Admiel Kosman: Vertreibung schmerzt

In der biblischen Erzählung von der Vertreibung Jischmaels und Hagars (erzählt unmittelbar im Anschluss an die Geschichte von der Geburt Jizchaks) gibt Abraham ein großes Trinkmahl am Tag, da Jizchak entwöhnt wurde. Bei dieser Feier, wie sie im ersten Buch Mose (21, 9) geschildert wird, erblicken Sarahs Augen Jizchak „lachend“. „Lachend“ ist ein sehr unklarer Ausdruck, den unsere Weisen unterschiedlich interpretieren: Jischmael bete Götzen an, oder er vergewaltige Frauen, oder er versuche, Jizchak zu ermorden. Aber es ist auch vorstellbar, dass die Geschichte eine Spannung zwischen zwei Frauen widerspiegelt, die letztlich Sarahs Gemütsausbruch verursachte. Man kann annehmen, dass dieses festliche Ereignis in dem größeren Bruder, Jischmael, Eifersucht weckte - wegen der Aufmerksamkeit, die man dem kleinen Jizchak, dem Sohn der Herrin, entgegenbrachte und weil ein solches Fest ihm zur Zeit seiner Entwöhnung nicht bereitet wurde. Es ist also möglich anzunehmen, dass die Bibel hier erzählt, wie Sarah den Jischmael über seinen kleinen Bruder spotten sah. Auf jeden Fall ist das Ergebnis dieser Peinlichkeit, dass Sarah von Abraham fordert, Hagar zu vertreiben: „denn nicht soll der Sohn dieser Sklavin mit meinem Sohn, mit Jizchak, erben“ (21, 10). Abraham schreckt davor zurück, aber Gott schaltet sich zugunsten Sarahs ein (21, 11-13) und Abraham vertreibt Hagar in die Wüste, zusammen mit Jischmael, ihrem Sohn (21, 14).

 

In letzter Zeit mehren sich in Israel öffentliche Meinungsäußerungen, dass das Kapitel der Vertreibung Hagars so etwas wie ein göttlicher Wink sei, die Politik des Transfers der arabischen Bevölkerung zu stärken. Eines der effektivsten Mittel für die Verbreitung dieser Position in der religiösen Gesellschaft sind die wöchentlichen Schabbatblätter. Die Verbindung des Religiösen mit dem Politischen in den Auslegungen der Torah, die am Schabbat in der Synagoge verlesen werden, ist ein sehr wirksamer „Trick“, dessen sich die Juden schon in der Antike bedienten. So konnten zum Beispiel die Prediger zur Zeit der römischen Besatzung umstürzlerische Rede in einer Predigt in der Tarnung von „dem bösen Esau“ verwenden [Esau = Rom]. Selbst wenn ein Römer am Eingang Wache gestanden hätte und selbst wenn er den örtlichen Dialekt verstanden hätte, wäre er nicht in der Lage gewesen, den auf die aktuelle Situation bezogenen Sinn der Auslegung zu verstehen, weil ihm der Erkennungsschlüssel der Synagogenbesucher fehlte. Das gleiche kann von den Predigten der Imame in den Moscheen gesagt werden. Auch wer die Sprache beherrscht, wird die tiefer liegenden Botschaften, die in ihren gelehrten symbolischen Feinheiten enthalten sind, nicht verstehen.

 

Man sollte hier vielleicht eine Erklärung über die Natur dieser Mitteilungsblätter hinzufügen, die in den Synagogen im ganzen Land verteilt werden (ein Teil von ihnen wird auch in religiösen Radiostationen verlesen und sie erscheinen im Internet). Diese Blätter üben einen immer stärker werdenden Einfluss auf die Meinungsbildung der religiösen Gesellschaft aus – so wie man das von jedem in der Welt verbreiteten missionarischen Material sagen kann, dessen Erfolg daher rührt, dass es kostenlos ist und leicht verständlich.

