Rabbi Michael Lerner: Unsere Sehnsucht nach einer liebenden Welt

Eine Einführung in den “Spirituellen Bund” [Spiritual Covenant]

 

von Rabbiner Michael Lerner, Herausgeber des Magazins Tikkun www.tikkun.org und Vorsitzender des interreligiös und humanistisch fundierten Netzwerks Spiritual Progressives www.spiritualprogressives.org

 

Wir leben in einer Welt, die liebende und fürsorgliche Menschen kennt.

Wir alle sehnen uns nach einer Welt voll Liebe und Zuneigung. Doch die meisten von uns bezweifeln, dass wir einer liebenden und mitfühlenden Welt außerhalb unseres privaten Umfelds begegnen können.

Warum? Weil der Ethos des kapitalistischen Marktes, der den größten Wert auf Geld und Macht legt, unser persönliches Leben unterwandert hat und unsere unbewussten und bewussten Ansichten über die „menschliche Natur“ formt.

(…) Es ist uns beigebracht worden, auf dem ökonomischen Markt den Blick auf uns selbst zu richten, unsere Gewinne zu steigern und alles Mögliche zu tun, um voran zu kommen, selbst zu Lasten der Menschen, die uns nicht gleichgültig sind. Die meisten Menschen verbringen ihre meiste Zeit arbeitend. Die Weise, in der wir „Realität“ wahrnehmen, ist größtenteils durch unsere Erfahrungen in der Arbeitswelt geprägt. Wir lernen, dass die Arbeitswelt keinen Platz hat für Verletzlichkeit, Fürsorge und Liebe. Sie ist vielmehr durch die Aufforderung bestimmt, die Profite von Geld und Macht zu maximieren. Und das, so glauben wir schließlich, ist die „wirkliche Welt“.

Darum verbergen wir oft unsere Sehnsucht nach tiefen Beziehungen, Zuwendung, Liebe und bauen stattdessen Mauern um uns, um nicht verletzlich zu sein; denn wir sind in der Vergangenheit enttäuscht oder verletzt worden. Wir lernen, andere durch einen Rahmen von Nützlichkeitserwägungen zu sehen, die entscheiden, ob die anderen für die Erreichung unserer Ziele auf dem ökonomischen Marktplatz „nützlich“ sind. Es überrascht nicht, dass diejenigen, die in dieser Weise über andere zu denken erzogen wurden, dazu neigen, dieses Denkmuster auch in unser persönliches Leben hineinzutragen. Das Ergebnis: wir fühlen uns oft umgeben von Menschen, die uns nach dem Kriterium beurteilen, inwieweit wir für sie nützlich sind. Der uns allen gegebene starke „drive“ zu fürsorglicher Liebe scheint in dieser Situation so „unrealistisch“, dass viele von uns sich daran gewöhnt haben, ihn nicht zuzulassen oder zu unterdrücken oder einfach nicht zu glauben, dass andere ebenfalls diesen Wunsch mit uns teilen, in einer liebenden und fürsorglichen Welt zu leben.

Wir sind dazu gebracht worden zu glauben, dass es die Welt, wie wir sie uns wünschen, nicht geben kann; darum bringen wir eine unkluge, selbstzerstörerische Behauptung immer wieder vor: dass jeder – abgesehen von unserem kleinen Freundeskreis (und vielleicht unserer religiösen Gemeinschaft) – nur mit Macht und Geld beschäftigt sei. Diese Ansicht wird von der Gesellschaft kultiviert und es ist gerade der Zynismus hinsichtlich der anderen, der diese Ansicht realistisch erscheinen lässt: Je stärker wir glauben, dass andere uns zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse manipulieren, desto mehr folgen wir selber diesem Verhaltensmuster, um uns zu schützen. Dieser Kreis der Manipulation schafft eine Wirklichkeit, die unseren tiefsten Sehnsüchten und Bedürfnissen entgegengesetzt ist. Wenn wir in diesem Kreis gefangen sind, glauben wir immer stärker, dass der einzig vernünftige Weg zu leben das Streben nach dem ersten Platz ist.

