"Den Festreihn wahre"

 – Tänze in der hebräischen Bibel

(erschienen in Die Christengemeinschaft, Dez. 2016)

Tanz in der Bibel? „Ach, du meinst den Tanz der Salome“. Spricht man in seinem Umfeld beiläufig das Thema an, drückt die Reaktion oft Verwunderung und Unkenntnis aus. Was die Bücher des „Alten Testaments“ betrifft, beschränkt sich die Kenntnis bei der Mehrheit der Angesprochenen auf den „Tanz um das goldene Kalb“ im zweiten Buch Mose. Bibelkundige wissen noch zwei oder drei Tanzbeispiele mehr zu nennen, - etwa den Tanz des  Königs David vor dem heiligen Schrein (der „Bundeslade“) oder den Reigentanz der Mirjam -, aber im Allgemeinen wird dem Tanz in der Bibel keine sehr große Bedeutung beigemessen. Das ist auch nicht verwunderlich, jahrhundertelang  haben sich Kirchenführer in ihrer Ablehnung des Tanzes auf Negativbeispiele in der Bibel bezogen. Angetrieben wurde die Ablehnung vor allem durch die kirchliche Absage an Sexualität und Erotik. Ein Höhepunkt der Ächtung trat mit der Reformation ein. Tanz wird von Reformatoren als eine Geilheit bezeichnet, „welche keuschen Leuten nicht gebührt“.[1] Die beliebten, vielfach sexuell motivierten Reigentänze – wie der Tanz um den Maibaum - werden, so sie nicht abgeschafft werden können, von „anrüchigem“ Liedgut gereinigt. Auch das bekannte Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her“ ist beispielsweise eine Folge solch verwandelten Liedguts. Dabei hätten die Reigentänze biblische Vorbilder gehabt – wenn sie nicht sogar durch diese beeinflusst sind.

 

„Die Bibel kennt kein Tanzen im Gottesdienst“, meint der evangelikale Publizist Alexander Seibel. Dem widersprechen alttestamentarische Wissenschaftler. Der Tanz gehörte in biblischer Zeit so selbstverständlich zum Kult der Religion, dass er keiner besonderen Erwähnung bedurfte. Besondere Erwähnung finden nur außergewöhnliche Vorkommnisse. Sehr ausführlich geht darauf die noch immer empfehlenswerte Studie von W.O.E. Oesterley, Sacred Dance in the Ancient World (1923) ein.  Auch der reichhaltige Wortschatz für das Wortfeld „tanzen“ ist ein Indiz für die Beutung des Tanzes, wobei der sakrale Charakter zu überwiegen scheint. Eine strikte Trennung in sakrale und nichtsakrale Tänze ist jedoch nicht möglich, da auch das Alltagsleben von Religiosität, mal mehr, mal weniger, durchdrungen ist. Es stellt sich immer die Frage, inwieweit nicht auch der pure Freudentanz mit Religiosität verbunden ist. Die unterschiedlichen Formen im Gebrauch für das Wort „Tanz“ oder „tanzen“ können mitunter Hinweise geben.

 

Zu den biblischen Ausdrücken für „tanzen“ zählt das Verb „chagág“, hergeleitet aus „chag“ ‚Fest, Feier’.[2] Wo im Orient gefeiert wird, wird auch getanzt. Es scheint die älteste Form für den Hinweis auf einen sakralen Tanz zu sein. Sprachwissenschaftler führen „chagág“ auf „umkreisen“ zurück. In biblischer und vorbiblischer Zeit wurde im sakralen Tanz der Völker des Orients ein sakraler Gegenstand – ein Baum, eine Quelle, ein Stein – oder auch ein bestimmtes Opfer umkreist (s. den noch heute gepflegten Brauch des siebenmaligen Umkreisens der Kaaba in Mekka unter dem verwandten Namen „Hadsch“, linguistisch Ḥaǧǧ). Die ursprüngliche Bedeutung als „umkreisen zwecks Heiligung“ spricht Psalm 118 an. Nach der Einheitsübersetzung fordert Vers 27 auf, „Mit Zweigen an den Händen/ schließt euch zusammen zum Reigen,/ bis zu den Hörnern des Altars!“ Luthers Übersetzung „Schmückt das Fest mit Maien“ drückt Ähnliches aus. Beide Varianten erinnern an den uralten Brauch des Reigens mit gewundenen Kränzen, ursprünglich ein sakraler Reigen, von vielen Völkern gepflegt, der sich rudimentär noch bis in die Gegenwart als gesellschaftliches Brauchtum erhalten hat. Ein Erbe des Reigens im Tempel von Jerusalem ist der Rundgang mit dem Feststrauß im heutigen Synagogengottesdienst zum Ende des Laubhüttenfests. Dass er in der Tradition israelitischen Brauchtums zur Zeit der Bibel steht, geht aus postbiblischem jüdischen Schrifttum (Mischnah, Sukkah) hervor: Nachdem die Opfer dargebracht wurden, gingen die Priester in einer Prozession, den Psalm 118 singend, um den Altar herum. Am siebten Tag umkreisten sie ihn siebenmal.

