Zwischen Israel und Palästina - IV Neurosen - Hebron

IV Neurosen
Hebron, 2007
 
- Sind Sie das erste Mal in Israel?
Unzählige Male ist mir diese Frage schon am Flughafen gestellt worden.
Unzählige Male war ich schon in Israel. Muss ich ausgerechnet jetzt, wo Judith, meine Tochter, das erste Mal mit mir kommt, Hebron besuchen?
Hebron ist auch für mich Neuland.
- Nach Hebron würde ich nicht fahren, zu gefährlich.
- Zu unsicher.
- Riskant.
Fast 40 Jahre befolge ich den häufig gegebenen Rat. Hebron lockt mich ohnehin nicht sehr - keine Gewässer, weder süß, noch salzig, noch rot noch tot. Arabisch verstehe ich nicht, interessante Gespräche wird es wenig geben. Und für Hebrons berühmte Ahnen habe ich kein Kommunikationsbedürfnis, zumal die Authentizität der Reliquien höchst zweifelhaft ist.
Aber Hebron steht jetzt auf dem Reiseplan. Ein bisschen palästinensische Wirklichkeit erkunden. Bethlehem ist Ausgangspunkt, hier haben wir übernachtet.
Wir fahren schlecht vorbereitet, mit Absicht. Treiben lassen, führen lassen, beobachten. Ohne Vorurteile Eindrücke aufnehmen. Ein bisschen Zeitgeschichte ist bekannt. Massaker an Juden 1929, die jüdische Siedlung Kiryat Arba, Baruch Goldstein. Ein noch junger Bericht über Hebrons immer leerer werdende Altstadt, gespannte Gitternetze über die ehedem von Menschen und Waren bunt belebten engen Gassen, die vor dem Abfall der über ihnen wohnenden Siedler geschützt werden müssen.
Wir lassen uns mit einem Service-Taxi nach El Khader fahren, zwei Schekel, 50 Cent. Von hier aus gehen Kleinbusse, Taxis, Service-Taxis in die verschiedenen Richtungen. Umschlagplatz. Die Vokabel ist gestern bei einem Besuch in Yad Waschem gespeichert worden. Sechs Schekel bis Hebron. Palästinensische Preise, auch für uns, nicht für Touristen. Wir werden an den Straßensperren nicht aufgehalten, die Blockaden sind beiseite geräumt. Christmas-time.
Wir fragen den Weg zur Altstadt, zum Markt, al Suk. Die Waren werden spärlicher, je weiter wir uns von unserem Ausgangspunkt entfernen. Die Straße ist enger geworden, einige Läden sind geschlossen, leblose Garagentore. Ein Metzger hat seinen Stand geöffnet, ein Kuhkopf baumelt an einem Seil. Gestern hat CNN das Video von Saddam gezeigt. Noch mehr Garagentore. Und über der Gasse die Gitternetze. Dosen, Schachteln, Papier, Unrat wie geschildert. Wir werden angesprochen, das muss er sein, Jamal aus dem Bericht. Er spricht fließend Englisch. Er hat in England studiert. Seinem Vater gehört der Laden. Er hat ihm versprochen, zurückzukehren und das Geschäft zu übernehmen. Aber es ist niemand da, der etwas kauft. Auch wir enttäuschen ihn, kaufen nichts, versuchen zu erklären, dass wir auf andere Weise helfen wollen. Wir gehen weiter, immer mehr geschlossene Läden. Müssen sie schließen? Ein Mann steht vor seinem geöffneten Laden.
- Some must, some go.
Warum sollten sie auch ihre Läden offen halten, wo doch niemand mehr kommt.
In der Seitenstraße rechts, riesige Betonplatten formen eine Mauer, mit aufgesetzten Stacheldrahtrollen, schneiden die Straße ab. Etwas weiter höher ein Wachtposten, Blechbude, mit militärischem grünen Tarngehänge. Judith möchte lieber kehrt machen, sie fühlt sich gar nicht wohl. Aber wir werden wieder angesprochen. Ein junger Postkartenverkäufer, wir gehen mit ihm weiter. Postkarten von der Moschee, von außen, von innen, von innen, von außen, er lässt nicht von uns ab, er wird noch keine Karte verkauft haben. Vor uns ein Eisengitter, ein Drehkreuz, wir gehen hindurch. Keine enge Gasse mehr, ein offener Platz, und die Moschee, das muss die Moschee sein. Ob es uns erlaubt ist, sie zu betreten? Suchen wir den Eingang mal.
Ein israelischer Soldat stoppt uns.
- Wollen Sie in das jüdische Zentrum?
Ja. Warum nicht, wir lassen uns ja treiben, führen.
- Sind sie jüdisch?
Ja.
- Es ist Juden nicht erlaubt, arabisches Gebiet zu betreten.
Stimmt, ich hatte es auf der Straßenkarte gelesen, Judea, Samaria & The Gaza Strip. Entering areas under Palestinian rule is strictly prohibited.
- Ich bin nicht israelischer Staatsbürger, in Deutschland kennen wir dieses Verbot nicht.
Wenn wir jetzt weitergehen, weitergehen dürfen, bedeutet das, wir können nicht mehr zurück durch das arabische Viertel, bedeutet das, wir müssen einen teuren israelischen Bus nehmen, der uns nach Jerusalem bringt, und noch einen Bus, und wieder Checkpoint, Passage zu Fuß, Service-Taxi ...
Das heißt, wir können nicht mehr durch den Markt zurück?
Zurück? - ? Ihren Pass! Ihren Pass!!
Er ruft etwas nach hinten zu seinen Kollegen an der anderen Seite des Platzes. Sein nervöser Kopf bewegt sich unruhig mit der ständig wechselnden Blickrichtung, in dem verzweifelten Bemühen, uns mit Blicken solange festzuhalten, bis die Hilfe der Kollegen kommt.
- You wait here, your passport, ... you wait here.
Er spricht etwas in sein Funkgerät. Ich achte nicht auf die Worte. Ein Blick zu Judith.
Wir verduften
Richtung Drehkreuz. Schnell. Wir gehen in schnellen Schritten, aber wir rennen nicht. Hunde beißen, wenn du rennst. Wir hören sie noch kläffen. Mein Gott, die israelische Neurose, hat sie mich jetzt auch befallen?
 
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