Das "Lachen" der ungleichen Brüder Jizchak und Jischmael


(zuerst erschienen in Jüdische Zeitung August/September 2014)

 

Jizchak und Jischmael, Söhne Abrahams, Erstgeborene ihrer Mütter, sind ein ungleiches Geschwisterpaar in der biblischen Geschichte. Das Motiv des Lachens verbindet sie – und trennt sie. Jizchak (‚er lacht’) trägt das Lachen in seinem Namen, und Jischmael (‚Gott hört’) lacht. Er lacht und wird für sein Lachen verbannt. 

„Lachen“ hat in biblischen Texten verschiedene Bedeutungen. „Lachen“ kann als Ausdruck reiner Freude oder als „Spottlachen“, der Freude über den Schaden eines Anderen, verstanden werden. Auf einer anderen semantischen Ebene entspricht „Lachen“ einer sexuellen Handlung. Lexika für biblisches Hebräisch übersetzen die Grundform „zachak“ [צחק] mit ‚lachen’, die erweiterte Form „zechak“ mit ‚verstärkt lachen’, ‚spaßen’, ‚scherzen’‚ liebkosen’ oder auch ‚spielen’. 

Wie ugaritische Texte zeigen, „lachen“ menschliche Gestalten schon in vorbiblischen orientalischen Mythen bei der Verkündung eines Sohnes. In der biblischen Erzählung wird bei der Ankündigung der Geburt Jizchaks viel gelacht: „Abraham fiel auf sein Antlitz und lachte“ (17,17); “Sara dein Weib gebiert dir einen Sohn, seinen Namen sollst du rufen: Jizchak - Er lacht“ (17,19). Sara hört am „Eingang des Zeltes“ die Ankündigung der Geburt ihres Sohnes durch den seltsamen Fremden (18,10) und „lachte in sich hinein“ (18,12). Die Bedeutung des Lachens unterstreicht ein Dialog, in dem Gott fragt: „Warum lacht Sarah“ (18,13). Auf Saras Leugnung „Ich habe nicht gelacht“ (18,15) folgt Gottes Entgegnung, „Nein, wohl hast du gelacht“ (18,16) - alle in der Form „zachak“. 

Mag in dieser Geschichte der Ankündigung die sexuelle Konnotation noch angezweifelt werden, so tritt sie in der Erzählung des mit Rebekka „scherzenden“ Isaaks (21,6) deutlicher zutage. Der Erzählrahmen ist der gleiche wie in einer anderen Erzvater-Geschichte. Wie Abraham, so siedelt auch Jizchak aufgrund einer Hungersnot in Gerar. Wie Abraham seine Frau Sara als Schwester vorstellt, aus Angst, man werde ihn umbringen, so stellt auch Jizchak seine Frau Rebekka als Schwester vor. König des Gastlands ist in beiden Erzählungen ein „Abimelech“. Während Abimelech in der Geschichte Abrahams Sara begehrte und „nahm“, aber sich ihr nicht nahte“ (20, 4), „lugte“ der „Abimelech“ aus der Zeit Jizchaks „durchs Fenster, und sah, da, Jizchak scherzte  mit Ribka seinem Weibe“ (26,8; wörtlich:  „… und sah, da, Jizchak ‚jizchakend’ die Ribka, seine Frau“). 

Die gleiche Verbform „Zachek“, (lachen, scherzen, …), mit der Abimelechs Beobachtung beschrieben wird,  verwendet die Frau des Potiphar, als sie in Gegenwart ihres Gesindes Joseph beschuldigt, dass er bei ihr „liegen“ wollte: „Seht, einen hebräischen Mann hat er uns herkommen lassen, dass er sein Spiel mit uns treibe“ (1.Mos 39, 14; in der Übersetzung nach Luther: „Mutwillen treibe“). 

In der Bibel finden sich weitere Stellen, in denen sexuelles Vergnügen mit „lachen, scherzen, spielen, …“ umschrieben wird. Zum Fest des Goldenen Kalbs in der Wüste stand das Volk auf, „um sich zu ergötzen (Luther: „um ihre Lust zu treiben“; 2. Mose 32, 6). Die rabbinische Literatur der ersten nachchristlichen Jahrhunderte setzt „Zachek“ hier, genauso wie in der Geschichte Jischmaels, mit „Götzendienst“ gleich.  Aber handelt es sich jeweils um das gleiche „Spiel“?  Mit welchem „Spiel“ reizt Jischmael seine Herrin Sara dermaßen, dass sie ihn mit seiner Mutter wegschickt? Die Erzählung seiner Vertreibung folgt unmittelbar der Geschichte über die Geburt Jizchaks. In dieser spricht Sara: „Ein Lachen hat Gott mir gemacht“ (21,6); „Jeder, der hört, wird [wörtlich]‚mir scherzend sein’“ (Buber/Luther: ‚lacht über mich’). Der hebräische Text verwendet den Dativ („mir“) und betont das Hören. Der jüdisch-hellenistische Philosoph Philo von Alexandrien, der um den Beginn der christlichen Zeitrechnung lebte, übersetzt Saras Aussage: „… wird sich mit mir freuen“. Und er fügt an, „Aber wenn einer die Kraft hat zu hören, dass die Tugend die Seligkeit, den Isaak, geboren hat, so wird er sofort einen Hymnus der Mitfreude anstimmen“ (Allegorischer Kommentar zur Genesis). 

