Wer ist Jude - Zitate

Kleines Lexikon des Judentums (Maier/Schäfer, Hgg)

Jude, Judentum Beide Begriffe sind seit der Aufklärung nicht mehr einheitlich definierbar. (...) Im Reformjudentum wurde und wird zT. noch heute Judentum allein als Religionsgemeinschaft verstanden.

Encyclopedia Judaica

Significant elements of world Jewry in the modern era have defined, and are defining, Jewish identity as a community of history and destiny of those who still feel their involvement in this community or about whom others feel strongly that these people belong to Jewry.

 

Als der damalige Ministerpräsident Israels, David Ben-Gurion, 1958 von 50 jüdischen Autoritäten Rat einholte, wer als jüdisch anzusehen sei, bekam er eine Vielzahl sich widersprechender Antworten. Die Mehrheit der Befragten war der Ansicht, dass jeder, der sich als Jude oder Jüdin betrachtete, Teil des jüdischen Volkes sei. (Herzberg, Wer ist Jude?. 1998, S. 331; Ben Rafael, Jewish Identities: Fifty Intellectuals Answer Ben Gurion. 2012). Die folgende Sammlung an Zitaten ist nicht widersprüchlich. Die Zitate sind bewusst gewählt, um die traditionelle Meinung, "Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat", in Frage zu stellen.

 

- Gad Barzilai: "The politics of identity [in Israel] has also been the politics of nationality. (...)  "who is a Jew" is not a static question or a fixed dilemma but rather a dynamic construction of political interests amid struggles of communities over political power." 1

- Shaye J.D. Cohen: "Until genetics discuss the long-elusive Jewish gene (*which does not exist) Jewishness will remain a social construction, - a variable, not a constant" 2

- David Ellenson: "When the term 'identity', as opposed to status, is utilized to a person's relationship to a group, it may simply signify the psychological orientation of that individual towards the group (...) A person born to a non-Jewish mother who participates in the life of a given Jewish comunity might well identify herself as a Jew despite having failed to undergo any formal rite of conversion to Judaism". 3

- Marc H. Ellis: "The assertion of a fixed Jewish identity is idolatry (...) mixtures are the origins of the people of Israel".

- Saul Friedländer: "es gibt auf diese Frage keine Antwort. Es geht natürlich nicht um Rasse, denn jeder kann durch Konversion Jude werden. (...) Also, ich würde sagen, es ist eine persönliche Entscheidung." 5

- Leonid Friedmann: "Wenn sich ein Mensch aus ehrlicher Absicht dem jüdischen Volk anschließen möchte, soll es so leicht sein, wie es im Buch Ruth beschrieben wurde". 6

- Susan Glenn, Naomi Sokoloff: "... the overarching question we raise here is, how do they know what they claim to know concerning who is a Jew?". 7

- David Hartmann: "Wir suchen nicht halachische Definitionen, sondern Lebensqualität (...). Ein Mensch, der von nicht jüdischen Eltern geboren wurde, aber ein jüdisches Leben führt [,] ist jüdischer als eine Person, die von einer jüdischen Mutter geboren wurde, aber kein jüdisches Leben führt" 8

- Arthur Hertzberg: "Judesein heißt, sich von der Strömung des uralten jüdischen Flusses, der immer weiterfließt, tragen zu lassen. Die Reise geht weiter". 9

- Susan Martha Kahn: "We know Jewishness is transmitted by the mother, but in the age of reproductive technology this transmission becomes less straightforward: is it the mother's egg that transmits Jewishness, or is it the act of gestation an parturition that makes a child Jewish? 10

- Admiel Kosman: " Jüdisch zu sein, das ist eine Art Leben gegen den allgemeinen Strom, etwas Besseres sein zu wollen, eine Schablone darzustellen, im Mittelpunkt zu stehen, um mehr zu erreichen. [Jüdische] Bewegung ist immer die, die gegen den Strom lebt im Sinne von Verzicht - dem Verzicht, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Sie ist stattdessen bemüht, den Anderen als Subjekt zu sehen; in einfachen Worten, dies ist eine Bewegung von Demut." 11

