Ned Rosch: Für die Palästinenser zu sein ist nicht antisemitisch

Ned Rosch: Für die Palästinenser zu sein ist nicht antisemitisch 

Ariel Sharons Tod lässt mich innehalten und über meinen eigenen Weg im Israel-Palästina-Konflikt nachdenken. Meinen Namen erhielt ich nach einem Opfer des Holocaust. Ich wuchs in einer Familie auf, in der die Verbindung zum traditionellen Judentum nur von unserer Verehrung für den Zionismus übertroffen wurde und in der Israel augenfälliger Ausdruck eines wahr gewordenen 2000 Jahre alten Traumes war. Zionismus lag in der Luft, und Israel war ein wesentlicher Teil dessen, was jüdisch-sein bedeutete, denn wenn der Holocaust unsere Herzen gebrochen hatte, dann war die Entstehung Israels unsere Erlösung. Ich hielt mich für unvoreingenommen, wenn ich daran festhielt, dass es zwei legitime Ansprüche auf dasselbe Land gibt und dass der Konflikt darum so unlösbar ist. Wirklich unlösbar war aber nur der Streit in meinem Herzen. In jeder Hinsicht hatte ich fortschrittliche Ansichten, außer in einer. Ich demonstrierte für Bürgerrechte, für Frauenrechte und gegen Krieg. Aber wenn es um Israel-Palästina ging, zerriss es mich innerlich. Israel hatte die einheimische Bevölkerung "ethnisch gesäubert", aber wie konnte ich nach tausenden Jahren jüdischen Leidens meinem Volk den Rücken kehren? Meine Welt zweier Narrative begann sich zu entwirren, als ein Freund mich aufforderte, nicht zwei widerstreitende Narrative zu sehen, sondern die eine Geschichte der wirklichen Ereignisse. Diese Aufforderung setzte mir ein wichtiges Ziel in meinem Lebensweg, nämlich den Kampf um grundsätzlichen Einklang meiner politischen Ansichten über Israel-Palästina mit meinen Werten. Ich begann zu verstehen, dass meine Befreiung als Jude tief verwoben ist mit der Befreiung der Palästinenser und dass die jüdische Tradition des “der Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst Du nachjagen" von mir verlangte, den Palästinensern in ihrem Kampf beizustehen. Wenn ich das tat, dann kehrte ich nicht nur nicht meinem Volk den Rücken, sondern ich hielt die höchsten Werte des Judentums hoch und eignete sie mir in einer für mich tief bedeutsamen Weise an. Man muss unbedingt begreifen, dass eine kritische Haltung zu Israel nicht gleichbedeutend mit Antisemitismus ist. Wenn sich Leute in diesem Konflikt engagieren, weil sie Juden nicht mögen, dann sind sie wahrscheinlich Antisemiten. Wenn sie jedoch daran arbeiten, weil sie an Gerechtigkeit glauben, dann ist das wohl kaum antisemitisch. Man nennt das "ein Gewissen haben". Was an der Unterstützung eines unterdrückten Volkes ist gegen jüdische Lehren? Der Kampf der Palästinenser ist zu einer tiefgreifenden Angelegenheit der Moral geworden, ein Nachfolger des Kampfes gegen die südafrikanische Apartheid. Uns Juden trifft dieses Thema in unserem Kern, denn es wird irgendwann unser Herz brechen. Die Frage ist, ob es unser Herz in Stücke brechen wird, so wund, dass man sie nicht mehr zusammenfügen kann, oder ob es unsere Herzen aufbrechen wird, hin zu einer Empfindsamkeit für die Leiden anderer. Vielleicht ist das Erlösende an dieser ganzen Tragödie, wie wir – indem wir für Gerechtigkeit für die Palästinenser einstehen - unser Leben, unsere Politik und unsere Werte neugestalten und dadurch neue und tiefer bedeutsame Wege zu uns selbst und unseren jüdischen Wurzeln finden. Es geht um eine Entflechtung des Judentums vom Zionismus, sodass wir die unermessliche Schönheit des ersteren und die hochgradigen Widersprüche des letzteren sehen. Es geht um eine Wiederaneignung der in uns am tiefsten verborgenen Teile, während der Kampf um uns herum – und in uns – tobt.

Sharon wachte nie mehr auf, aber immer mehr Juden tun es.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Rolf Verleger
Originalfassung: The Oregonian, 15. 1.2014