Jischmael trägt das Hören ([שמע] „Schama“) in seinem Namen. Auch er „scherzt“: „Einst sah Sara den Sohn Hagars der Ägypterin, den sie Abraham geboren hatte, spottlachen“ (21,9; Luther: „… wie er Mutwillen trieb“). Auch hier steht das hebräische Verb in der Form „zachek“, (lachen, scherzen, …). Thomas Mann lässt seinen Erzähler in Joseph und seine Brüder diese Form aufgreifen. Und es besteht kein Zweifel, was er unter Jischmaels (Ismaels) „Scherzen“ versteht, nachdem er zuvor berichtete, wie Abimelech „durch das Fenster“ Jizchak und Rivka „scherzen“ sah: 

„Schriftlich heißt es von ihm, er sei ein Spötter gewesen, was aber nicht besagen will, dass er ein loses Maul gehabt hätte – es hätte ihn das für die Obersphäre noch nicht untauglich gemacht -, sondern „spotten“ bedeutet in seinem Fall eigentlich „scherzen“, und es begab sich, dass Abram ‚durchs Fenster’ den Ismael auf unterweltliche Weise mit Isaak, seinem jüngeren Halbbruder, scherzen sah, was keineswegs ungefährlich erschien für Jizchak, den wahrhaften Sohn, denn Ismael war schön wie der Sonnenuntergang in der Wüste.“ 

In der biblischen Erzählung fehlt der Hinweis, dass Jischmael mit Jizchak „scherzte“. Jischmael könnte auch mit sich selber „gescherzt“ haben. Ein Vergleich der verschiedenen Bibelstellen, die sexuelle Vorgänge mit dem Wortfeld „Lachen“ beschreiben oder andeuten, lässt vermuten, dass weniger die Partnerwahl fokussiert werden soll als die Art und Weise des Umgangs: wird der Partner als Objekt gebraucht oder als Mensch (und Gottes Ebenbild) - erkannt? Ist Geist beteiligt oder handelt es sich um triebhafte, nur der eigenen Befriedigung dienliche Vorgänge? Mit dieser Unterscheidung findet auch die rabbinische Übertragung von „zachek“ als ‚Götzendienst’ eine Erklärung. Die rabbinische Auslegung findet ihre Spuren noch im Werk des jiddischen Schriftstellers Isaac B. Singer. Er lässt seinen Protagonisten in Jakob der Knecht sagen: „Der Jude fordert das Böse nicht heraus, indem er den Körper verleugnet – er stellt ihn in den Dienst Gottes“. 

Stimmen mehren sich, die fordern, die Bibel in ihrem Symbol- und Bilderreichtum wahrzunehmen. „Mein Glaube an die Thora lässt mich in der Mizraim-Erzählung eine spirituelle Tiefendimension wähnen, die es zu entdecken gilt“, schreibt der an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrende Psychoanalytiker Gabriel Strenger („Pharao in der Krise“, Tacheles). „Mizraim“, ‚Ägypten’, ist ein Symbol für die Zweiheit, für ein Leben in der materialistischen Welt. Ägypten ist das Land materieller Versorgung für die Erzväter und ihre Kinder. Jischmael ist durch seine Mutter, der Ägypterin und seine ägyptische Frau mit Ägypten, mit dem Materiellen verbunden. Jischmael wird der „Wilde“ („Wildesel“) genannt, der voller Aktivität im Leben Stehende - der durch das Hören aber dem Geistigen verbunden bleiben kann. Jizchak ist der Passive, dem Geistigen Verpflichtete. Bevor Jizchak mit Rebekka zu Abimelech nach Gerar zieht und dort mit Rebekka „scherzt“, „ließ ER vor ihm sich sehen und sprach: Zieh nimmer hinab nach Ägypten“ (26,2). Und Abimelech wirft Jizchak vor: Was hast du uns da getan? Wie leicht hätte sich einer vom Volk zu deinem Weibe legen können“ (26,10). Jizchak ist demnach derjenige, der eine reine Geistigkeit bewahren muss. Er ist der an den Geist „Gebundene“ (die hebräische Bibel spricht von der „Bindung“, nicht von der „Opferung“ Jizchaks) 

Biblische Gestalten sind Symboldarstellungen seelischer Erfahrungen. Tiefenpsychologen sprechen von der „Bilderwelt der Archetypen“. Auch für den aus chassidischer Weisheit schöpfenden Interpreten Friedrich Weinreb ist der Ort biblischer Entfaltung im Menschen selbst zu finden. Wann immer in der Bibel die Rede ist von Auseinandersetzung, Gewalt und Vertreibung, gilt es, all die Erzählungen als Bilder einer seelischen Auseinandersetzung zu verstehen. Dieser Ansicht ist auch Eugen Drewermann: „Denn damit muß Schluß sein, daß die Bibel immer noch verkommt zur ideologischen Begründung von Blutvergießen, Mord und Gewalt mit göttlicher Legitimation oder in göttlichem Auftrag“ (Den eigenen Weg gehen) 

„Biblische Geschichten“, sagt Martin Buber (Die Schrift und ihre Verdeutschung), „sind nur zum geringen Teil chronikartige Niederschrift, in den meisten lebt noch die aufrufende, zeitverbindende, vorbildweisende oder warnende Stimme der Erzähler“. Wer in den Erzählungen der Erzväter historische Begebenheiten und Personen sieht, auf die er möglicherweise seine eigene Genese zurückführt, läuft Gefahr, einen Chauvinismus zu fördern, der politisch wie sozialpolitisch extrem gefährlich werden kann. Eine Förderung des Verständnisses biblischer Symbolsprache könnte dazu beitragen, nahostpolitische und religionspolitische Konflikte zu lösen. Sie würde auch helfen, individuelles Leben reicher und „heiliger“ zu gestalten, wenn biblische Gestalten wie die ungleichen Brüder im eigenen Wesen wahrgenommen werden.