- Jeschajahu Leibowitz: "Welche Halacha existiert für ein jüdisches Volk, das nicht das Volk der Tora ist? Das ist das meta-halachische Problem, das zu begreifen die meisten Juden noch einmal angefangen haben. Man denkt, es geht hier um die Frage der Anpassung von Toragesetzen an unsere heutige Realität. Aber das ist überhaupt nicht das Problem. Die Frage ist, ob das jüdische Volk vom halachischen Standpunkt aus überhaupt noch existiert". 12 

- Miriam Lübke: "Was aber Jüdischkeit genau ist, weiß niemand, man hat sie oder man hat sie nicht, je nach Blickwinkel des Betrachters". 13

- Bernard Malamud: "All men are Jews except they don't know it." (...) I think it's an understandable statement and a metaphoric way of indicating how history, sooner or later, treats all men." 14

- André Neher: "Ob man das Judentum nun als Zivilisation, Nation, Religion, oder - vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg - als Schicksalsgemeinschaft begreift, immer bleibt der Begriff Judentum "grundsätzlich unvollständig und fragmentarisch"  15

- Rafael Patai: "A Jew is a Jew because he considers himself a Jew. Compared to this overriding factor of self-definition, the question of why he considers himself a Jew is of minor significance." 16 

- I.J. Singer (d.h., sein Erzähler in The Slave): "But now he at least understood his religion: its essence was the relation between man and his fellows". 17

- Carlo Strenger: "this ethnocentrism is an anomaly in modern Judaism, not the norm" 18

- Marina Zwetajewa: "Alle Dichter sind Juden" 19

Nachweise

1 Gad Barzilai, Who is a Jew? Categories, Boundaries, Communities, and Citizenship Law in Israel." In: Glenn/Sokoloff, Boundaries of Jewish Identities. Seattle, London, 2010, S. 28 und 35.

2 Shaye J.D. Cohen, The Beginnings of Jewishness. Boundaries, Varieties, Uncertainties. California. London, California, London, 2010, S. 10

3 "Who is a Jew? Issues of Jewish Status and Identity in the Modern World". In: L.M. Barth (Ed.), Berit Milah in the Reform Context. NY, 1990, S. 69-81.

4  Marc H. Elllis, Judaism does not equal Israel. NY, London, 2009, p. 202.

5  in einem Interview anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Historiker. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/friedenspreistraeger-saul-friedlaender-was-ist-das-eigentlich-juedisch-1489275.html.

6  Leonid Friedmann, "Aufrichtig und gewissenhaft. Die Herausforderung des modernen Judentums liegt im veränderten Umgang mit dem Gijur". In: Jüdische Zeitung, Jan 2013.

7 Susan Glenn, Naomi Sokoloff, Boundaries of Jewish Identity. California, London, 2010, p. 11.

8  Interview mit Jaques Ungar, Aufbau, April, 2008.

9 Arthur Hertzberg, Wer ist Jude. Wesen und Prägung eines Volkes. München, 2000, S. 341.

10 Susan Martha Kahn, "Are Genes Jewish?" In: Glenn/Sokoloff, Boundaries of Jewish Identity, California, London, 2010, p. 19.

11 Interview mit Amir Freiman unter dem Titel "Shaky Identities: Jew, Man, Israeli". http://www.poetryinternationalweb.net/pi/site/cou_article/item/19315/Shaky-identities-Jew-man-Israeli.

12 Michael Shashar (Hg.), Gespräche über Gott und die Welt. Frankfurt, 1990, S. 83.

13 Miriam Lübke, "Was ist jüdische Identität? Einige (satirische) Anmerkungen". <www.talmud.de/cms/Was_ist_juedische_Identit.258.0.html.

14 Leslie and Joyce Field (Eds.), Bernard Malamud: A Collection of Critical Essays . London, 1975, S. 11.

15  André Neher: Jüdische Identität. Einführung in den Judaismus. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1995, S. 29.

16 Rafael Patai, The Jewish Mind. New York, 1977, S. 27.

17 Isaac B. Singer, The Slave,  Penguin, 1962, S. 189

18 Haaretz, 29.5.13

19 http://www.zeit.de/1995/44/Wo_ich_mit_meinen_Gedanken_bin/seite-7

 

Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne

Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne.

Aber ich hatte keine Dokumente. Ich hatte alles vergessen, meinen Namen und den Ort meines Hauses,

den Namen meines bergigen Landes und den Ort meiner entfernt gelegenen und

fremden Stadt, als ich von dort wegging, ein langer Fußmarsch

- bis an die Poren der Stadt, in der sie schlummert,

jetzt,

in ihrer Ruhe,

meine Geliebte!