 

Ein Beispiel aus vielen dieser Auslegungen, die zu unserem Thema in diesen Mitteilungen verbreitet werden, ist jene des Rabbiners Eliezer Melamed, der Vorsitzende der Har Beracha Jeshiva in Samaria. Seine Predigt kann man auf der Website von „Kanal 7“, dem Radio-Programm der Siedler, auf Hebräisch nachlesen. Sie erscheint unter dem harmlosen Titel: „Die Fernhaltung Jischmaels geschieht zu seiner Verbesserung“. Ein Blick auf die Untertitel des Artikels verrät, worauf der Autor hinaus will: „Die Entscheidung zur Vertreibung“, „Die Vertreibung schmerzt“, „Die Vertreibung ist gerechtfertigt“ und ähnliches. Die Predigt enthält viele Andeutungen zur aktuellen Lage. So behauptet Melamed etwa: „Hätten Hagar und Jischmael sich selber abgesondert und sich mit der Tatsache abgefunden, dass es zu ihrem Besten sei, an einem anderen Ort ihre zukünftige Existenz aufzubauen, wäre die Vertreibung leichter gewesen und die Gewissensqualen [die Abraham erleidet] hätten sich legen können.“

 

Da offensichtlich Melamed in seiner Ausführung die Araber anspricht, wie spätestens aus dem Ende seines Artikels klar wird, kann man ihr auch seine Ansicht entnehmen, wie gut es doch wäre, wenn die Araber bloß verstünden, dass ihr Fortgang aus eigener Entscheidung die beste Lösung für sie selber wäre. So könnten wir uns von ihnen trennen, „nachdem sie sich mit der Tatsache abfänden, dass es nur zu ihrem Besten sei, an einem anderen Ort ihre zukünftige Existenz aufzubauen“.

 

Um seine Ansicht zu untermauern, fügt Melamed die Erzählung hinzu, dass Jischmael in einem späteren Abschnitt seines Lebens „bereut“ – und siehe, so folgert er, dies geschah nach der Vertreibung Hagars und Jischmaels. Hier sei also bewiesen, dass gerade die Vertreibung Jischmael geholfen habe, seinen Lebensweg zu verbessern und das Verdienst zu genießen, zusammen mit Jizchak ihren Vater Abraham in der Höhle Machpela zu begraben (25, 8-9). Und wie kam diese Brüderlichkeit zustande? Weil Hagar und Jischmael, „gerade nachdem sie vertrieben wurden und litten, ihre Sünden erkannten und reumütig umkehrten.“ Worin drückt sich die Reue Jischmaels aus? Die Antwort ist nach Melamed die folgende: In der Anerkennung durch Jischmael (= der Araber), dass „unser Erzvater Jizchak [= die Juden] der alleinige Erbe des Vermächtnis Gottes und des Landes Israels sind.“

 

Wie oben erwähnt, bleiben die Worte nicht nur Andeutungen. Der Autor ist sehr bemüht, Unklarheiten seiner Botschaft denjenigen zu deuten, die sie im Verlauf der Lektüre noch nicht begriffen haben. Der abschließende Abschnitt ist betitelt „Wie damals, so auch heute“. „Wie damals [in den Tagen Jizchaks und Jischmaels], so auch heute: Wir haben geglaubt, wenn wir gut zu unseren Nachbarn, den Arabern, Jischmaels Kindern, wären, wenn wir das Land zum Blühen brächten, das in ihrem Besitz Wildnis war, wenn wir die Wirtschaft entwickelten, so dass der Lebensstandard wachsen würde, wenn wir ihnen Vorteile gewährten, die ihnen kein arabisches Land geben würde, wären sie uns dankbar. Aber je mehr wir zu ihrem Wohlergehen beitrugen, desto stärker bekämpften sie uns. Wenn wir ihnen das Leben schwer machen [wie es unsere Erzmutter Sarah tat, nur zu ihrem Besten selbstverständlich] oder versuchen, sie im Krieg töten, werden sie uns nur weiter anklagen“ [= denn sie wissen ja nicht, was wirklich gut für sie ist].

