Gaza via Rafah

Auf dem Landweg nach Gaza einzureisen ist nahezu unmöglich. Die folgenden Zeilen berichten von meinen misslungenen Versuchen und einem geglückten mit der italienischen Gruppe "Vik2gaza".

Erster Versuch: März 2009 mit dem englischen Konvoi "Viva Palästina". Der motorisierte Konvoi bricht Ende Februar von London auf und erreicht auf dem Weg entlang der afrikanischen Küste den Grenzort Rafah am 9. März. Mit Yvonne Ridley, Journalistin und Co-Organisatorin, mir bekannt durch die Freegaza-Überfahrt auf der Liberty, vereinbare ich, dass ich mich in Kairo anschließe. Der Konvoi hat einige Tage Verspätung, die ich in Al-Arish verbringe. Der Jubel ist riesig, als die lange Auto- und LKW-Schlange endlich eintrifft. Die Gaza-Freunde scheinen große Teile der Bevölkerung im Nordsinai hinter sich zu haben. Dem englischen Abgeordneten und Teilnehmenden an der langen Reise, George Galloway, gelingt es, die Einreisegenehmigung für einen großen Teil des Konvois zu erhalten, d.h., für diejenigen mit britischem Pass. Ich gehöre nicht dazu.

 

Zweiter Versuch: im darauffolgenden Mai.

Ein Bericht zu dieser Reise findet sich auf der Website von Frieden in Israel und Palästina e.V.

 

Dritter Versuch: Dezember 2009 mit dem Gazafreedommarch

Zum Jahrestag brutaler israelischer Angriffe auf den Gazastreifen ("Operation Cast Lead") war ein Demonstrationsmarsch in Gaza, ein "Gaza-Freiheitsmarsch" mit Tausenden internationaler Menschenrechtsaktivisten geplant. Hauptverantwortlich war nach Rückzug des Ideenträgers Norman Finkelstein die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Code Pink - Women For Peace. Ich übernahm die Koordinierung für die deutsche Gruppe in der Vorbereitungszeit. Noch vor der Abreise war die Verweigerung der Einreiseerlaubnis durch die ägyptischen Behörden bekannt gegeben worden. Daher wurden diverse Demonstrationsveranstaltungen in Kairo durchgeführt. Am 31.12. fand ein symbolischer "Gazafreedommarch" der Teilnehmer auf dem Tahrir-Platz statt, der trotz des rigiden ägyptischen Demonstrationsverbots - dank der Erfindung von "flashmob"-  gelang. Das ZDF berichtete und die taz veröffentlichte am 28.9. einen Bericht von Ivesa Lübben: "Beendet die Blockade von Gaza".

 

Vierter Versuch: Anfang 2011. Über die ägyptische Botschaft Berlin versuchen wir eine Importgenehmigung für die Sachspenden aus der Aktion "Jüdisches Boot" zu bekommen. Zunächst sieht es so aus, als würde unserem Gesuch stattgegeben. Ich werde zur ägyptischen Botschaft nach Berlin eingeladen, um Näheres zu besprechen. Die Spenden stehen alle für den Container nach Ägypten auf dem Seeweg bereit - aber die schriftliche Genehmigung bleibt aus. (Der größte Teil der Spenden erreicht später auf dem Postweg oder über Angehörige von Hilfsorganisationen Gaza)

 

Fünfter Versuch: Mai 2011. Den italienischen Freunden des in Gaza ermordeten Aktivisten Vittorio Ariigoni (vittorioarigoni.org) gelingt es, bei den ägyptischen Behörden eine Einreisegenehmigung für eine Memorial-Reise zu erhalten. Ich schließe mich der Gruppe an. Vittorio schaffte es immer wieder, trotz der Blockade nach Gaza einzureisen. Er blieb während der israelischen Offensive "Gegossenes Blei" in Gaza und berichtete. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch Gaza, Mensch Bleiben veröffentlicht (Verlag: Zambon). Die Deutsche Welle berichtete. 2013 ist eine Neuauflage mit vielen Ergänzungen erschienen.

In den letzten Monaten vor seiner Ermordung hat Vittorio vergeblich versucht, mir bei einer Einreise nach Gaza behilflich zu sein - sein Tod hat es mir ermöglicht. Mit dabei habe ich etliche Spenden, vor allem Musikinstrumente aus der Sammlung des "Jüdischen Boots" - ja, und das Boot selber gelangt hinein, in Form einer Foto-Collage:

 

 

 

In der Collage flattert die Hälfte der Friedensfahnen gegen den Wind - sie waren beidseitig mit den Namen der symbolisch Mitsegelnden versehen. Alle sollten sichtbar sein (s. Tagebuch "Unterwegs nach Gaza"). Drei Bildcollagen wurden mit nach Gaza genommen.

 

 

 

Stimmen aus Gaza zum "Jüdischen Boot":

- Nizar Ayash, Vorsitzender der Fischer-Gewerkschaft: "Wir unterstützen eure Mission und danken euch sehr für die Absicht nach Gaza zu seglen. Wir wünschen uns sehr und hoffen, dass das nächste Jüdische Boot es schaffen wird, in Gaza anzukommen.

- Dr. Eyad Al-Sarraj, Gaza Community Mental Health Programme: Ich glaube, dass die symbolische Ankunft des Bootes der "Jews for Justice for Palestinians" und von Juden, die für den Frieden arbeiten, ein wichtiger Entwicklungsschritt ist (...). Ich hoffe, dass dieser symbolischen Ankunft eine tatsächliche Ankunft von Juden folgt, die sich für Frieden und Gerechtigkeit für Palästinenser einsetzen.

- Emad Naserallah, Gaza music school, Quattan Foundation: Wenn man unter solch harten Bedingungen lebt, dann gibt es Momente der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Aber wenn ihr kommt, dann wissen wir, dass wir nicht alleine sind und wir fühlen uns stärker.

Presseerklärung 15.5.2011 zur symbolischen Ankunft des Jüdischen Bootes in Gaza

 

 

 Bild links: mit italienischer Gruppe "Vik2Gaza" vor Rafah. Im Kinderwagen eine Oud (arabische Laute). Mitte: Das Boot Oliva von CPS, Civil Peace Service,Gaza. Das Boot soll fortan mit Freiwilligen der International Solidarity Movement (ISM) Gaza-Fischer begleiten und israelische Menschenrechtsverletzungen dokumentieren, bzw. zu verhindern versuchen.  Rechts: Familien demonstrieren im Haus des Roten Kreuzes für die Freilassung ihrer Angehörigen aus israelischen Gefängnissen.

Peter Voß, ebenfalls Teilnehmer an dieser Aktion verfasste einen ausführlichen Bericht mit sehenswertem Bild- und Kartenmaterial auf seiner Seite Palästina - Israel.