 

Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne.

Der Jerusalemer Stadtwächter wandte sich drinnen an den Wächter

der äußeren Stadt, das ist der Posten in der Schaltstelle des Wassertors, aber –

o weh! Ich hatte keine Dokumente dabei!

Ich hatte nur zwei Tafeln bei mir!

Nur zwei Tafeln

eines liebenden Herzens.

Eines liebenden Herzens, sehr gewichtig,

aus Marmor.

 

Was kann ich bloß tun?!

Sagt mir doch, meine Wächter,

ihr guten Wächter, Wachtmänner und Verteidiger der Stadt,

ihr Wächter des guten-und-edlen-Kerns –

ich hatte gar kein Bild in der Tasche,

auch keine Papiere!

 

Nur eiserne Dokumente,

und Zeugnisse aus Stein,

und Zeit-Dokumente, auseinanderfallende, aus Kreide.

 

Wächter! Wächter von Mauer und Wand!

Meine Wächter! Wächter der Stadt,

in der sie jetzt schlummert,

in ihrem Bett

in ihrer Ruhe,

meine Geliebte!

 

Ihr, ihr – eurer-Aufgabe-fest-verbundenen-Wächter,

die ihr jetzt an den Gittern seid, an einer Wand-Mauer –

hört, hört,

ich rufe zu eurer Hilfe

aus den Winkeln der Stadt.

 

Könnt ihr, bitte,

sie nur aufwecken

nur für einen Augenblick,

meine Schöne –

 

meine Schöne,

schlummernd

jetzt,

in ihrer Ruhe

 

drinnen in meiner Stadt, meiner,

auf ihrem Bett??

 

Bitte, einer von euch, ihr Wächter der Stadt Jerusalem!

Ruft ihr zu! Weckt sie auf! Drahtlos oder mobil!

Ihr Wächter der Stadt, Helden und Kämpfer!

Bitte, bitte, ruft ihr zu!

Dass sie sogleich zu mir komme!

 

Vielleicht ist sie bereit??

Vielleicht trieft sie schon Myrrhe

und Weihrauch??

Und ist eingehüllt

für mich allein

in einer Tunika-

zur-Nacht??

 

Vielleicht

sehe ich

sie

jetzt?

 

Vielleicht erhebt sie zu mir

ihren Blick

 

von hinter dem Stacheldraht??

 

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Übersetzung aus dem Hebräischen: E.Lutz/ T.Breuer

Original in: Admiel Kosman, Approaching you in English. Brookline: Zephyr, 2011.

Schweigen oder die Beschneidung aus der Sicht des Kindes

(erschienen in Jüdische Zeitung, Juni 2013)

Aus der Sicht des Kindes? Das Neugeborene sieht nicht, hört nicht, empfindet nicht. Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war diese Meinung weit verbreitet. Dann sprach ein französischer Geburtshelfer zu den zukünftigen Eltern. Er veröffentlichte eine Vielzahl von Büchern, die nur um ein Thema kreisen: die Psyche des Neugeborenen. Im Folgenden soll aus einem dieser Bücher zitiert werden: Der sanfte Weg ins Leben von Frederick Leboyer.i

Nach eigenen Worten verdankt der „Vater der sanften Geburtsmedizin“, wie Leboyer häufig genannt wird, seine Einsichten der Psychoanalyse: „Geht man in der Psychoanalyse sehr tief, bringt sie einen zurück zur eigenen Geburt. Vorher hatte ich nur Augen für die Frau und ihre Situation, doch als ich in der Psychoanalyse die Ängste meiner eigenen Geburt wieder erlebte, rückte das Kind in mein Blickfeld. Auf einmal sah ich diese wachen Augen voller Angst.“ ii

Psychoanalytiker haben in der jüngsten Debatte wiederholt ihre Bedenken gegen die Beschneidung geäußert. Sie bezeichnen eine verletzende Intervention am Genitalorgan als ein Trauma. Ist dem so?

Der erwachsene beschnittene Mann hat keine Erinnerung an das Erlebnis seiner Beschneidung im Säuglingsalter. Darum meint er als Befürworter des Rituals nicht selten, sein subjektives Empfinden, „mir hat die Beschneidung nicht geschadet“, liefere das beweiskräftige Argument gegen die vorgebrachte Kritik der Kindesschädigung. Und der Säugling selber spricht nicht. Wirklich?