 

Eine sakrale Bedeutung des Verbs „chagág“ haftet ihm auch dann noch an, wenn der Rahmen nicht an ein Heiligtum gebunden ist. Der Tanz ist auch Mittel für die Feier militärischer Siege,  denn es ist ihr Gott, der den biblischen Völkern Sieg (oder Niederlage) beschert. So findet David die Amalekiter (Samuel 30, 16) nach der Übersetzung Bubers „essend und trinkend und rundreihend um all die Beute“ (die Übersetzung anderer Bibelausgaben „aßen und tranken und feierten“ ist tautologisch; zu einer Feier gehörten essen, trinken und tanzen).

Siegestänze wurden im Allgemeinen von Frauen getanzt – es waren ja die Helden des Krieges, die geehrt werden sollten. Während der Reigen, den Miriam im Mythos anführt (Exodus 15, 20-21) ganz dem Gott JHWH gewidmet ist, ist eine solche im Reigen von Jephtas Tochter (Richter 11, 34) nicht erkennbar. Hier steht die Frage des Gelübdes und der Opferung im Vordergrund der Erzählung. Im Reigentanz, den die Frauen Israels zu Ehren Judiths in der gleichnamigen apokryphen (nicht zur hebräischen Bibel gehörenden) Schrift aufführen, ist von einem Lobgesang Gottes zwar nicht den Rede, wohl aber im „Festreigen der Frauen“, den Judith selber anführt“. Sie preist den Gott Israels, der ihr die Kraft gab, den feindlichen Kriegsherrn zu überlisten. Der Leser erfährt hier auch Näheres über das Auftreten der Reigentanzenden: Die Tänzerinnen sind mit Laubkränzen geschmückt; auch die Waffen tragenden Tänzer sind mit Kränzen geschmückt. Sie folgen den Frauen. Männer und Frauen tanzen den Reigen, wie bei den Völkern des Orients üblich, getrennt.

 

Der nur von Frauen begangene Festreigen ist in der hebräischen Bibel durch das Verb „chul“ oder dem entsprechenden Substantiv „Mecholáh“ angesprochen. Die Häufigkeit des Vorkommens mag daran erinnern, dass in vorbiblischer Zeit Tänzerinnen die Aufgabe der Huldigung ihrer Gottheit vertraten. Mirjam, Jephtas Tochter, die Frauen von Schilo, die Schulamith des Hohelieds und die tanzenden Frauen im Buch Samuel tanzen eine Mecholáh (oder im Plural: „Mecholót“). Der Kreistanz der  Männer („Machól“) ist durch Tanzschritte anderen Charakters bestimmt. Biblische Ausdrücke für das Tanzen unter Männern sind „rikéd“ (hüpfen, springen, tanzen) oder „pisséch“ (springen, humpeln, tanzen). Auch wenn die Bibel von „dilég“ (springen, überspringen) oder „kipétz“ (springen) spricht, muss an einen „männlichen“ Tanzschritt gedacht werden. Dieser ist durch die Senkrechtbewegungen (Aufwärts-Abwärtsbewegungen) bestimmt, während der Frauentanz durch Rundungen charakterisiert ist.

 

David ist wahrscheinlich der bekannteste Tänzer der Bibel. Seinen Tanz beschreibt das Buch Chronik (1, 15) mit dem Verb „rikéd“, aber es steht nicht alleine da. Es ist verbunden mit „ssichék“ (Spaß treiben, spielen, tanzen). „Ssichék“ taucht dort auf, wo der Tanzende Freude empfindet, aber sein Tanz nicht zwangsläufig an die rituelle Norm gebunden ist. Der „heilige Charakter“ des Tanzens kann ausgeklammert bleiben oder auch in den Augen des Betrachters verletzt werden. Im Tanz um das goldene Kalb wird dem „falschen Ritus“ gehuldigt: es ist nicht JHWH, den die mit „ssichék“ beschriebenen Tanzenden verehren, obwohl es doch ein Fest zu seinen Ehren sein sollte. Der Tanz Davids wird auch in einem anderen Buch der Bibel angesprochen. Das zweite Buch Samuel beschreibt ihn ebenfalls mit zwei Verben unterschiedlichen Charakters. Pissés“ bedeutet ähnlich wie „rikéd“ hüpfen, und das zweite Verb,  „kirkér“, gibt die Bibelübersetzung nach Buber/Rosenzweig mit ‚drehen’ wieder:  „Dawid selbst drehte mit aller Kraft sich vor IHM, Dawid selbst, mit einem Linnenumschurz gegürtet (Samuel II, 14). Die Tanzform, die vielleicht wie das Verb aus dem Nordkanaanäischen (Ugaritischen) stammt, schien dem Jahweh-Kult fremd zu sein. Davids Tanz scheint der Tanzform ähnlich, die auch die zahlreichen Prophetenjünger gebrauchten, um in Ekstase zu geraten. Vermutlich hielt Davids Frau Michal den ekstatischen Tanz mit der Ablegung der Bekleidung eines Königs unwürdig. Aber auch Michals Vater,  König Saul, erfuhr Ekstase im Tanz. Von ihm sprachen die Umstehenden: „Ist Saul etwa auch unter die Propheten gegangen?“ (Samuel I, 10, 11). Das erste Samuelbuch bekundet, wie groß die Anhängerschaft der tanzenden Propheten war und wie ansteckend der ekstatische Charakter des Tanzes.

