der Bewusstheit in die Tiefen des Unbewussten. Wer aus ihnen schöpft, bedient sich geistiger Kräfte, die ihn seelisch erstarken lassen. Die im Materiellen lebenden Philister wissen keine Brunnen zu errichten, die in geistige Tiefen führen. Sie beneiden den aus dem Geist Schöpfenden und versiegen den Zugang zu geistigen Verbindungen mit ihrem materiellen Schutt. Isaak wird angewiesen, die Philister zu verlassen, denn er ist ihnen überstark geworden (16).  

So ging Jizchak von dort, er lagerte im Talgrund von Grar und siedelte dort. (…) Auch gruben Jizchaks Knechte im Talgrund und fanden dort einen Brunnen lebendigen Wassers. Die Hirten von Grar aber stritten mit den Hirten Jizchaks, sprechend: Unser ist das Wasser!  

Es ist der uralte Streit zwischen dem der hat und dem, der nicht hat, der in der Bibel mehrfach als Bruderstreit dokumentiert ist. Auch die Knechte sind im Sinne des Berufsstands verwandt. Dabei ist der geografische Ort des Zwists nebensächlich. Ein Ort namens Grar hat zwar nachweislich existiert, doch sind biblische Ortsnamen und deren geografische Lage nicht selten symbolisch zu verstehen. In „Gerar“ (im Originaltext mit flüchtigem ‚e’, Betonung auf der zweiten Silbe) steckt das Wort „Ger“, ‚Fremdling“. Sowohl Isaak wie sein Vater Abraham waren Fremde in Grar. Isaak verlässt die Ortschaft Grar auch nicht wirklich, im geografischen Sinne, wie man nach seiner Ausweisung vermuten würde, er lagert „im Talgrund“. Ein Tal ist im Gegensatz zum Berg ein „Symbol für Abstieg und Tiefe, im negativen Sinne als geistig-seelische Verlustsituation“ (Herder Lexikon Symbole). Daher wundert es nicht, dass im Talgrund Streit ausbricht. Im Talgrund der Seele jedoch findet der Nomade Isaak das Gleiche, was er auch als „Bauer“ nach seiner Saat „fand“: es sind geistige Schätze, die Isaak erntet oder schöpft. Hier im Talgrund dringt er bis zur geistigen Quelle vor, er schöpft „lebendiges Wasser“.

Die Quelle, ein Sinnbild fruchtbaren Überflusses (Herder), wird von „Menschen der Materie“ (den „Philistern“) nicht als Ursprung lebensspendender Kräfte erkannt. Sie bilden sich ein, selber zu schaffen: Unser ist das Wasser! Geist und Materie scheinen im Talgrund von Grar unversöhnlich. 

So rief er den Namen des Brunnens Essek, Hader, weil sie mit ihm gehadert hatten. Und sie gruben einen anderen Brunnen, und auch um den stritten sie, so rief er seinen Namen Ssitna, Fehde. Er rückte von dort weiter und grub einen andern Brunnen, um den stritten sie nicht mehr, so rief er seinen Namen Rechobot, Weite. (…) Von dort stieg er auf nach Beerscheba (21-22). 

Martin Buber, der sich in seiner Bibelübersetzung im Allgemeinen streng an den hebräischen Originaltext hielt, wich auch hier mit der Bezeichnung des zweiten Brunnens von diesem Prinzip etwas ab: „Ssitna“ ist die ‚Anklage’. Darin steckt das bekannte Wort „Ssatan“, ‚Widersacher’, ‚Ankläger’, - ‚Satan’. Es findet hier am zweiten Brunnen zweifellos eine Steigerung des Seelendramas statt. Mit dem dritten Brunnen kommt die Rettung. Die „Drei“, ein Sinnbild der Vermittlung (Herder), begegnet im Märchen häufig als Anzahl zu bestehender Prüfungen oder zu lösender Rätsel. Isaak fand die richtige Lösung: er rückte von dort weiter. Der Name des Brunnens, „Weite“ deutet an: Er hat sich einer geistigen Weite genähert. Materie und Geist liegen hier nicht mehr im Streit. Mit ihrer „Gleichgewichtigkeit“ findet Isaak den seelischen Ausgleich. Aus dieser Harmonie ist es leicht, nach Beerscheba „aufzusteigen“.

„Sheva“, ‚sieben’, gilt von alters her als heilige Zahl und ist Sinnbild für Vollendung, der Fülle und der Vollständigkeit (Herder). Beerscheba, ‚der Brunnen der Sieben’, ist der Ort, an dem Isaak, wie schon sein Vater Abraham, Frieden findet.  

Das Motiv des Abstiegs und Aufstiegs in Verbindung mit einem Brunnen ist ein bekanntes Märchenmotiv (s. Frau Holle). Das Märchen in der Bibel trennt den Aufstieg seiner Märchenfigur in die geistige Welt nie vollständig von seiner Verankerung in der alltäglichen Welt der Materie. Hebräische Märchenhelden feiern keine mystische Hochzeit, sie lösen ihr Ich nicht auf. Stattdessen schließen Ich und Du einen Bund miteinander, wie Isaak und Abimelech. Abimelech bringt zu diesem Bundesschluss seine Begleiter, Symbolfiguren der materiellen Welt mit: Achusat (‚Landbesitz’) und Pichol (‚Mund aller’), seinen Heeresobersten.  

(Isaak) machte ihnen ein Trinkmahl, sie aßen und tranken. Frühmorgens standen sie auf und schwuren einander (30-31) 

„Schwören“ ist wortverwandt mit „sieben“, scheva’. Als die Knechte Isaak melden, dass sie Wasser „gefunden“ haben, nennt er diesen Brunnen Schwur-Sieben (33) Das Erlebnis der Einheit, die Besiegelung des Bundes, wird so doppelt unterstrichen. 

Dann schickte Jizchak sie heim, und sie gingen von ihm in Frieden.

Frieden ist möglich.