Das Ergebnis ist, dass sich viele von uns einsam, fremd und verängstigt fühlen, selbst in Freundschaften und Lebensgemeinschaften. Wir sehen uns von Menschen umgeben, die sich scheinbar nur in dem Maße um uns kümmern, in dem wir ihnen etwas „liefern“ können. Kurz gesagt, die Menschen haben die alte Grenzziehung des kapitalistischen Marktes absorbiert und sie sind zu dem Glauben gelangt, dies sei die Realität.

 

Eine neue Grenzziehung

Anders als neo-liberal Denkende verstehen ihre spirituell progressiven Gegenparts, dass politische Rechte und ökonomische Ansprüche, auch wenn sie wichtig sind, nicht das sind, was Menschen eigentlich ersehnen. Um unsere Gesellschaft mit ihrem derzeitigen obsessiven materiellem Bestreben zu transformieren, ist es erforderlich, die Menschen wieder mit ihren tiefsten Sehnsüchten nach einer sinnvollen Welt zu verbinden. Gleichzeitig müssen wir einen Rahmen für konkrete politische Vorschläge bereitstellen, die in spirituellen Prinzipien gründen und den eindimensionalen Vorschlägen so mancher Liberalen etwas entgegensetzen.

Wir nennen dies eine neue Grenzziehung – eine die der Betonung des Geldes und der Macht entgegenwirkt und stattdessen Rationalität, Wirksamkeit und Produktivität von Instituten und Unternehmen, von Gesetzgebung, Gesundheits- und Sozialpolitik dahingehend beurteilen, inwiefern sie durch Liebe, Mitempfinden, Freundlichkeit, Großzügigkeit sowie ethische und ökologische Sensitivität geprägt sind. Die neue Profit-Grenze legt die Priorität auf das Maß, nach dem Institute und politische Einrichtungen unser Vermögen fördern, den Anderen als Verkörperung des Geistigen zu sehen und die Großartigkeit des Universums mit Dankbarkeit, Ehrfurcht und Staunen zu erwidern. Wenn wir in der Interaktion mit dem Anderen diese neue Profit-Grenze berücksichtigen, dann werden wir ihn nicht mehr als ein Mittel zur Stillung der eigenen Bedürfnisse sehen. Wir werden stattdessen eine Welt schaffen, in der wir die Menschlichkeit des Anderen entdecken und wertschätzen. In dem Ausmaß wie unsere ökonomischen, politischen und sozialen Arrangements wirklich durch diese neue „Profit-Grenze“ bestimmt werden, werden wir beginnen, wieder Vertrauen in das Gute des Anderen aufzubauen und werden allmählich zu der Ansicht gelangen, dass Mitempfinden und Freundlichkeit nicht nur in unserem  eigenen Heim, sondern auch in den verschiedenen Gemeinschaften und Arbeitsplätzen gedeihen kann.

Das Bemühen um eine Welt, die diese neue „Profitlinie“ enthält, ist das zentrale Anliegen des Netzwerks von Spiritual Progressives. Wir lehnen den Glauben der kapitalistischen Gesellschaft ab, dass der Mensch hauptsächlich durch seinen engen materiellen Eigennutz motiviert ist und rufen Liberale und Progressive auf, die psychologischen, ethischen und geistigen Dimensionen der Menschheit zu bekräftigen, die sich in selbsternannten kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaften nicht entfalten konnten und weitgehend von der liberalen und konservativen Politik der meisten westlichen Länder ignoriert wurden. Unser Spiritueller Bund ist ein Weg, diese neue Grenzziehung zu erlangen. Er hebt die traditionelle Rechts-Links-Spaltung auf und lässt uns eine neue Art politischer Bewegung sehen, die eine große Unterstützung für ein Programms der Heilung und der Transformation unserer Welt gewinnen könnte. Spirituell Progressive wissen, dass progressive ökonomische und politische Forderungen niemals von einer Mehrheit angenommen werden, wenn wir nicht Missverhältnisse und die Hilflosigkeit, die von so vielen Menschen empfunden wird, ansprechen.  Um das zu tun, müssen wir sensible werden, um den tiefen (und manchmal unbewussten) Hunger wahrzunehmen, den die Menschen nach einer Welt verspüren, in denen unser Leben eine höhere Bedeutung hat als die Anhäufung von Geld und Macht. Spirituell Progressive streben danach, eine Welt aufzubauen, die diese fundamentalen Sehnsüchte nährt. Wir verstehen, dass dies sowohl einen inneren Wandel als auch eine fundamentale Neugestaltung unserer ökonomischen und politischen Systeme und unserer Sozialpraktiken erfordert.