„Passt auf, seht hin“, sagt Leboyer zur Sprache des Neugeborenen: „Diese tragische Stirn, diese geschlossenen Augen, diese erhobenen oder zusammengezogenen Brauen … Dieser brüllende Mund, dieser Kopf, der nach hinten rutscht …Diese ausgestreckten Hände, die betteln und flehen, dann aber in einer Unglücksgebärde zum Kopf geführt werden …Diese zornig strampelnden Füße, diese Beine, die den zarten Bauch schützen möchten …Dieses Fleisch voller Krämpfe, Reflexe, Zuckungen …Es spricht nicht, das Neugeborene? Sein ganzes Wesen schreit, sein ganzer Körper brüllt: „Fasst mich nicht an! Fasst mich nicht an!“ Und gleichzeitig bettelt, ja fleht es: „Verlasst mich nicht! Helft mir doch! Helft mir!“ … Das Neugeborene spricht nicht? Nein, nein. Wir sind es, die nicht zuhören.“ [12/13]

Der Psychotherapeut Matthias Franz sagt zu der „Sprache“ des Säuglings im Akt der Beschneidung, „Bei einem Neugeborenen rast das Herz, es schreit kläglich, zeigt eine schmerzverzerrte Mimik, Stresshormone werden ausgeschüttet. Es sind auch anhaltende Stressfolgen nachweisbar.“ iii

Die hebräische Literatur weiß von einem neugeborenen Kind, das nicht schreit. Im Roman Schweigen von Joshua Sobol beschließt der Protagonist im Alter von acht Tagen, ausgelöst durch den Schock der rituellen Beschneidung, zu schweigen. Im Alter von 80 Jahren blickt er auf sein Leben zurück und ergreift damit erstmals das Wort. Was er spricht, liest sich in der Erzählung wie eine Wiedergabe aus dem Unbewussten: „Unklar ist, ob es Tag oder Nacht ist. (…) Jemand, der auf einem Stuhl sitzt, dessen Rückenlehne gegen die kurze Querseite des großen Tisches zeigt, hält mich zwischen seinen Knien auf einem weißen, weichen Tuch und spreizt mit den Händen meine Beine. Und ich bin nackt, das heißt, ich habe nur ein Hemd mit langen Ärmeln am Körper. Aber vom Bauch an abwärts bin ich nackt. Und vor mir steht der Schächter. Ich sehe seinen Bart, und ich sehe das Messer in seinem Mund. Hinter seinem Rücken drängen sich hochrote Gesichter und äugen auf mich herab. Glotzen. Grinsen. (…) Ich verstehe jedes Wort, das gesagt wird. Sie sprechen über mich. (…) Die Leute um mich herum reagieren mit Entzücken. Und dann geschieht etwas, an das ich mich nicht erinnern und das ich nicht vergessen kann. Der Schächter beugt sich über mich und greift sich das Fleisch zwischen meinen Beinen. Er zieht und zieht irgend etwas wie aus meinem Bauch, und dann zwickt er mich kräftig. Ich will den Mund aufmachen und sagen, er soll mich in Ruhe lassen und mir das nicht antun, aber zu sprechen hat keinen Sinn.“ [17]iv

Sobols Protagonist schreit sein Leid und seine Angst nicht heraus. Er zieht sich schweigend zurück, „ hat niemals jemandem gehört“ und niemand gehört ihm seit dem Tag, an dem sich der Schächter zwischen seine Beine beugte. [24] Eine Trauma-Verarbeitung in einer empathischen Umgebung kann nicht stattfinden und das Bild des „Schächters“ zwischen den gespreizten Beinen kehrt, mit der Heftigkeit der primären Empfindung, immer wieder.