 

Unter den semitischen Religionen erfuhr der ekstatische Tanz prinzipiell keine Ablehnung. Er wurde auch als ein Akt der Hingabe an den Gott verstanden und lebt heute noch fort in den Derwischtänzen der Sufis. In schärfste Kritik geriet der ekstatische Tanz unter den Hebräern jedoch dann, wenn er mit Selbstkasteiung und Verletzung unter Trance einherging, so wie es bei den Baalsjüngern üblich war (Könige I, 18, 27). Gesellschaftlich fest verankert hingegen war der Freude vermittelnde Reigentanz, der zu jeder festlichen Gelegenheit getanzt wurde und von dem der Prophet Jeremia allegorisch spricht: „Maid Jisrael, wieder schmückst du mit Pauken dich und fährst aus in der Spielenden Reigen.“ (Jeremia 31,4, nach Buber/Rosenzweig; mit „Pauken“ sind Handtrommeln gemeint, die zu allen Reigentänzen geschlagen wurden).

 

Das Bild der tanzenden jungen Mädchen ist aus der biblischen Gesellschaft nicht wegzudenken. Noch stärker führt das postbiblische Schrifttum dieses Bild vor Augen, wenn es von den freudigen Tänzen zu den Weinlesefesten in den Weinbergen, zum Fest der Tag- und Nachtgleiche, zum Laubhüttenfest und selbst zum Versöhnungsfest berichtet. Dass Männer und Frauen getrennt tanzten, deutet nicht auf Sexualfeindlichkeit, im Gegenteil. Man ging zum Tanzplatz anlässlich sakraler Festlichkeiten auch auf „Brautschau“ (vgl. Richter 21, 19-21) und umgekehrt zeigten werbende Tänzer den jungen Mädchen, was sie anzubieten hatten.

 

Am häufigsten Erwähnung findet der biblische Tanz in den Psalmen, entweder als sakraler Ritus für die Männer mit dem Verb „ssaváv“ (umkreisen) oder in der Form des Reigentanzes, „machól“. Schwierigkeiten bereitet die Übersetzung dort, wo die Verbform „chol“ mehrdeutig ist. „Chol“ kann ‚reigentanzen’, ‚winden’, ‚sich winden’ oder auch ‚beben’ heißen (Psalm 96,9; 97,4; 114,7). Kommentare zu den Psalmen aus den letzten Jahrzehnten zeigen, wie uneinig die Übersetzer sind. Angesichts der Freude, zu der in den genannten Psalmen die Erde aufgerufen wird, erscheint eine Aufforderung zu „beben“ wenig sinnvoll. Der Theologe Norbert Lohfink argumentiert eindrücklich für eine Übersetzung „tanze“ in Psalm 114. Viele sind ihm mittlerweile gefolgt. Auch die Bibel in gerechter Sprache fordert die Erde zu tanzen auf. Martin Buber hat bei seiner Übersetzung „winde dich, Erde“ (114,7) vielleicht an den traditionellen Reigentanz gedacht, bei dem Kränze gewunden werden. Dass im gleichen Psalm die männliche Tanzform des Hüpfens angesprochen wird, rückt ihn näher an die Hochzeits- und Vereinigungssymbolik. Diesem Gedanken folgend könnte der Psalm männlich-weibliche Vereinigung mit der Gottheit ansprechen, die Vereinigung „im Angesicht der Gottheit Jakobs“ (Bibel in gerechter Sprache).

 

Die beiden letzten Psalmen rufen noch einmal deutlich zum Lobgesang mit dem Reigentanz, „Machól“, auf (149, 3; 150, 4). Alle den Lobgesang begleitenden Instrumente, ohne Rücksicht auf deren Verwendung durch männliche oder weibliche Spieler werden aufgeführt. Geschlechtlichkeit scheint aufgehoben: „Aller Atem preise oh ihn“ (Buber/Rosemzweig) so endet der den Psalter beschließende 150. Psalm. Martin Luther nannte den Psalter auch „Die kleine Biblia“. Unbeabsichtigt gibt er damit zu erkennen, welche hohe Bedeutung der Tanz trotz seiner zahlenmäßig geringen Aufführung an anderen Stellen in der Bibel hat. Tanz in der Bibel ist ein Festreigen, zu dem alle eingeladen sind. „Den Festreihn wahre“, gebietet das Buch Exodus (23, 15 nach Buber/Rosenzweig) zu den bekannten Festen des Jahres, - das heißt letztlich, zu jeder „geweihten Nacht“.

 

 



[1] Nach Marion Koch, Salomes Schleier. Eine andere Kulturgeschichte des Tanzes. Hamburg, 1995, S. 169.

[2] Hebräische Ausdrücke sind auch für Laien lesbar und mit Betonungszeichen wiedergegeben. Ein „ch“ entspricht immer dem deutschen „ach“-Laut.