Ein Held, der aus seinem Feind einen Freund macht

- Zu den Weisheitssprüchen des „Rabbi Natan“ -

(erschienen in Jüdische Zeitung, Dez 2012)

Wenige Tage ist es her, da man wieder des Todestags Jizchak Rabins gedachte. In die Lobeshymnen für den von einem rechtsradikalen Israeli Ermordeten mischten sich auch kritische Stimmen. War er wirklich „der Mann des Friedens“, jemand, der „aus seinem Feind einen Freund“ macht?

Bill Clinton, der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, muss das geglaubt haben; zumindest 1994 als Gastgeber des israelischen Ministerpräsidenten und des jordanischen Königs Hussein. Clinton bezeichnete damals, vor der Unterzeichnung eines „Grundsatzabkommens“ im Weißen Haus seine Gäste als „visionäre Staatsmänner“ und er schloss seine Begrüßungsrede mit einem Weisheitsspruch aus dem Talmud ab. „Der Talmud lehrt uns, ‚jener ist ein Held, der aus seinem Feind einen Freund machen kann.’ Vor uns stehen heute Freunde, und Helden.“

 Wo fand der „Talmudgelehrte Clinton“, bzw. sein Berater, im umfangreichen talmudischen Werk diesen Ausspruch? Vielleicht musste er gar nicht suchen. Vielleicht ist ihm in Erinnerung geblieben, dass dieser Ausspruch schon einmal bei einem Friedensabkommen auf US-amerikanischem Boden gehört wurde, nämlich bei den durch Amtsvorgänger Jimmy Carter vermittelten Rahmenabkommen, unterzeichnet von dem israelischen Ministerpräsidenten Begin und dem ägyptischen Präsidenten Sadat. Hier in Camp David war es Begin, der auf den Spruch hinwies: „In der jüdischen Tradition gibt es die Lehre, dass der größte Verdienst eines Menschen ist, aus seinem Feind einen Freund zu machen.“ Vielleicht hatte Bill Clinton auch eine der neueren übersetzten Einzelausgaben des Awot de-Rabbi Natan zu Hand gehabt, in der sich der zitierte Ausspruch im 23. Kapitel leicht finden lässt. Im Gesamtwerk des Talmuds hätte er etwas Schwierigkeiten gehabt. In traditionellen Talmudausgaben findet sich der Traktat Awot de-Rabbi-Natan mit dem genanten Ausspruch außerhalb der kanonisierten Traktate unter den „Kleineren Traktaten“, in übersetzten Ausgaben fehlt er oft ganz. Wie kommt das über Jahrhunderte gelesene Werk zu seinem talmudischen Schattenplatz? Gab es Streitigkeiten unter den Herausgebern? War man sich eher Feind als Freund?

 Mit der Schrift Awot de-Rabbi Natan sind viele mysteriöse Fragen verbunden, die bis heute nicht klar und eindeutig beantwortet werden können. Wie ist ihr Verhältnis zu dem verwandten Traktat Pirke Awot, ‚Sprüche der Vater’, der in das Basiswerk des Talmuds, der Mischna, aufgenommen wurde? Wann wurde das Werk verfasst oder herausgegeben? Wer ist sein Herausgeber?

Was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass Rabbi Natan weder der Verfasser noch der Herausgeber des nach ihm benannten Traktats ist. Zu verschieden ist der Charakter der in ihm enthaltenen Schriftstücke, die aus verschiedenen Quellen und Zeiten zu stammen scheinen und die überdies Persönlichkeiten benennen, die erst nach jenem Rabbi Natan gelebt haben, der im zweiten Jahrhundert n.d.Z. Stellvertreter des Patriarchen und Vorsitzender des Obersten Gerichtshofs in Palästina war. Rabbi Natan soll auch an der Redaktion der Mischna in erheblichem Maße beteiligt gewesen sein. Doch gilt der jüngere Patriarch, Rabbi Jehuda ha-Nassi als der Endredaktor dieser ersten umfangreichen Gesetzessammlung.