Auch Leboyer erinnert an die Intensität der Sinneserfahrungen kleiner Kinder, deren Privileg darin besteht, „alles tausendmal intensiver zu empfinden als wir“. [8] Der Sinneseindruck der Neugeborenen ist ungefiltert, ungeordnet, total. Die Sinne der Erwachsenen hingegen haben alle Feinheit, alle Sensibilität, verloren. [114] Das gilt insbesondere für den Tastsinn. Die Haut des Neugeborenen verfügt über eine Sensibilität, von der wir uns keine Vorstellung machen können. Durch die Hände spricht man zum Baby, verständigt man sich mit ihm. Berühren ist die Ursprache, sie geht der ‚anderen’ bei weitem voraus. [96] Die starken, warmen und rauen Hände, die sich in Sobols Erzählung am Genitalorgan des Neugeborenen zu schaffen machen, sind nicht die Hände, von denen Leboyer spricht: leicht, und doch schwer vom Gewicht ihrer Zärtlichkeit. Und von ihrer Stille (…) Friedenshände. [106]

„Friedensbund“, ‚Brit Schalom’, heißt eine alternative Zeremonie zur „Brit Mila“, dem ‚Bund der Beschneidung, die vor allem in Nordamerika immer mehr Zulauf erhält, und dies keineswegs nur oder hauptsächlich von säkularen Juden. Es sind Rabbiner und Rabbinerinnen, die im Bewusstsein des Symbolgehalts des biblischen Gebots auf die Gewaltanwendung durch das Skalpell verzichten. Nach jüdischer Tradition ist die Beschneidung nicht gleichzusetzen mit der Aufnahme in den Bund Gottes, sie ist lediglich ein Zeichen dafür, und Zeichen dürfen sich, zumindest nach reformjüdischer Ansicht, in ihrer Ausgestaltung der zeitlichen Entwicklung anpassen.

Im 19. Jahrhunder bezeichnete der Reformrabbiner Abraham Geiger die Beschneidung einen barbarisch blutigen Akt. Aber auch in unserer Zeit, mit der Möglichkeit der Betäubung, bleibt sie ein qualvolles Ritual. Auch nach einer Betäubung, die ohnehin für das Neugeborene einen widernatürlichen Eingriff darstellt, bleibt der Wundschmerz noch tagelang bestehen. Und wie das Unbewusste mit dieser Gewaltanwendung umgeht, ist schwer zu sagen. Sobols Protagonist schöpft aus diesem, wenn er das Beschneidungserlebnis in die Nähe einer Todeserfahrung rückt. Der Beschneider ist in seiner Sprache, die er als 80-jähriger findet, nicht der Mohel, sondern der Schächter. Es ist derjenige, der den Tieren die Kehle durchschneidet.

Der Roman endet mit einer positiven Erfahrung von Todesnähe. Die Marterinstrumente der Beschneidung sind für den sterbenden Vater des Protagonisten die Gerätschaften, mit denen er an das Bett gefesselt ist, die Riemen, die Schläuche, die Nadel. Der Vater bittet wiederholt und inständigst den Sohn, diese zu entfernen. Als der Protagonist nach schweren Konflikten endlich dem Wunsch des Vaters entspricht und die Instrumente der Qual entfernt, findet er zu den ersten eigenen Worten: „Wir sind frei“. Aber er spricht sie nicht aus. Die Vater-Sohn-Identifikation machen Worte überflüssig. Das Ohr an den Mund des Vaters gelegt, vernimmt er das Wort: „schweig“.

Die feierliche, friedliche Stille am Sterbelager des Vaters „unter dem Fenster inmitten blühender Zitrusplantagen“ [332] weckt ein letztes Mal das Bild der Beschneidung. Das friedliche Bild mit der Symbolik des blühenden Lebens hat hier das Bild des „Schächters“ ersetzt. Es ist die gleiche friedlich feierliche Stille, an die Leboyer für die Geburt eines Kindes denkt. Ermöglicht wird sie in beiden Fällen durch die Änderung von Gepflogenheiten. Liebe hat den Wechsel ermöglicht. Ohne sie wäre auch der Bund zweifelhaft.

 

i Frederick Leboyer, Der Sanfte Weg ins Leben. Geburt ohne Gewalt. 1974. Seitenangaben in Klammern

iv Joshua Sobol, Schweigen. München 2003. Seitenangaben in Klammern

Das jüdische Schloss

Nicht abgebildet: ein Bote

Wahrnehmbar: ein Gespräch; ein Gespräch zwischen dem Boten (B) und dem Torhüter (T)

Gespräch:

B: Öffne!
T: Ich soll das Tor öffnen?
B: Öffne!
T: Aber da könnte ja jeder ...
B: Ja?
T: Aber das ist doch ... das ist gefährlich.
B: Ja?
T: Aber ich stehe in der Verantwortung!
B: Du stehst vor dem Tor. Öffne!

