Martin Buber und die Vision einer „Jüdischen Erneuerung“

(erschienen in Jüdische Zeitung, Feb 2013)

Mit dem Begriff „Jüdische Erneuerung“ wissen in Deutschland die meisten, Juden wie Nichtjuden, wenig anzufangen. Dagegen ist aus der Vision einer Jüdischen Erneuerung, einer „Jewish Renewal“, in Nordamerika seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine größer werdende Bewegung entstanden, der Vertreter aller jüdischen Religionsausrichtungen angehören. Die Bewegung bemüht sich um Wiederbelebung ethischer Werte wie beispielsweise soziale Gerechtigkeit als einem Kerngehalt jüdischer Religion. Sie stützt sich dabei auch und maßgeblich auf Martin Buber.

Wie sah die Vision Bubers von Jüdischer Erneuerung aus? Für eine Einführung und Anregung soll Buber in den nachfolgenden Ausführungen mit Zitaten aus seinen Reden und Schriften selber zu Wort kommen.* Martin Buber erwartete keine Erneuerung des Judentums in dem Sinne, wie sie seine älteren Zeitgenossen Moritz Lazarus und Ascher Ginsburg vorschlugen. In Lazarus’ Schrift „Die Erneuerung des Judentums“ sprach ihn zwar zunächst die Forderung einer Wiederbelebung des prophetischen Judentums an, er sah aber die Verwirklichung im Text nicht angesprochen. „Dies hier war nicht Reformation, es war nur Reform – nicht Umbildung, nur Erleichterung – nicht Erneuerung des Judentums, sondern dessen Fortsetzung in einer leichteren eleganteren, europäischeren, salonfähigeren Form.“ (31) Was Buber erwartete und woran er für das Judentum glaubte, ist nicht eine allmähliche Änderung, Fortsetzung und Verbesserung, sondern eine Umkehr und Umwandlung; „nicht lediglich eine Verjüngung oder Neubelebung, sondern eine wahrhafte und vollkommene Erneuerung.“ (29) Auch bei Ascher Ginsburg, der unter dem Pseudonym Achad Ha-Am den Vorschlag einer Erneuerung durch die Bildung eines geistigen Zentrums in Palästina propagierte, fand Buber nicht die Idee einer wesentlichen Erneuerung des Judentums: „das Zentrum des jüdischen Volkes wird nur dann auch das Zentrum des Judentums werden, wenn es nicht um der Erneuerung willen, sondern aus der Erneuerung und durch sie geschaffen wird.“ (32)

Für Buber bedeutet „Erneuerung des Judentums“ Erneuerung jüdischer Religiosität - nicht die Erneuerung jüdischer Religion. Worin sieht er den Unterschied? Religion bedeutet Erhaltung und Bewahrung, Religiosität schöpferische Erneuerung; eine Erneuerung aus dem Geist, aus dem Unbedingten, „ – ein elementares Sichinverhältnissetzen zum Absoluten“. (66) Es ist das Hineinhorchen in das Geistige, Göttliche und die Verwirklichung des Gehörten. Es ist das Schma Jisrael, das „Höre Israel“ (s. dazu Tagungsbericht, Vortrag Admiel Kosman). Religion ist die Summe der Bräuche und Lehren, in denen sich Religiosität einer bestimmten Epoche eines Volkstums ausgesprochen, in Vorschriften und Glaubenssätzen festgelegt hat. „Sind aber die Riten und Dogmen einer Religion so erstarrt, dass die Religiosität sie nicht zu bewegen vermag, dann wird die Religion damit unfruchtbar und unwahr.“ (66)

Judentum sieht Buber als einen geistigen Prozess an, in dem drei Ideen oder Tendenzen, die untereinander zusammenhängen, zu ihrer Verwirklichung drängen: die Einheit, die Tat und die Zukunft. (34) Im Laufe der Geschichte gab es sowohl Ausprägungen hohen geistigen Niveaus als auch unfruchtbare Zeiten der Erstarrung und der Dürre. Die Tradition, die seit der Zerstörung Jerusalems im Mittelpunkt des religiösen Lebens steht, hat zu einer Erstarrung geführt. „Ein Zaun wurde um das Gesetz gezogen aus der Absicht, das Fremde und Gefährdende fernzuhalten, aber er hielt oft genug auch die lebendige Religiosität fern.“ (76) Religiosität, durch starre Normen von der Religion geknechtet, verwirklicht sich nicht selten in Gegenreaktionen wie messianischen Bewegungen, Mystik oder Prophetentum.