Wir bekräftigen den tiefen Wunsch von Menschen, in einer Welt zu leben, in der wir geschätzt, geliebt, respektiert und als Verkörperungen des Geistigen [sacred] behandelt werden. Aber wir erkennen auch die Komplexität des menschlichen Wesens und seine mitunter konkurrierenden und widersprüchlichen Wünsche. Die traurige Tatsache bestehender Gewalt, Schändlichkeit, Egoismus und Schmerz ist uns bewusst. Wir sehen sie nicht nur im Erbe unserer Eltern, die selber unter dem Mangel an gewünschter Zuwendung litten, sondern auch in den Institutionen und Sozialpraktiken, die oft in mächtiger Weise diese schändlichen Eigenschaften reproduzieren. Wir wissen, dass die Veränderungen, die wir in der Welt zu sehen wünschen, vielfache und mannigfaltige Schritte von Tikkun (Heilung und Transformation) auf psychologischem, geistigem, intellektuellem, ökonomischen und politischem Bereich erfordern. Wir sind nicht die unverbesserlichen Optimisten, die der Ansicht sind, dass ein solcher Wandel leicht zu erreichen sei. 

Aber wir haben keine andere Wahl als ihn zu versuchen.

Hier ist die Erklärung dafür:

Dass derzeitige ökonomische und politische System hat eine beispiellose Umweltkrise geschaffen, die dabei ist, Chaos und Verwüstung im Leben der Menschen anzurichten. Es hat das Potential, das lebenserhaltende System unseres Planeten zu zerstören. Während die Krise zunimmt, scheinen die Mächtigen dabei zu sein – anstatt das zerstörerische System zu transformieren – für dessen Erhalt zu werben, indem demokratische und menschliche Rechte unterwandert und autoritäre oder sogar faschistische Regierungsformen gefördert werden. Angesichts dieser Tatsache ist das Bemühen um eine neue Grenzziehung als der vernünftigste Weg zu sehen, um soziales und globales Bewusstsein zu transformieren, so dass wir eine wirksame Bewegung für den Wandel politischer, ökonomischer und sozialer Strukturen aufbauen können.

 

Eine gemeinsame Vision der Welt suchen wir

Es gibt heute Tausende wunderbarer Organisationen, die darum bemüht sind, Ungerechtigkeiten oder der Zerstörung der Natur entgegenzutreten. Oft jedoch wissen die Gruppen zwar, wogegen sie sind, aber sie tun sich schwer zu artikulieren, wofür sie sind. Die Folge ist, dass Millionen von Menschen für die eine oder andere Anstrengung aufbrechen, aber sie scheitern darin, die Anderen als Verbündete im gemeinsamen Bemühen zu erkennen.

Diese Bewegungen versuchen alles, was „zu ideologisch“ klingt, zu vermeiden, aus Angst die Gruppe zu spalten. Sie glauben erfolgreicher zu sein, wenn sie sich auf den einzelnen Kampf konzentrieren, ohne die Leute zu unterweisen, wie das globale System funktioniert oder ohne Aktivisten in eine größere Bewegung einzubinden, die eine Verbindung zwischen den einzelnen Gruppen gewährleistet. Selbst wenn sie mal einen Kampf nach langen Bemühungen gewinnen, werden sie doch mit der Tatsache konfrontiert, dass die globalen Korporationen zur gleichen Zeit Dutzende neuer Angriffe auf die Umwelt unternommen haben und auch immer raffiniertere Wege gefunden haben, sich als sozial oder der Umwelt verantwortlich zu repräsentieren. Das führt zu Ermüdung, Burnout und zu einer zynischen Haltung gegenüber der Möglichkeit zur Transformation.