 

In einem Gedicht von Admiel Kosman, Ich sagte dem Jerusalemer Stadtwächter, dass meine Geliebte hier wohne, geht es ebenfalls um eine schlafende Schönheit hinter Mauern, deren Eingänge von Wächtern streng bewacht werden. Vor diesen Mauern stehen auch Palästinenser, die von Wächtern an Checkpoints keinen Einlass erhalten. Und in das Bild der mit Stacheldraht bestärkten Mauer dringt der Stacheldraht von Auschwitz durch.

 

Martin Buber und die Vision einer „Jüdischen Erneuerung“

(erschienen in Jüdische Zeitung, Feb 2013)

Mit dem Begriff „Jüdische Erneuerung“ wissen in Deutschland die meisten, Juden wie Nichtjuden, wenig anzufangen. Dagegen ist aus der Vision einer Jüdischen Erneuerung, einer „Jewish Renewal“, in Nordamerika seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine größer werdende Bewegung entstanden, der Vertreter aller jüdischen Religionsausrichtungen angehören. Die Bewegung bemüht sich um Wiederbelebung ethischer Werte wie beispielsweise soziale Gerechtigkeit als einem Kerngehalt jüdischer Religion. Sie stützt sich dabei auch und maßgeblich auf Martin Buber.

Wie sah die Vision Bubers von Jüdischer Erneuerung aus? Für eine Einführung und Anregung soll Buber in den nachfolgenden Ausführungen mit Zitaten aus seinen Reden und Schriften selber zu Wort kommen.* Martin Buber erwartete keine Erneuerung des Judentums in dem Sinne, wie sie seine älteren Zeitgenossen Moritz Lazarus und Ascher Ginsburg vorschlugen. In Lazarus’ Schrift „Die Erneuerung des Judentums“ sprach ihn zwar zunächst die Forderung einer Wiederbelebung des prophetischen Judentums an, er sah aber die Verwirklichung im Text nicht angesprochen. „Dies hier war nicht Reformation, es war nur Reform – nicht Umbildung, nur Erleichterung – nicht Erneuerung des Judentums, sondern dessen Fortsetzung in einer leichteren eleganteren, europäischeren, salonfähigeren Form.“ (31) Was Buber erwartete und woran er für das Judentum glaubte, ist nicht eine allmähliche Änderung, Fortsetzung und Verbesserung, sondern eine Umkehr und Umwandlung; „nicht lediglich eine Verjüngung oder Neubelebung, sondern eine wahrhafte und vollkommene Erneuerung.“ (29) Auch bei Ascher Ginsburg, der unter dem Pseudonym Achad Ha-Am den Vorschlag einer Erneuerung durch die Bildung eines geistigen Zentrums in Palästina propagierte, fand Buber nicht die Idee einer wesentlichen Erneuerung des Judentums: „das Zentrum des jüdischen Volkes wird nur dann auch das Zentrum des Judentums werden, wenn es nicht um der Erneuerung willen, sondern aus der Erneuerung und durch sie geschaffen wird.“ (32)

Für Buber bedeutet „Erneuerung des Judentums“ Erneuerung jüdischer Religiosität - nicht die Erneuerung jüdischer Religion. Worin sieht er den Unterschied? Religion bedeutet Erhaltung und Bewahrung, Religiosität schöpferische Erneuerung; eine Erneuerung aus dem Geist, aus dem Unbedingten, „ – ein elementares Sichinverhältnissetzen zum Absoluten“. (66) Es ist das Hineinhorchen in das Geistige, Göttliche und die Verwirklichung des Gehörten. Es ist das Schma Jisrael, das „Höre Israel“ (s. dazu Tagungsbericht, Vortrag Admiel Kosman). Religion ist die Summe der Bräuche und Lehren, in denen sich Religiosität einer bestimmten Epoche eines Volkstums ausgesprochen, in Vorschriften und Glaubenssätzen festgelegt hat. „Sind aber die Riten und Dogmen einer Religion so erstarrt, dass die Religiosität sie nicht zu bewegen vermag, dann wird die Religion damit unfruchtbar und unwahr.“ (66)