 Die Einheitstendenz im Juden war einst „seine Sehnsucht, sich aus seiner inneren Entzweiung in eine absolute Einheit zu retten und zu erheben“. (35) Die Aufhebung der Dualität in der Erfahrung der Einheit, die Begegnung mit der lebendigen weltliebenden Gottheit, bildete einst den Gipfel des geistigen Prozesses. Aus dem lebendigen Gott wurde ein „unlebendiges Schema“, welches zum Beispiel die Herrschaft des späteren Priestertums oder des beginnenden Rabbinismus charakterisiert. (35) Aber immer wieder im Laufe der Geschichte bricht sich die Einheitstendenz Bahn, „entzündet sich von neuem zwischen den Meistern des Talmuds, durchzieht die Bewegung des Urchristentums“, lebt auf in der verborgenen Mystik, in Kabbala und Chassidismus, und in der Gedankenwelt der sogenannten Ketzer wie Baruch Spinoza (36)

Die zweite Tendenz des Judentums ist für Buber die Tat. Nicht der Glaube steht im Mittelpunkt jüdischer Religiosität, sondern die Tat. Vom Glauben ist in den Büchern der Bibel wenig die Rede, vom Handeln umso mehr. (36) In Urchristentum und Chassidismus erkennt er Strömungen zur Erneuerung der Religiosität der Tat im Judentum. Beide wollen „ der Tat die ihr ursprünglich zugedachte Freiheit und Weihe, die durch die karge Herrschaft des Zeremonialgesetzes geschmälert und verdunkelt worden ist, wiedergeben“. (38)

Als dritte Tendenz des Judentums nennt Buber die Zukunft. Hierzu rechnet er das Prinzip Hoffnung und den Messianismus. Wie die beiden anderen Tendenzen, so äußert sich auch der Messianismus in unterschiedlichen Ausprägungen. Die erhabensten Konzeptionen messianischen Ideals stehen den vulgärsten Vorstellungen des dereinstigen Wohlbehagens gegenüber. Buber lässt nicht unerwähnt, dass auch das Urchristentum von dem Gedanken der absoluten Zukunft, einer „künftig geschehen sollenden Welterlösung bestimmt war“. Doch unterlag das messianische Ideal „der Übertragung messianischer Vorstellungen auf die Person des Führers und Meisters.“ (42)

 

Der Wahrnehmung des Geistigen, der göttlichen Wirklichkeit entspricht das unbedingte Leben, das die Propheten als den wahren Gottesdienst forderten. Da ist der Kern des Judentums, sagt Buber, wo das Unbedingte ein verhülltes Gottesangesicht ist, das in der Menschentat offenbart werden will.“(74) Die „Urwirklichkeit des Judentum“ ist für ihn das Wagnis, „weltverhaftet, welteingebannt zu Gott in der Unmittelbarkeit des Ich und Du zu stehn – eben als Jude“ (9)

 

Die Bibel legt mannigfach Zeugnis von dieser Unmittelbarkeit ab, so in den Sprüchen der Psalmen, in der Forderung der Propheten, im Ringen des Jakob mit seinem Gott oder in den Gottesbegegnung des Mose. „Die Grundlehre, die die jüdische Bibel füllt, ist diese, dass unser Leben ein Gespräch zwischen Oben und Unten ist.“ (173) Die Entstehung der „Heiligen Schrift“ trug allerdings auch zur Erstarrung der Religiosität bei, als aus der Fülle überlieferter Traditionen eine Auswahl getroffen wurde und als festgelegter Ausdruck der Staatsreligion allmählich kanonisiert wurde. Die Bibel gilt fortan als die Wahrheit: „man kann zu Gott nur dadurch gelangen, dass man sich in allem an die Schrift hält. Sie wird aber nicht als eine im Leben auszugestaltende, mit neuem Lebenssinn zu füllende Verkündigung, sondern als eine Satzung, eine Summe von Vorschriften behandelt, „ins Enge, Starre, Unfreie gewandt, die lebendige Religiosität nicht fördernd, sondern unterbindend.“ (75)

