Zwischen Israel und Palästina - V Wachmänner

V Wachmänner
Jericho, 2008
 
Ich möchte die Synagoge besuchen im Norden Jerichos. Die Straße zieht sich schon eine ganze Weile hin. An der Straßenseite steht ein Polizist. Er wird sich hier auskennen. Spontan wende ich mich an ihn.
Entschuldigung, wie komme ich zur Synagoge?
Der Polizist sieht mich an.
- Zuallererst einmal, guten Morgen! Und als zweites, wie geht es Ihnen?
Mir geht es gut. Ein bisschen beschämt fühle ich mich.
- Und wie heißen Sie?
Und Sie?
Achmed. Achmed hat mir gerade eine Lektion erteilt. Der große Lehrmeister schickt die kleinen unerwartet. Nach israelischer Anweisung hättest du ihn gar nicht fragen dürfen, auf der Landkarte steht es, schlag’ sie auf, die Instructions. Punkt 4: Never ask a Palestinian policeman. Die israelische Roadmap. Ich falte sie wieder zusammen, gehe weiter die Straße entlang, Richtung Synagoge. Ich müsste jetzt hier rechts den Weg abbiegen, die kleine Straße, hat der Polizist gesagt. Von einer Synagoge ist nichts zu sehen. In einiger Entfernung sehe ich zwei Gestalten vor einem Gebäude stehen, sie scheinen uniformiert zu sein. Und sie tragen Waffen. Sie werden irgendein Regierungsgebäude bewachen? Die Gegend sieht nicht danach aus.
Guten Tag, ich suche die Synagoge.
Das ist sie. Einer der beiden deutet mit seinem Arm nach rechts; rechts hinter
ihm ist ein Gebäude, ein kleiner Kasten. Ein kleiner nicht mehr ganz schlanker Herr kommt mir entgegen.
Ist das hier die Synagoge?
- Good morning. What’s your name?
Die Lektion, da ist sie wieder. Noch nicht gelernt. Repetitio est mater studiorum.
Sein Name ist Adnan. Adnan bittet mich, schon mal vorzugehen, er komme gleich. Ich gehe die Treppenstufen zum Eingang hinauf. Auf der schmalen Terrasse sitzen drei junge Leute beim Picknick. Pitas, chicken, Tomaten, Paprika; Coladosen. Sie laden mich ein, mit ihnen zu essen.
Danke, vielleicht später. Ich möchte mir erst die Synagoge ansehen.
Iss, gleich ist nichts mehr da, - ruft Adnan mir nach.
Ich betrete den Innenraum. Links steht die Türe offen. Bücher. Bücher gestapelt auf Stühlen, einige Bücher in Regalen, schwarze, braune, Siddurim, Midraschim. Sie sehen nicht alt aus. Ich möchte drin blättern – später, es gibt noch mehr Räume. Das Lehrhaus, Bejt Midrasch. Wie vor einem Umzug. Es scheint vor nicht allzu langer Zeit noch benutzt worden zu sein.
Adnan telefoniert noch immer draußen, ich gehe auf und ab. Hier muss der Eingang zur Synagoge sein. Endlich! Er schließt auf. Wir stehen vor dem Mosaik, im Halbdunkel, eine Weile in Stille. Scheinwerfer von den Seiten beleuchten es.
Jamal erklärt mir die Geschichte, die er vermutlich jedem Besucher erzählt, er ist Fremdenführer. Auf mittlerer Höhe fallen die Scheinwerfer stärker und zusätzlich von oben herab. Sie beleuchten eine Menorah, darunter eine Schrift, in altem Hebräisch: Schalom al Jisrael. Friede über Israel. Bewacht und betreut von einem Palästinenser, liebevoll betreut.
Es ist schade, dass so wenige Menschen die Synagoge besuchen.
Kommen Juden hier hin?
- Nein. Es ist traurig, dass sie nicht mehr kommen. Wir könnten in Frieden zusammen leben.
Die jungen Picknicker rufen. Dieses Mal kann ich nicht nein sagen. Ich setze mich zu ihnen und nehme von ihrem Picknickteller. Ein bisschen small talk. Einer von ihnen ist Adnans Neffe, die beiden anderen, das Mädchen und der junge Mann, seine Freunde.
Zurück nehme ich einen anderen Weg. Ich bin schon einige Meter von der Synagoge entfernt. Ich bin gar nicht an den Wachsoldaten vorbeigekommen. Oder habe ich sie nicht beachtet, die beiden palästinensischen Cheruben?
Sie hatten mich hineingelassen.

 

Anmerkungen

Jericho ist nach dem Bibelbericht die erste von den Stämmen Israels eingenommene Stadt. Das biblische Jericho liegt weiter westlich vom heutigen Jericho, wo das Wadi el-Qelt das Jordantal erreicht.

Im Norden des heutigen Jerichos liegt die Shalom-al-Jisrael Synagoge aus dem 7. Jahrhundert. Im Zentrums des Mosaikbodens aus geometrischen Mustern ist ein siebenarmiger Leuchter eingearbeitet mit der hebräischen Inschrift „Schalom al Jisrael“, ‚Friede über Israel’ (aramäische Schriftzeichen), begleitet von einem Schofar (Widderhorn) und einem Palmenzweig. Aufgrund der Symbolik wurde sie bei den Ausgrabungsarbeiten während der englischen Besatzungszeit 1936 als Synagoge erkannt. Ein arabischer Bewohner des Ortes ließ ein Gebäude über dem Fundament errichten und erhob Eintrittsgeld für Besucher. Hauptsächlich nutzten fromme Juden das Gebäude für ihre Studien und Gebete.

Im Junikrieg von 1967 wurde Jericho als erste Stadt eingenommen. Sie war auch die erste Stadt, die Israel nach den Osloer Verträgen 1993 wieder an die Palästinensische Autonomiebehörde übergeben hat. Auf Drängen religiöser Knessetabgeordneter entschied sich Ministerpräsident Rabin, für die Synagoge einen israelischen Sonderstatus zu fordern Bis zur Übergabe war das Verhältnis zwischen den jüdischen Gebetsgruppen zur palästinensischen Bevölkerung nicht durch größere Spannungen belastet. Die freundschaftlichen Beziehungen wandelten sich nach dem Scheitern der Osloer Verträge und dem Ausbruch der Intifada. Am 12. Oktober 2000 drang eine Gruppe Randalierer in die Jeschiva (Lehrhaus) ein und zerstörte Bücher und Möbel. Die Palästinensische Behörde ließ den Schaden reparieren, aber kein Israeli ist seit der Zeit in der Synagoge gesichtet worden.

Nach Beendigung der Intifada 2005 zog sich die israelische Armee aus Jericho zurück. Sie ist aber weiterhin an der strategisch wichtigen Straßenkreuzung vor der Stadt stationiert. Wer in die Stadt fahren möchte, passiert hintereinander zwei Checkpoints, einen israelischen und einen palästinensischen.

Die Bewohner der nahegelegenen israelischen Siedlung Mizpe Jericho sehen Jericho als „heiligen Ort“ an, den es „von den Feinden“ zurück zu erobern gilt. „Now that the time has come to rebuild the Temple, we will succeed, with G’ds help, to settle Jericho... If we do not give in one inch of our Holy Land, we have a chance to save it all.“ (www.jewishjericho.org). Die Siedler empfehlen den Bau weiterer Siedlungen um Jericho. Mevoot Jericho im Westen und Ejn Hogla im Osten sind bereits vorhanden.