Judentum sieht Buber als einen geistigen Prozess an, in dem drei Ideen oder Tendenzen, die untereinander zusammenhängen, zu ihrer Verwirklichung drängen: die Einheit, die Tat und die Zukunft. (34) Im Laufe der Geschichte gab es sowohl Ausprägungen hohen geistigen Niveaus als auch unfruchtbare Zeiten der Erstarrung und der Dürre. Die Tradition, die seit der Zerstörung Jerusalems im Mittelpunkt des religiösen Lebens steht, hat zu einer Erstarrung geführt. „Ein Zaun wurde um das Gesetz gezogen aus der Absicht, das Fremde und Gefährdende fernzuhalten, aber er hielt oft genug auch die lebendige Religiosität fern.“ (76) Religiosität, durch starre Normen von der Religion geknechtet, verwirklicht sich nicht selten in Gegenreaktionen wie messianischen Bewegungen, Mystik oder Prophetentum.

 Die Einheitstendenz im Juden war einst „seine Sehnsucht, sich aus seiner inneren Entzweiung in eine absolute Einheit zu retten und zu erheben“. (35) Die Aufhebung der Dualität in der Erfahrung der Einheit, die Begegnung mit der lebendigen weltliebenden Gottheit, bildete einst den Gipfel des geistigen Prozesses. Aus dem lebendigen Gott wurde ein „unlebendiges Schema“, welches zum Beispiel die Herrschaft des späteren Priestertums oder des beginnenden Rabbinismus charakterisiert. (35) Aber immer wieder im Laufe der Geschichte bricht sich die Einheitstendenz Bahn, „entzündet sich von neuem zwischen den Meistern des Talmuds, durchzieht die Bewegung des Urchristentums“, lebt auf in der verborgenen Mystik, in Kabbala und Chassidismus, und in der Gedankenwelt der sogenannten Ketzer wie Baruch Spinoza (36)

Die zweite Tendenz des Judentums ist für Buber die Tat. Nicht der Glaube steht im Mittelpunkt jüdischer Religiosität, sondern die Tat. Vom Glauben ist in den Büchern der Bibel wenig die Rede, vom Handeln umso mehr. (36) In Urchristentum und Chassidismus erkennt er Strömungen zur Erneuerung der Religiosität der Tat im Judentum. Beide wollen „ der Tat die ihr ursprünglich zugedachte Freiheit und Weihe, die durch die karge Herrschaft des Zeremonialgesetzes geschmälert und verdunkelt worden ist, wiedergeben“. (38)

Als dritte Tendenz des Judentums nennt Buber die Zukunft. Hierzu rechnet er das Prinzip Hoffnung und den Messianismus. Wie die beiden anderen Tendenzen, so äußert sich auch der Messianismus in unterschiedlichen Ausprägungen. Die erhabensten Konzeptionen messianischen Ideals stehen den vulgärsten Vorstellungen des dereinstigen Wohlbehagens gegenüber. Buber lässt nicht unerwähnt, dass auch das Urchristentum von dem Gedanken der absoluten Zukunft, einer „künftig geschehen sollenden Welterlösung bestimmt war“. Doch unterlag das messianische Ideal „der Übertragung messianischer Vorstellungen auf die Person des Führers und Meisters.“ (42)

 

Der Wahrnehmung des Geistigen, der göttlichen Wirklichkeit entspricht das unbedingte Leben, das die Propheten als den wahren Gottesdienst forderten. Da ist der Kern des Judentums, sagt Buber, wo das Unbedingte ein verhülltes Gottesangesicht ist, das in der Menschentat offenbart werden will.“(74) Die „Urwirklichkeit des Judentum“ ist für ihn das Wagnis, „weltverhaftet, welteingebannt zu Gott in der Unmittelbarkeit des Ich und Du zu stehn – eben als Jude“ (9)

 

Die Bibel legt mannigfach Zeugnis von dieser Unmittelbarkeit ab, so in den Sprüchen der Psalmen, in der Forderung der Propheten, im Ringen des Jakob mit seinem Gott oder in den Gottesbegegnung des Mose. „Die Grundlehre, die die jüdische Bibel füllt, ist diese, dass unser Leben ein Gespräch zwischen Oben und Unten ist.“ (173) Die Entstehung der „Heiligen Schrift“ trug allerdings auch zur Erstarrung der Religiosität bei, als aus der Fülle überlieferter Traditionen eine Auswahl getroffen wurde und als festgelegter Ausdruck der Staatsreligion allmählich kanonisiert wurde. Die Bibel gilt fortan als die Wahrheit: „man kann zu Gott nur dadurch gelangen, dass man sich in allem an die Schrift hält. Sie wird aber nicht als eine im Leben auszugestaltende, mit neuem Lebenssinn zu füllende Verkündigung, sondern als eine Satzung, eine Summe von Vorschriften behandelt, „ins Enge, Starre, Unfreie gewandt, die lebendige Religiosität nicht fördernd, sondern unterbindend.“ (75)

