Zwischen Ich und Du

 

Das Ich des Menschen ist nach Buber zwiefältiger Natur. 
Beide Ich-Naturen sieht er mit einem Gegenüber verbunden:
Er kennt ein Ich-Es und ein Ich-Du.
Grundworte nennt er diese beiden.
Die Grundworte sind nicht etwa gewöhnliche Pronomen. 
Eine Katze oder ein Baum kann für Buber ein Du sein;
ein Mensch ein Es.
Das Grundwort Ich-Es drückt Gegenständliches aus,
das Grundwort Ich-Du Gegenwärtiges.
Zu Ich-Es gehört die Welt des Erfahrens, des Gebrauchens.
Ich erfahre oder gebrauche mein Gegenüber als Objekt. 
Die Eswelt lebt in Zeit und Raum,
die Duwelt lebt nicht in der Zeit, nur im Gegenwärtigen. 
Das Grundwort Ich-Du lebt in der Beziehung.
Die Beziehung kann ein Menschen-Du betreffen,
ein Wesen der Natur, oder ein göttliches Wesen.

 

Jenseits des Subjektiven, diesseits des Objektiven, auf dem schmalen Grat,

darauf Ich und Du sich begegnen, ist das Reich des Zwischen.

 Martin Buber, Das Problem des Menschen

 

Martin Buber schöpfte für seine Philosophie des Dialogischen aus der Bibel. Hier fand er den Menschen, der antwortet und in der Verantwortung steht: "Hinéni" - 'hier bin ich'. Die Bibel ist ein Buch des Zwischen par excellence. Der "Bund", der wie ein roter Faden die biblisches Schrift durchzieht, ist syntaktisch mit einem Ausdruck des Zwischens verbunden: (Ich will einen Bund schließen) zwischen mir und dir . Das hebräische Verb kennt keine Zeitform der Gegenwart. Zeit ist im Vergangenen, Erfüllten sowie im Zukünftigen, Unerfüllten. Dazwischen ist Gegenwärtiges, das partizipisch ausgedrückt werden kann ("schreibend", "gehend", etc.). Die hebräische Sprache verfügt darüber hinaus über Mittel, die Emphatik des Gegenwärtigen, des "in-der-Mitte-Stehenden", auszudrücken. In der Bibelübersetzung durch Buber und Rosenzweig ist die Emphatik häufig durch Formen wie "Gott sprach sprechend" wiedergegeben. Nebenbei sei bemerkt, in der spanischen Sprache finden sich Reste linguistischer Elemente des biblischen Zwischen. Diejenigen, die maßgeblich dem modernen Kastillisch-Spanischen zur Entsteheung verhalfen, waren die berühmten jüdischen Übersetzungsschulen der spanischen Höfe. Sie verwendeten für ihre Übersetzungen aus dem Arabischen lateinisches Vokabular und formten es mit den linguistischen Werkzeugen ihrer hebräischen Sprachtradition (mehr dazu im Beitrag "Die Entwicklung der spanischen Verbalperiphrase aus dem Hebräischen") .

Die folgenden Seiten (in der Bearbeitung) werden sich mit dem Zwischen in der Literatur auseinandersetzen. Dabei werden inhaltliche Überschneidungen auftreten mit den Beiträgen aus dem Menü des "Mythischen Zirkels". Im mythischen Zirkel markiert das Zwischen den Übertritt des mythisch Reisenden über die Schwelle. Dazu werden Querverweise gegeben. Hier ein erster: Der "Rabbi von Bacherach" als Held des mythischen Zirkels.

Gastbeiträge willkommen