 

Was können wir also tun, nachdem wir verzweifelt versucht haben, sie zu überzeugen, dass wir ihnen nur zur Verbesserung ihres geistigen Zustands helfen können, indem wir sie bedrücken [so wie Sarah in der Vergangenheit Hagar peinigte und ihr damit für alle Zeiten eine Lektion erteilte] Hier der Rat Melameds: „Der einzig richtige Weg ist, den jüdischen Charakter des Landes zu stärken und jedem klar zu machen, dass dieses Land unser Land ist und keiner anderen Nation zum Erbbesitz gegeben ist. Wer dies mit Liebe aufnimmt, kann mit uns hier als „ger toschav“, als ‚ansässiger Fremder’ leben [= unter Beachtung der noachidischen Gebote]. Aber gegenüber denen, die dies nicht akzeptieren können, müssen wir zu allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln greifen, um sie von hier zu vertreiben.

 

Melameds Artikel ist voller Verdrehungen und Verzerrungen antiker jüdischer Quellen. Der Autor scheint nicht einmal zu wissen, dass die Erzählungen unserer Weisen über Hagar und Jischmael sich überhaupt nicht auf Araber oder auf den Islam beziehen; denn in der Epoche der Weisen gab es nicht die geringste Verbindung zwischen jenen, die im Talmud Araber genannt werden und den Bibelgestalten Hagar und Jischmael; und natürlich weil der Islam ja erst durch Muhamed im siebten Jahrhundert gegründet wurde. Daher versteht sich von selbst, dass Hagar und Jischmael von unseren Weisen nicht als Muslime angesehen wurden. Eine Identifizierung als Muslime kennen erst die jüdischen Gemeinden des Mittelalters, wobei der Weg ihrer Entstehung und Verbreitung noch unklar ist. Der Historiker Fergus Millar behauptet, dass die Verbreiter dieser Ansicht sie nicht aus dem rabbinischen Schrifttum schöpften, sondern aus der Beschreibung des Nevajot (Nabaioth) durch Flavius Josephus (Jüdische Altertümer). Nach Josephus ist Jischmaels Erstgeborener, diese biblische Randfigur (1.Mo, 25, 13/ 1.Chr.1, 29). mit den Nabatäern verbunden, die in der römischen Epoche Araber genannt wurden. Millar nimmt an, dass sich durch diese Verbindungslinie (Nevajot > Nabatäer > Araber) die Identifizierung der Nachkommen Jischmaels als Muslime im mittelalterlichen Judentum verbreitete (Näheres zu den Quellen s. Akdamot, Vol. 24, S. 112-113).

 

Das gewichtigste Argument gegen diese Predigt liegt jedoch darin, dass sein Autor die großen jüdischen Kommentatoren ignoriert, die harte Kritik an Sarahs Verhalten üben. Moses ben Nachman (Nachmanides), beispielsweise, meint in seiner Auslegung (zu 1.Mo, 16, 6), „dass Abrahams Versäumnis, Hagar zu schützen, als Sünde zu betrachten sei“. Die „Bedrückung Israels durch die Muslime“ interpretiert er als Strafe für die moralische Sünde Abrahams und Sarahs [hier mit ihrem ursprünglichen Namen „Sarai“] gegenüber Hagar [nach 1.Mo, 16,6]:  „Als Sarai sie quälte, floh sie vor ihrem Angesicht – unsere Erzmutter sündigte mit dieser schlechten Behandlung, und auch Abraham, indem er dies zuließ. Und Gott erhörte ihre [Hagars!] Bedrückungen und gab ihr einen Sohn, der ein „Wild-Mensch“ [16,12] sein wird und der Abrahams und Sarahs Nachkommen in vielerlei Weise bedrücken wird.“

 