Als Buber 1938 nach Palästina übersiedelt, ist die jüdische Gemeinschaft im Lande weit von einer Erneuerung der Religiosität entfernt. Es ist das Jahr, in dem Ben Gurion ohne Bedenken die gewaltsame Vertreibung der arabischen Bevölkerung anspricht (Zentralzionistisches Archiv, 12.6., nach Ilan Pappe), und es ist das Jahr zahlreicher Bombenangriffe der israelischen Terororganisation Irgun auf arabische Märkte. Die Zunahme der Gewalt und Gegengewalt unter seinen jüdischen Mitbürgern als Antwort auf die arabische Revolte beunruhigt Buber. Er mahnt, die Folgen zu bedenken: die Erweckung neuen Hasses, und er klagt die Untreue an: Untreue am Judentum, Untreue an seiner Aufgabe, Untreue am Menschtum. Die Bedrängung von außen sieht er weniger gefahrvoll für das Judentum an als die „innere Untreue“. (527) Es fehlt an geistiger, von Religiosität beseelter Führerschaft. „Instanzen, von denen erwartet werden durfte, dass sie lehrend und weisend versuchen, das Volk von seinem Irrweg abzubringen, haben statt dessen dazu beigetragen, die Opfer der Verblendung mit dem Nimbus von Helden und von ‚Heiligen’ zugleich auszustatten“. Aber wer Wehrlose tötet, „ist ebenso wenig ein Held oder ein Heiliger, wenn er das in angeblicher Verteidigung tut, wie wenn er es im Angriff tut.“ (528)

„Israel hat ein Recht sich zu verteidigen“, so werden noch 70 Jahre später israelische Angriffe auf die palästinensische Bevölkerung gerechtfertigt, auch von „Pflicht sich zu verteidigen“ ist die Rede. Buber hingegen unterschied nicht nur zwischen einer vorgetäuschten und einer echten Verteidigung, er gab der letzten nur ein Recht zur Ausführung, wenn sie ethisch vertretbar ist, d.h., wenn Unschuldige nicht mit in den Verteidigungskampf einbezogen werden. „Wenn aber eine ethisch vertretbare Verteidigung nicht möglich ist, was da? Da hält der Mann, dem es um die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu tun ist, an sich. Er hat der Welt gezeigt, dass er sich zu verteidigen weiß; nun zeigt er ihr auch, dass er das Unrecht zu vermeiden weiß – er zeigt ihr, dass es lebendige Wahrheit und lebendige Gerechtigkeit gibt.“ (529)

Im gleichen Aufsatz (1938) befindet Buber: „Es hat im Leben unseres Volkes wohl keine so schwere Heimsuchung gegeben wie die dieser Stunde. Und es hat darin wohl keine so harte Probe gegeben wie in dieser Stunde. In solchen Stunden hilft einem Volk weder List noch Gewalt, sondern eines nur: mitten in der Heimsuchung die Probe bestehen und treu bleiben.“ (529) Die Chance die Probe zu bestehen ist 70 Jahre später immer noch gegeben. Das Prinzip Hoffnung bleibt. Und Bubers Aufruf kann in diesen wie zu allen Zeiten denen, die sich im Bund mit ihrer Gottheit wissen, weitergegeben werden: „Wahret die Treue! Wir können nicht wissen, ob sie schnellen Lohn bringt. Wer die Probe bestanden hat, muss vielleicht auch dann noch, in der bittersten Pein, warten. Aber wenn die Ernte kommt, wird als die Einzige die Treue übers Feld gehen und ihre Garben sammeln.“(530)

 

 

*„Die frühen Reden“ (1911-1923), „Von der Untreue“ (1938), „An der Wende“ (1951). Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf den Sammelband Der Jude und sein Judentum, Melzer, 1963. In der chronologisch geordneten Werkausgabe sind „Die frühen Reden“ im bereits erschienenen Band 3 enthalten.