In diese Sammlung also ist Pirke Awot, obwohl kein einziges Gesetz enthaltend, , als Traktat der Mischna aufgenommen. Es handelt sich um eine Sammlung von Weisheitssprüchen hervorragender Toragelehrter, die vor allem die ethischen Anschauungen des pharisäisch-rabbinischen Judentums vermitteln. Dagegen bereitet die Charakterisierung des Awot de-Rabbi Natan große Probleme. Es gibt wohl keine rabbinische Literaturgattung, die nicht schon für dieses rätselhafte Werk vorgeschlagen wurde. Die einen sprechen von einem Kommentar zur Mischna, einer Art Gemara, andere von Tosefta oder Baraita, wieder andere sehen in ihm einen Midrasch. Es würde zu weit führen, die einzelnen Gattungen zu erläutern. Aber woher kommt die Verwirrung, die Unstimmigkeit? Vielleicht hilft hier ein kurzer Vergleich dieser beiden Sammlungen „der Väter“.

Pirke Awot führt eine Reihe von Namen weiser Toragelehrter auf, denen ein Weisheitsspruch zugeordnet ist. Die Sprüche werden nicht als vereinzelt stehende Aphorismen präsentiert, sondern inhaltlich und chronologisch verbunden. Gelegentlich werden die Hinweise zu einer ethischen Lebensführung gegenüber Gott, den Mitmenschen und sich selbst mit einem kleinen Kommentar versehen oder durch einen Bibelvers untermauert. Ein Beispiel aus Pirke Awot, vierter Abschnitt:

Ben Soma sagt: Wer ist weise? Wer von jedermann lernt; denn es ist gesagt (Psalm 119,99): Von allen, die mich belehrten, habe ich Einsicht erworben, denn dein Zeugnis finde ich im Gespräch. Wer ist ein Held? Wer seine Leidenschaft bezwingt; denn es ist gesagt (Sprüche 16, 32) ...

 Der gleiche Text ist in Awot de-Rabbi Natan enthalten. Hier aber gibt es Ergänzungen, darunter findet sich der Spruch, der viel zitiert wurde, eben auch von Staatsmännern. Awot de-Rabbi Natan fügt hinzu,

Und einige sagen, es ist jemand, der aus seinem Feind einen Freund macht.

Wer aber sind „Einige“? Nach einer talmudischen Erzählung hat zwischen Rabbi Natan und dem Patriarchen Schimeon Ben Gamaliel, dem Vater des Rabbi Jehuda Ha-Nassi und Endredaktor der Mischna, ein Zerwürfnis bestanden, in dessen Folge Rabbi Natan seinen Vorsitz im Sanhedrin, dem Obersten Gerichtshof verlor. Später wurde er wieder aufgenommen, aber seine Lehrmeinungen sollten nur noch anonym weitergegeben werden. Anstatt „Rabbi Natan“ solle gesagt werden, „Manche meinen“. Wenn auch die historische Glaubwürdigkeit der Erzählung angezweifelt wird, ist es durchaus denkbar, dass der viel zitierte Spruch von Rabbi Natan stammt. Letztlich bleibt die Frage unbeantwortet, genauso wie die nach dem oder den Herausgebern dieser Sammlung.

Vielleicht kann eine Analyse des Inhalts klärend beitragen. Im Ganzen gesehen setzt sich Awot de Rabbi Natan folgendermaßen zusammen: Das Werk enthält einen großen Teil der Weisheitssprüche aus Pirke Awot, die durchweg mit einem weiteren Kommentar versehen sind. Zusätzlich sind in dem Werk Sprüche aufgenommen, die nicht in Pirke Awot enthalten sind und darüber hinaus Geschichten über biblische Gestalten und über einige Weise, wie Rabbi Aqiba oder Rabbi Jochanan Ben Sakkay. Dabei handelt es sich bei den längeren Geschichten über die Weisen um eine völlige Neueinführung eines literarischen Genres in die jüdische Literatur, aus der unterschiedliche Anschauungen unter den Herausgebern der beiden verwandten Werke am ehesten sichtbar werden. In Awot de-Rabbi Natan wird dem Torastudium eine größere Bedeutung beigemessen und auch ein erfolgreiches Studium im Alter anerkannt. Während sich Pirke Awot an Individuen richtet, ist Awot de-Rabbi Natan vornehmlich an die Gemeinschaft Israel adressiert. Während Pirque Awot dem individuellen Lehrer oder Schüler durch gute Lebensführung ein Leben in der jenseitigen Welt verspricht, erscheint die kommende Welt des Awot de-Rabbi Natan diesseitsgerichtet.