Als Buber 1938 nach Palästina übersiedelt, ist die jüdische Gemeinschaft im Lande weit von einer Erneuerung der Religiosität entfernt. Es ist das Jahr, in dem Ben Gurion ohne Bedenken die gewaltsame Vertreibung der arabischen Bevölkerung anspricht (Zentralzionistisches Archiv, 12.6., nach Ilan Pappe), und es ist das Jahr zahlreicher Bombenangriffe der israelischen Terororganisation Irgun auf arabische Märkte. Die Zunahme der Gewalt und Gegengewalt unter seinen jüdischen Mitbürgern als Antwort auf die arabische Revolte beunruhigt Buber. Er mahnt, die Folgen zu bedenken: die Erweckung neuen Hasses, und er klagt die Untreue an: Untreue am Judentum, Untreue an seiner Aufgabe, Untreue am Menschtum. Die Bedrängung von außen sieht er weniger gefahrvoll für das Judentum an als die „innere Untreue“. (527) Es fehlt an geistiger, von Religiosität beseelter Führerschaft. „Instanzen, von denen erwartet werden durfte, dass sie lehrend und weisend versuchen, das Volk von seinem Irrweg abzubringen, haben statt dessen dazu beigetragen, die Opfer der Verblendung mit dem Nimbus von Helden und von ‚Heiligen’ zugleich auszustatten“. Aber wer Wehrlose tötet, „ist ebenso wenig ein Held oder ein Heiliger, wenn er das in angeblicher Verteidigung tut, wie wenn er es im Angriff tut.“ (528)

„Israel hat ein Recht sich zu verteidigen“, so werden noch 70 Jahre später israelische Angriffe auf die palästinensische Bevölkerung gerechtfertigt, auch von „Pflicht sich zu verteidigen“ ist die Rede. Buber hingegen unterschied nicht nur zwischen einer vorgetäuschten und einer echten Verteidigung, er gab der letzten nur ein Recht zur Ausführung, wenn sie ethisch vertretbar ist, d.h., wenn Unschuldige nicht mit in den Verteidigungskampf einbezogen werden. „Wenn aber eine ethisch vertretbare Verteidigung nicht möglich ist, was da? Da hält der Mann, dem es um die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu tun ist, an sich. Er hat der Welt gezeigt, dass er sich zu verteidigen weiß; nun zeigt er ihr auch, dass er das Unrecht zu vermeiden weiß – er zeigt ihr, dass es lebendige Wahrheit und lebendige Gerechtigkeit gibt.“ (529)

Im gleichen Aufsatz (1938) befindet Buber: „Es hat im Leben unseres Volkes wohl keine so schwere Heimsuchung gegeben wie die dieser Stunde. Und es hat darin wohl keine so harte Probe gegeben wie in dieser Stunde. In solchen Stunden hilft einem Volk weder List noch Gewalt, sondern eines nur: mitten in der Heimsuchung die Probe bestehen und treu bleiben.“ (529) Die Chance die Probe zu bestehen ist 70 Jahre später immer noch gegeben. Das Prinzip Hoffnung bleibt. Und Bubers Aufruf kann in diesen wie zu allen Zeiten denen, die sich im Bund mit ihrer Gottheit wissen, weitergegeben werden: „Wahret die Treue! Wir können nicht wissen, ob sie schnellen Lohn bringt. Wer die Probe bestanden hat, muss vielleicht auch dann noch, in der bittersten Pein, warten. Aber wenn die Ernte kommt, wird als die Einzige die Treue übers Feld gehen und ihre Garben sammeln.“(530)

 

 

*„Die frühen Reden“ (1911-1923), „Von der Untreue“ (1938), „An der Wende“ (1951). Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf den Sammelband Der Jude und sein Judentum, Melzer, 1963. In der chronologisch geordneten Werkausgabe sind „Die frühen Reden“ im bereits erschienenen Band 3 enthalten.