 Auch David Kimchi übt in seinem Kommentar zu diesem Abschnitt der Tora heftige Kritik an Sarah: „Sarais Verhalten ist fern von Moral, von Frömmigkeit oder einem guten Herzen. Es steht dem Mensch nicht an, mit Menschen, die für ihn arbeiten, nach seiner Willkür zu verfahren [es ist nicht richtig, seine Macht gegenüber einem Anderen auszunutzen] … und das, was Sarai machte, war nicht gut in den Augen Gottes, so wie der Engel zu Hagar sagte: ‚weil Gott deine Bedrückung erhört hat’ [16, 11], so segnet Gott sie wegen ihrer Bedrückung.“

 

Es sieht so aus, als wolle Melamed die messerscharfe Kritik der jüdischen Weisen vertuschen. An einer Stelle verrät er aber seine gegenteilige Meinung zu den Positionen des Nachmanides und David Kimchis: „Nachmanides und Kimchi sind der Ansicht, dass ihr [Sarahs] Verhalten nicht richtig war, aber [= diese Tora-Exegeten irren und der Beweis ist,] unsere gerechte Erzmutter Sarah hoffte, dass, wenn sie Hagar, ihre Magd, bedrückte, Hagar ihren Platz verstehen würde und die ursprüngliche Ordnung wieder hergestellt wäre.“

 

Was an diesem Bericht überrascht, ist, dass eine erste semantische Analyse viele Ausdrücke aufzeigt, die eine Liebe gegenüber den Arabern andeuten. Doch eine zweite Lektüre verdeutlicht, dass in ihm Ermutigungsrufe enthalten sind, eine starke Hand gegenüber den Arabern zu gebrauchen und sie mit Gewalt aus den israelischen Gebieten zu vertreiben. So sagt Melamed beispielsweise unter der Überschrift des ersten Abschnitts, „Die gute Absicht hinter der Annäherung Hagars“, dass dank ihrer Freizügigkeit [= Sarahs, d.h., der Juden] Gott ihre Erlösung [Hagars, die der Araber] beschleunigen und ihr einen Sohn schenken werde. Und der Sohn wird sich dann zu ihrem Sohn [Sarahs] gesellen, um die große Vision zu verwirklichen, die sie [= die Juden] in die Welt gesetzt haben.“ Und er fährt fort: „Wenn sie sich an einem anderen Ort ansiedeln [nach dem Transfer], können die Söhne Jischmaels all das Gute, was wir ihnen und der Welt gebracht haben, sehen und sie werden unseren hohen Stand als Söhne Jisraels und als Empfänger der Tora und Erben des Landes, das Abraham versprochen wurde, erkennen. Dann werden auch sie mit uns zur Verbesserung der Welt beitragen.“

 

Es scheint mir angebracht, mit einem Zitat von Sarah Achmed (Professorin für Soziologie, Universität London) zu schließen, die in ihrem Artikel „Im Namen der Liebe“ (Borderlands, Bd. 2, Nr. 3, 2003) in eindringlich scharfen Worten zeigt, wie viel Propaganda sich hinter pseudo-religiösem Schrifttum verbirgt – in den Schriften der Welt, wie in der Schrift Melameds. Sie schreibt: „Es ist üblich, dass ‚Hassgruppen’ vorziehen, sich als ‚Organisation der Liebe’ zu repräsentieren. Solche Gruppen behaupten, dass sie aus Liebe für ihresgleichen handeln, und für die Nation … und nicht aus Hass gegenüber Fremden und anderen. Ein wesentlicher Aspekt ist tatsächlich, dass Hass als von woanders herkommend gesehen wird wird“ [und propagiert wird]. „Hass wird so zu einer Emotion, die nur von jenen gesehen wird, die Hassgruppen definieren als das, was sie dem Wesen nach auch sind: Hassgruppen.“

Prof. Dr. Admiel Kosman ist Vorsitzender der "School of Jewish Theology" an der Universität Potsdam und akademischer Direktor des Abraham Geiger Kollegs, Berlin.

Übersetzung aus dem Hebräischen: Edith Lutz