Unsere neue Grenzlinie und die Vision, die wir in unserem Bündnis [Spiritual Covenant] vorstellen, ist unserer Ansicht nach auch die Vision, die für alle diese Bemühungen vonnöten ist. In diesem Sinne hilft das Netzwerk „Spiritual Progressives“ Menschen aus den verschiedensten Einsatzgebieten, ihr gemeinsames Ziel und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit dem Aufbau einer gemeinsamen Vision und einer gemeinsamen Stategie zu sehen. Ohne Zusammenarbeit haben wir kaum Chancen, die Katastrophen, denen die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten entgegensieht, abzuwenden.

Die gute Nachricht ist diese: Die meisten Leute freunden sich schnell mit der in unserem Bund vorgestellten Vision an, sobald sie ihre anfängliche Vorstellung, dass diese unmöglich zu verwirklichen sei, abgelegt haben. Mit jedem Zuwachs an öffentlicher Unterstützung für eine neue Grenzziehung vergrößern wir die Wahrscheinlichkeit, dass andere ebenfalls ihre Zweifel überwinden. Für eine entscheidende Wende werden noch Jahrzehnte engagierter Arbeit nötig sein, aber dann werden Millionen Menschen erkennen, dass sie nicht alleine in ihrem Bestreben nach einer auf Liebe basierenden Welt sind. An diesem Wendepunkt wird eine Transformation unserer Welt möglich.

Wir meinen, dass jedes menschliche Wesen das Bedürfnis hat, seine Fähigkeiten zu verwirklichen: großmütig, liebend, frei, kreativ, verspielt zu sein; anderen Freude, Anteilnahme, Mitgefühl und Versöhnlichkeit entgegenzubringen, verbunden mit Ehrfurcht und Staunen gegenüber der Größe des Universums und des Mysteriums allen Lebens; auch das Bedürfnis, mit der Erde in Harmonie zu leben und von anderen anerkannt und verstanden zu werden. Diese Fähigkeiten werden systematisch behindert von einer Gesellschaft, die Menschen motiviert, den kulturellen Schwerpunkt auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu setzen ohne die gleiche Energie für die Unterstützung der Bedürfnisse anderer aufzubringen. Wir können uns selber nicht verwirklichen, wenn nicht auch alle anderen die Möglichkeit haben, ihre menschlichen Fähigkeiten zu verwirklichen. Es ist die Frustration angesichts dieser fehlenden Bedürfnisse, wie auch die Verweigerung materiellen Wohlergehens und politischer Rechte, die dem Leiden eines großen Teils der Menschheit zugrunde liegt.

Die folgende Version unseres Spirituellen Bundes [Spiritual Covenant] ist aus Diskussionen mit Zehntausenden von Amerikanern im Verlauf vieler Jahre entstanden und sie entwickelt sich noch weiter. Wir freuen uns über Rückmeldungen und Kommentare (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Wir">Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Wir nehmen jede Rückmeldung ernst, aber wir können nicht auf jede einzelne persönlich eingehen).

Ein Hinweis zu möglichen Erwartungshaltungen:  Dieser Spirituelle Bund  mag viele Stellen enthalten, bei denen sich der Leser fragen wird, „Warum sagen sie uns nicht, wie wir das alles jemals erreichen werden?“ Ein Teil der Antwort liegt darin, dass es schon mehr als ein Buch fassen würde, um ein tieferes Verständnis zu gewinnen. Auch wenn wir schon einige bereits geschrieben und auch Artikel mit unterschiedlichen Schwerpunkten in unserem Magazin Tikkun (www.tikkun.org) veröffentlicht haben, geben wir nicht vor, eine volle Schritt-für-Schritt Anleitung ausgearbeitet zu haben. Dies ist zum Teil Aufgabe der Ortsverbände des Netzwerks Spiritual Progressives. Für uns ist die Hauptsache momentan, zur Vereinigung der verschiedenen Gruppen und Organisationen einer sozialen Erneuerungsbewegung im Sinne der vorgestellten Vision beizutragen und mitzuhelfen, dass die gemeinsame Vision erkannt und verbreitet wird (…). Wen diese Vision anspricht und sie verbreiten helfen will, ist bei NSP willkommen: www.spiritualprogressives.org

(…)

 

Autorisierte Übersetzung. Für die Fortsetzung des Textes in englischer Sprache s. http://spiritualprogressives.org/newsite/?page_id=37;

in deutscher Sprache: nach Rückmeldung über Kontakt.