Mit Macbeth in den Untergang?

- Wie Freunde und Feinde Israels dazu beitragen, die Katastrophe herbeizuführen -

(erschienen in Jüdische Zeitung, Nov 2012; eine englische Fassung in Tikkun, Nov 2012)

Macbeth, der schottische Edelmann, wird zu Beginn der Shakespeareschen Tragödie als ein Mensch mit widersprüchlichen, aber überwiegend positiven Eigenschaften vorgestellt: Er ist mutig, sensibel, nobel, loyal. Aus einer möglicherweise falsch verstandenen Vision heraus - drei Hexen prophezeien die Königskrone für Macbeth - begeht er den ersten schwerwiegenden Fehler. Um diesen zu verdecken, erfolgt der zweite, der dritte. Alle folgenden Rechtsbrüche dienen der Verdeckung der vorangegangenen. Er mordet, lässt morden, verbreitet Lügen und beordert Spione in die Häuser anderer Regenten. In diesem verzweifelten und paranoiden Zustand sieht er sich von allen Seiten von Feinden umgeben. Je verzweifelter die Lage für Macbeth wird, desto größer ist der Verlust des moralischen Empfindens. Es scheint für Macbeth kein Zurück zu geben. Er muss weiter töten, bis er selber im Kampf mit dem Feindbild getötet wird. Mit Laubzweigen des nahen Waldes getarnt nähert sich das feindliche Heer der Burg Macbeths und erfüllt eine weitere Vision der Hexen: der Wald von Birnam bewegt sich – auf Macbeths Untergang zu.

Eine Vision steht auch zu Beginn der ersten zionistischen Einwanderungen nach Palästina: Eretz Israel. Mit der Vision des Landes verbunden ist die Hoffnung, nach Jahrhunderten der Verfolgung und grausamer Pogrome endlich unbehelligt leben zu können und einer Beschäftigung nachzugehen, die den jüdischen Einwanderern in ihren Herkunftsländern untersagt worden war, beispielsweise die Betreibung der Landwirtschaft. Die neuen Siedler des Landes begehen einen verhängnisvollen Fehler: Sie schließen die arabische Beteiligung von der Bewirtschaftung aus. Die arabischen Bauern, die bis zum Verkauf durch Großgrundbesitzer das Land als Pächter bestellt hatten, sehen sich nicht nur ihrer Erwerbsquellen beraubt, sie sehen auch eine fremde Mentalität in immer größer werdender Zahl in das Land eindringen. Sie wehren sich mit Angriffen. Gegenangriffe der Eingewanderten erfolgen. Die ersten Fehler werden nicht erkannt oder (bewusst?) ignoriert.

Das Ausmaß der Übertretungen vergrößert sich. Noch vor der Staatsgründung werden arabische Dörfer vernichtet. Während des Krieges von 1948 setzen sich Vernichtungs- und Vertreibungsaktionen fort. In den Aufbaujahren werden Spuren der Vernichtung beseitigt, Parkanlagen und Wälder entstehen über den Stellen vernichteter arabischen Dörfer und Landgüter. Die Verdeckung vorangegangener Fehler lässt Propagandalügen entstehen. Israel sieht sich von Feinden umgeben, zum Töten gezwungen, lässt töten ... Israel als Verkörperung der Macbeth-Figur?

Israel ist nicht Macbeth. Wenn überhaupt die Mythosfigur sich auf Staatswesen übertragen lässt, wäre die Festlegung auf das eine Wesen Israel nicht gerechtfertigt. Was aber lockt den Vergleich hervor, der sich nachsagen lassen muss, einseitig zu sein?

Den vergleichenden Betrachtungen zwischen Israel und Macbeth können Ähnlichkeiten und Unterschiede entnommen werden, die richtungweisend für einen Weg aus dem mit Israel verbundenen Nahost-Dilemma sein können. Wie der mythischen Figur fehlt es auch Israel an weisen beratenden Freunden. Schlecht geschützt ist Israel, stellt der Rabbi von Bacharach in Heines gleichnamigem Romanfragment fest: »Falsche Freunde hüten seine Tore von außen.« Die angeblichen Freunde helfen mit, Israel mit einem Waffenarsenal gefährlichen Ausmaßes zu bestücken. Die Waffenlieferungen mögen geeignet sein, das Gewissen ›historischer Schuld‹ zu besänftigen, aber sie beseitigen nicht die Angst des Empfängers, der sich von Feinden umgeben sieht. Die Angst wird zusätzlich genährt durch die Vorstellung, sich auf niemanden verlassen zu können. Die geschichtliche Erfahrung des Holocausts hat gezeigt, dass diese Angst nicht ganz unbegründet ist: Selbst nach Bekanntwerden des Ausmaßes der Gräueltaten war kaum ein Land bereit, die Gestrandeten aufzunehmen.

»Falsche Freunde« können auch jene Pro-Israel-Lobbyisten sein, Gruppen wie Individuen, die Israel uneingeschränkt Solidarität bekunden. Eine – möglicherweise aus einem Mitgefühl kollektiven Leids oder auch aus einer religiösen Ideologie erwachsene – Mentalität nach der Devise ›Egal was du machst, wir halten zu dir‹ kann den Weg in die Katastrophe beschleunigen helfen. Eine ebenso große Gefahr geht von Friedenswilligen aus, die sich der Durchsetzung von Recht und Gerechtigkeit verschrieben haben. Was zunächst paradox klingt, wird aus der Gefahr der immer stärker zunehmenden Polarisierung zwischen Israel-Unterstützern und Israel-Gegnern verständlich. Unter den Letztgenannten finden sich auch sogenannte ›Friedenskämpfer‹, nach Gerechtigkeit Strebende, die sich in guter Absicht die Zweige des Waldes von Birnam umgelegt haben, der in Shakespeares Drama das Ende Macbeths ankündigt. Wenn Aktionen zur Unterstützung einer Konfliktpartei nicht gleichzeitig von Gesprächen mit der anderen Seite begleitet werden, können sie zu einer Gefahr werden: Sie treiben die andere Konfliktpartei in die Enge und trotzen ihr möglicherweise eine unvernünftige Verteidigungshandlung ab.

Frieden kann nicht erkämpft werden, man kann sich ihm nur in ruhigen, geduldigen Schritten nähern. Der Weg zum Frieden setzt die Mühe voraus, auf die ›andere Seite‹ zuzugehen, den Mut, Fakten beim Namen zu nennen und die Empathie, mit dem Gegenüber gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen. Dies müsste auf allen Ebenen, der individuellen wie der politischen, recht bald geschehen; denn der Wald von Birnam nähert sich, und Macbeth, in seiner Angst, wird paranoid.

 Die zunehmende Polarisierung unter den Pro- und Contra-Gruppen hat wie auf der großen politischen Ebene zwischen Israel und Palästina eine Stufe der Eskalation erreicht, auf der Gespräche kaum noch wahrgenommen werden. Setzt sich diese Entwicklung ungehindert fort, wird sie bald die letzte Stufe im Konflikt-Eskalationsmodell erreicht haben: ›Gemeinsam in den Abgrund‹.