Anders als Pirke Awot hält Awot de-Rabbi Natan konsequent die richtige chronologische Reihenfolge in der Aufführung der Weisen nach ihren Lebensdaten bei. Es fehlen hier die Sentenzen des Patriarchenhauses, Rabbi Jehuda Ha-Nassi und seiner direkten Vorfahren. In der Endausgabe des Patriarchen erscheinen sie eingeschoben zwischen den Aussprüchen der beiden großen Gelehrten Hillel und Jochanan ben Sakkaj. Nur Schimeon Ben-Gamaliel, der Vater und Vorgänger des Patriarchen, findet in Rabbi Natans Awot Erwähnung mit dem Schuldbekenntnis seines sündhaften Stolzes. Die Auswahl der Beiträge in den verwandten Ausgaben lässt eine Polemik zwischen den Gelehrtenhäusern erahnen; eine Polemik, der sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht sonderlich gewidmet wurde, - war doch der Patriarch, Rabbi Jehuda ha-Nassi, in voller Würdigung seiner Autorität auch nur „Rabbi“ genannt, und der den Beinamen „der Heilige“ erhielt, der Redaktor der Mischna, dem angesehensten Werk des Judentums nach der Bibel. Wer diese Autorität kritisiert, rührt möglicherweise auch an dem von seinem Hause niedergelegten ideellen religionsgesetzlichen Gerüst des Judentums, der Halacha.

Und dennoch hat es immer Stimmen gegeben, wie auch der Talmud bezeugt, die sich kritisch zu Jehuda ha-Nassi äußerten. Der Patriarch war ein äußerst wohlhabender Aristokrat, der intensive Anstrengungen unternahm, seine Machtstellung innerhalb des politischen Judentums zu stärken. Mit dem archaischen Titel „Nassi“, 'Fürst' hielt er für seine Anhänger den Glanz vergangener Zeiten mit einem jüdischen Staatswesen aufrecht. Politisch arrangierte er sich mit Rom. Der Reichtum und die politische Ausrichtung des in Galiläa waltenden Aristokraten dürfte nicht allen Bewohnern des geplagten Judäas gefallen haben.

Erstaunlich ist, dass der auf ein Nebengleis gestellte Traktat Awot de-Rabbi Natan jahrhundertelang seine Beliebtheit bewahrt hat. Er wurde immer und immer wieder abgeschrieben. Das hat dazu geführt, das heute neben der erstmals gedruckten Ausgabe von 1550 viele uneinheitliche Fassungen als Manuskript vorliegen. Forscher sahen sich veranlasst, durch Textvergleich einer möglichen Urfassung der Sprüchesammlung auf die Spur zu kommen. Das ist nicht gelungen. Eher überwiegt der Eindruck, dass aus einer Fülle von tradierten Texten unterschiedliche Redaktionsprozesse entstanden sind. Nicht in allen Redaktionen ist „unser“ Weisheitsspruch zu finden.

Trotz aller ungelösten Rätsel hat sich mit Awot de-Rabbi Natan ein Werk mit einem großen Reichtum an homiletischem, biografischem, historischem und legendärem Material erhalten. Sein Studium kann uns eine für seine Entstehungsgeschichte ausschlaggebende Epoche – die Zeit der Aufstände, Rivalitäten, Hungersnöte, messianischer Erwartungen und Kriege mit Hunderttausenden an Toten - in seiner Tragik und Traurigkeit lebendig werden lassen. Und sie kann helfen, die Folgegeschichte mit ihrer Tendenz zu Festsetzung und Vereinheitlichung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Seine Lehrsprüche sind lebendig geblieben und einer der am meisten zitierten ist der mit der Frage nach dem Helden („gibor“), der aus seinem Feind („sson'o“,' ihn Hassenden') einen Freund („ohawo“, 'ihn Liebenden') macht.

War Jizchak Rabin ein solcher Held? Er war gewiss ein Held, indem er den ihn bedrängenden Strömungen politischer und religiöser Fanatiker kurz vor seinem Tod widerstand und die Warnungen des Sicherheitsdienstes zu einem möglicherweise bevorstehenden Attentat ignorierte. Die Frage des „Rabbi Natan“, an die Gemeinschaft Israels gerichtet, ist lebendig geblieben. Zum Beispiel bei den Rabbinern für Menschenrechte, die den Zweig des Ölbaums hochhalten als - so Rabbiner Arik Ascherman - „ein Symbol der Identifizierung mit jenen Israelis und Paläsitinensern, die alles in ihrer Macht Stehende für einen Wandel tun um - nach Pirke Awot de-Rabbi Natan - aus Feinden Freunde zu machen.“ Die Hoffnung bleibt.